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2. August 2024

«Eva Wipf – Seismograf in Nacht und Licht»

Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, bis am 19. Dezember 2024

Bild: © Eva Wipf. Rote Landschaft, um 1952, Öl auf Pavatex, 60 × 80.8 cm, Museum Eva Wipf, RC 166

© Eva Wipf. Ohne Titel, undatiert, Schublade, Ölfarbe, Stallschloss, Collage mit Sternzeichenkalender, Sonnenuhr, 54.2 × 32.6 × 13.2 cm, Museum Eva Wipf, RC 544

Bild: © Eva Wipf. Ohne Titel, undatiert, Schublade, Ölfarbe, Stallschloss, Collage mit Sternzeichenkalender, Sonnenuhr, 54.2 × 32.6 × 13.2 cm, Museum Eva Wipf, RC 544

Eva Wipf (1929–1978) gehört zu den aussergewöhnlichsten Phänomenen der Schweizer Kunstgeschichte: Die Brüche und Abgründe der Nachkriegszeit übersetzte die Tochter eines Missionarspaars in berührende Objektassemblagen.

Der Weg dorthin führte sie durch eine existenzielle künstlerische Suche vom altmeisterlichen Tafelbild über visionäre Collagen bis hin zu ihren aus Fund- und Flohmarktobjekten zusammengesetzten Plastiken. Nun widmet das Kunstmuseum Thurgau der unterschätzten Künstlerin ein Buch und eine umfassende Einzelausstellung.

Der Zweite Weltkrieg war gerade mal vier Jahre vorbei, als die 20-jährige Eva Wipf notierte: «Ich möchte immer Seismograf sein, in Nacht und Licht, auch wenn ich einmal zerbrechen müsste.» Doch seismografisch feine Linien reichten nicht aus – in berührende Objektassemblagen übersetzte die eigenwillige Künstlerin die Brüche und Abgründe ihrer Generation. Sie sind schonungslose Zeichen der Auflehnung gegen gesellschaftliche Normen und Konventionen. Heute gehören sie zu den beeindruckendsten Phänomenen der Schweizerischen Kunstgeschichte.

Schon früh thematisierte Eva Wipf den Holocaust auf schonungslose Weise. Gleichzeitig beleuchtete sie die Fortschrittseuphorie der 1960er-Jahre, wenn sie erste Computerplatinen verarbeitete und so fragte, was denn wahrer Fortschritt bedeutet.

Darüber hinaus existieren zahlreiche Werke, in denen sich die Suche nach anderen Lebensformen und neuen Formen der Spiritualität kristallisiert: die Konstellationen machen bildnerische Anleihen bei Schreinen oder Altären, doch wirken sie als künstlerische Kompositionen befreit von jeder religiösen Festschreibung. Es sind vielmehr persönliche, universelle Zeichensysteme.

«Meine Kunst wird Magie sein», notierte Eva Wipf 1978, kurz vor ihrem viel zu frühen Tod. Doch wie so viele ihrer Zeitgenossinnen fand Eva Wipf in der männlich dominierten Kunstwelt zeit ihres Lebens zu wenig Anerkennung für ihr Schaffen.

Im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts wurden die Aufzeichnungen von Eva Wipf gesichtet und ihr Werk in die Zeit und den kunsthistorischen Kontext eingeordnet. Die umfassende Retrospektive im Kunstmuseum Thurgau präsentiert neben vielen Werken von Eva Wipf auch Tagebuchaufzeichnungen, Bezüge zu internationalen Positionen sowie Werke von Weggefährtinnen aus der damaligen Künstlerszene, wie der Künstlerkolonie Südstrasse in Zürich.

Mit Werken von Eva Wipf, Mario Comensoli, Hanny Fries, Vergita Gianini, Friedrich Kuhn, Samuel Lier, Secondo Püschel und Carlotta Stocker.

Ein Projekt in Kooperation mit dem Museum Eva Wipf in Pfäffikon (ZH).

Zur Publikation

Zur Ausstellung gibt das Kunstmuseum Thurgau gemeinsam mit dem Eva Wipf Museum in Pfäffikon ZH eine reich bebilderte Publikation heraus. Das Herz dieser Monografie bilden die erstmals ausführlich publizierten Tagebuchtexte von Eva Wipf. Die Texte zeichnen ein zerrissenes Seelenleben nach, bieten aber auch ein Bild der Schweizer Gesellschaft der 1950er- bis 1970er-Jahre. Wipfs Leben in und mit der jungen Kunstszene der Nachkriegszeit, insbesondere in der Künstlerkolonie Südstrasse in Zürich, wird anhand ihrer Notizen greifbar. Der Band wird abgerundet durch ein ausführliches Personenglossar, das die wichtigen und prägenden Menschen aus dem Umfeld der Künstlerin porträtiert.

Herausgegeben von Stefanie Hoch und Felix Pfister, mit Texten von Stefanie Hoch, Christian Michelsen und Felix Pfister, über 100 farbige Abbildungen, 208 Seiten, Grafik: Nadine Rinderer, Frauenfeld, Verlag Scheidegger & Spiess

© Eva Wipf, Landschaft mit thronendem Christus, 1958, Collage, 70 x 100 cm, Kunstverein Museum Eva Wipf

Bild: © Eva Wipf, Landschaft mit thronendem Christus, 1958, Collage, 70 x 100 cm, Kunstverein Museum Eva Wipf

Bild: Eva Wipf, undatiert, fotografiert wahrscheinlich von ihrer Freundin Vergita Gianini - Foto: © Museum Eva Wipf

Bild: Eva Wipf, undatiert, fotografiert wahrscheinlich von ihrer Freundin Vergita Gianini – Foto: © Museum Eva Wipf

Biografie Eva Wipf

Eva Wipf wurde 1929 in Santo Ângelo do Paraíso in Brasilien als ältestes von sieben Kindern des Missionsehepaares Frieda und Johannes Wipf geboren.

1934 kehrte die Familie in die Schweiz zurück und bezog das Pfarrhaus in Buch im Kanton Schaffhausen. 1946 begann Eva Wipf eine Lehre als Keramikmalerin in der Tonwarenfabrik Ziegler in Thayngen. 1947 erste Schaufensterausstellungen am Bahnhofplatz Schaffhausen. Einzelausstellungen in der Galerie Forum Schaffhausen, im Casino Winterthur und im Club 49 in Konstanz. Aufenthalt in Florenz. 1949-1952 Reisen nach Florenz und Amsterdam.

1953 – 1966 war Eva Wipf Teil der Künstlerkolonie Südstrasse in Zürich.
Stipendien der Stadt Zürich. Teilnahme an Gruppenausstellungen. 1959 und 1965 Stipendium der Stadt Zürich. 1965 Ausstellung im Strauhof Zürich mit Vergita Gianini.

1966 zog Eva Wipf ins Fischerhaus in Merenschwand im Freiamt, Kanton Aargau, zu ihrer Freundin Marian Werner. 1968 Einzelausstellung mit Publikation im Wessenberghaus in Konstanz. 1968 und 1969 Stipendium des Kantons Zürich. Einzelausstellungen und Teilnahme an Gruppenausstellungen.

1973 ermöglichte ihr ein Gönner, das Haus an der Falkengasse 11 in Brugg, Kanton Aargau, zu beziehen. Einzelausstellungen und Teilnahme an verschiedenen Gruppenausstellungen.

1975 Werkjahr des Kantons Aargau. 1977 Einzelausstellung im österreichischen Graz. Juni 1978 Reise nach Indien.

1978 brach Eva Wipf in Brugg tot zusammen. Ärztlicher Befund: Herzversagen.

Eva Wipfs Nachlass wurde von Rosmarie Schmid und Christian Michelsen aufgearbeitet und befindet sich heute im Museum Eva Wipf in Pfäffikon (ZH). Er ist immer wieder Teil von Ausstellungen wie beispielsweise der von Laurentia Leon und Harald Szeemann kuratierten Schau «Weltuntergang & Prinzip Hoffnung» (1999) im Kunsthaus Zürich. Doch bis heute ist ihr widerspenstiges Werk unterschätzt – weil es unbequem bleibt und nach neuen Formen von Spiritualität sucht.

tkm

Kontakt:

https://kunstmuseum.tg.ch/de/sammlung/ausstellungen/ausstellung.html/7912?exhibition=138

Mehr:

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/eine-verschleierte-koenigin-5872

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Ausstellungsansicht

Bild: Ausstellungsansicht «Eva Wipf – Seismograf in Nacht und Licht», Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, 2024 – Foto: © Kunstmuseum Thurgau

Ausstellungsansicht

Bild: Ausstellungsansicht «Eva Wipf – Seismograf in Nacht und Licht», Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, 2024 – Foto: © Kunstmuseum Thurgau

Ausstellungsansicht

Bild: Ausstellungsansicht «Eva Wipf – Seismograf in Nacht und Licht», Kunstmuseum Thurgau, Ittinger Museum, 2024 – Foto: © Kunstmuseum Thurgau

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 2. August 2024
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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