24. März 2023
«SHIRLEY JAFFE – FORM ALS EXPERIMENT»
Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Neubau, bis am 30. Juli 2023

Bild: Shirley Jaffe, Hop and Skip, 1987 1/13/18 #moma – Foto: Sharon Mollerus, https://www.flickr.com/people/38315261@N00 – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Shirley_Jaffe,_Hop_and_Skip,_1987_1_13_18_-moma_(38644488870).jpg
Mit «Shirley Jaffe. Form als Experiment» präsentiert das Kunstmuseum Basel dem Schweizer Publikum die erste Retrospektive einer Künstlerin, die dank ihres künstlerischen Mutes zum Vorbild für viele jüngere Kolleginnen wurde. In Paris, wo die US–Amerikanerin sich in den 1950er–Jahren niederliess, fand sie über die Jahre zu einer ganz eigenen Formsprache.
Die Ausstellung wurde in Kooperation mit dem Centre Pompidou und dem Musée Matisse in Nizza konzipiert und zeigt 113 Werke von Jaffes Anfängen im abstrakten Expressionismus bis zu den grossformatigen geometrischen Gemälden, die für ihr Spätwerk charakteristisch sind.
Shirley Jaffe (1923–2016) wurde als Shirley Sternstein in Elizabeth (New Jersey) geboren und studierte an der Cooper Union in New York. 1949 zog sie dank der sogenannten G.I. Bill für US–amerikanische Kriegsveteranen zusammen mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Irving Jaffe, nach Paris. Die Ehe hielt nicht, doch Jaffe blieb.
Bald verkehrte sie mit vielen US–amerikanischen KünstlerInnen, die nach dem Krieg in der französischen Hauptstadt lebten, darunter Al Held, Norman Bluhm, Kimber Smith, Sam Francis, Joan Mitchell und der Kanadier Jean–Paul Riopelle. Die abstrakt expressionistischen Bilder aus dieser Zeit, wie zum Beispiel «Arcueil Yellow» (1956), erinnern an geologische Formationen. Einhergehend mit einer Steigerung des Gestischen gewannen Pinselstrich und Palette im Laufe der Jahre an Komplexität (z.B. «East Meets West», 1962).
Im Centre Culturel Américain in Paris organisierte Darthea Speyer 1958 eine Ausstellung von Shirley Jaffe zusammen mit Sam Francis und Kimber Smith. Über Francis lernte Jaffe den Kurator Arnold Rüdlinger kennen, der als Direktor der Kunsthalle Bern (1946–1955) und der Kunsthalle Basel (1955–1967) die Schweizer Kunstlandschaft nachhaltig veränderte und modernisierte. Rüdlinger zeigte ihre Bilder in mehreren Gruppenausstellungen und erwarb zwei ihrer Werke für die legendäre Privatsammlung La Peau de l’Ours, die 1955 von sieben Kunstfreunden in Basel gegründet wurde. Rüdlinger fungierte hier als Konservator. 1964 wurden sämtliche Werke der Sammlung in der Kunsthalle Basel ausgestellt.
Daneben präsentierte Jaffe ihr Werk immer wieder in verschiedenen Galerien in der Schweiz, darunter die Basler Galerie Handschin und die Berner Galerie Klipstein & Kornfeld. 1969 wurde ein erstes Gemälde von ihr in eine öffentliche französische Sammlung aufgenommen, seit 1985 erwirbt das Musée national d’art moderne Werke der Künstlerin. Nach einer umfassenden posthumen Schenkung von Werken Jaffes 2019 befindet sich heute im Centre Pompidou das grösste institutionelle Konvolut ihres Werks. Ein Grossteil des Archivs der Künstlerin wird in der Bibliothèque Kandinsky verwahrt und erforscht.
Weg vom abstrakten Expressionismus …
In den 1960er-Jahren wandte Jaffe sich von ihren Anfängen als abstrakte Expressionistin ab. Der Wandel in ihrem Schaffen begann mit einem Aufenthalt in Westberlin ab 1963, wo sie dank eines Stipendiums der Ford Foundation anderthalb Jahre verbrachte, bevor sie nach Paris zurückkehrte. Sie führte einfache, deutlich erkennbare Formen in ihre Gemälde ein, deren Geometrie sie eine umso kräftiger anmutende Gestik entgegensetzte. Leuchtende Farben wie in «Big Square» (1965) unterstreichen die Struktur der Bilder.
Ein noch radikalerer Wechsel geschah ab 1968. Sie verzichtete fortan auf jegliche Gestik und nutzte stattdessen eine klare Geometrie und matte Farbtöne. Es entstanden Kompositionen aus Farbflächen ohne jegliche Tiefe. Dieses Nebeneinanderstellen ging mit der Entscheidung einher, die Beziehungen zwischen den Farben nicht etwa durch Intensität, sondern durch die Arbeit mit Nähe und Entfernung zu dynamisieren. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist «Boulevard Montparnasse» von 1968.
1969 zog Jaffe in ein kleines Atelier in der Rue Saint–Victor im 5. Arrondissement, in dem sie beinahe bis zu ihrem letzten Atemzug 2016 malte und lebte. Viele KünstlerInnen besuchten sie dort im Laufe der Jahre, darunter Polly Apfelbaum, Beatriz Milhazes und Sarah Morris. Für nachfolgende Generationen, die ihr Werk unter anderem in der Galerie Nathalie Obadia in Paris entdeckten, wurde sie zum Vorbild und zur Referenz, weil sie es gewagt hatte, sich radikal vom abstrakten Expressionismus abzuwenden und einen neuen Weg einzuschlagen.
… hin zu einem persönlichen Stil
Ab den 1970er–Jahren entwickelte Jaffe, ihren persönlichen Stil mit markanten Konturen. Diese Schaffensperiode ist geprägt von freien Formen, die aus der klassischen Geometrie abgeleitet sind und jeweils eigene Farbflächen bilden. Sofern sich Linien auf einer farbigen Fläche finden, übertreten sie weder die Ränder der Farbe noch überschneiden sie sich untereinander. Gegen Ende dieser Periode versucht Jaffe zudem, sich vom rechteckigen Rahmen zu lösen.
Ihr Werk ab 1983 steht ganz im Zeichen der Farbe Weiss, die zunächst die Formen voneinander trennt, um ihnen eine grössere Unabhängigkeit zu verleihen (z.B. «Sailing», 1985). In dieser Werkphase erkundet die Künstlerin auch, wie das Weiss zur dynamischen Verteilung der Farbflächen auf dem Gemälde beitragen kann. Die zuvor getrennten Formen können nunmehr in gewagten geometrischen Konstellationen zusammentreffen. Dabei ist das Weiss nicht als Hintergrundfarbe zu verstehen und ändert von Gemälde zu Gemälde seine Schattierung – es handelt sich nie um die gleiche Zusammensetzung der Farbe. Jaffe ergänzt ihre Werke durch lange gewundene oder kantige Linien, die durch mehrere Farbfelder verlaufen und so den Eindruck der Überlagerung verstärken (z.B. «All Together», 1995).
Schliesslich kommen seit 1995 und in besonderem Masse seit 2001 Veränderungen in der Farbdichte innerhalb einer Form auf. Das bislang organisiert–dynamische Chaos der Gemälde und die streng einheitlichen Farbflächen werden durch Pinselspuren oder diffuse Farbstrukturen aufgebrochen.
Ergänzt wird die Präsentation im Kunstmuseum Basel durch Ateliernotizen der Künstlerin, die die langsame Entstehung ihrer Werke gewissenhaft festhielt, und Archivmaterial aus ihrem privaten Nachlass.
Das Kunstmuseum Basel konnte in den vergangenen zwei Jahren zwei Gemälde von Shirley Jaffe erwerben. Mit «Medrano» (1958) und «Big Square» (1965) verfügt das Museum über ein Frühwerk und über eine Arbeit aus der wichtigen Anfangsphase der Entwicklung ihres eigenen Stils. Ausserdem gehören dem Museum vier Arbeiten auf Papier aus den späten 1950er–Jahren.
Geschichte hinter den Bildern
Das Projekt «Geschichte hinter den Bildern. Erinnerungen an Shirley Jaffe» hat ZeitzeugInnen aus Jaffes Freundes– und Wirkungskreis eingeladen, aus verschiedenen Perspektiven auf das Leben und Werk der Künstlerin zu blicken. Eine Auswahl des entstandenen Materials wird als Audio–Installation in die Ausstellung im Kunstmuseum Basel integriert. Das gesamte Material dieses Oral (Art) History–Projekts wird auf der Website des Museums zugänglich sein.
Publikation
Die reich bebilderte Publikation erscheint im Christoph Merian Verlag und verbindet eine Collage aus Zeugnissen von WeggefährtInnen Shirley Jaffes mit neuester kunsthistorischer Forschung, die sich auf bislang nicht publizierte Dokumente aus dem Nachlass der Künstlerin stützt. Sie beinhaltet Beiträge von Svetlana Alpers, Claudine Grammont, Shirley Jaffe, Robert Kushner, Olga Osadtschy, Frédéric Paul und Molly Warnock.
KuratorInnen: Olga Osadtschy (Kunstmuseum Basel), Frédéric Paul (Musée national d’art moderne Centre Pompidou)
kmb
Kontakt:
#ShirleyJaffe #FormalsExperiment #KunstmuseumBasel #OlgaOsadtschy #FrédéricPaul #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger