14. April 2012
«Verwaltetes Leben – Die ‚Kinder der Landstrasse‘ und ihre Akten»
Eine multimediale Ausstellung mit Veranstaltungen im Haus zum Rech, Neumarkt 4, Zürich - Montag bis Freitag 08 – 18 Uhr, Samstag 10 – 16 Uhr, Feiertage geschlossen - Eintritt frei - Bis am 14. Juli 2012


Im Zentrum der Ausstellung «Verwaltetes Leben – Die ‚Kinder der Landstrasse‘ und ihre Akten» steht die Aktion «Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute, die zwischen 1926 und 1973 mit Hilfe der Behörden mehrere Hundert Kinder aus fahrenden Familien wegnahm. Die Ausstellung zeigt, was Akten bewirken können. Sie soll aber auch dazu beitragen, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät.
Die Stiftung Pro Juventute nahm zwischen 1926 und 1973 mit Hilfe der Behörden mehrere Hundert Kinder aus sogenannten Vagantenfamilien weg und brachte sie in Pflegefamilien, Heimen und Anstalten unter.
Das Ziel der Aktion «Kinder der Landstrasse» war es, die Kinder zu «brauchbaren Gliedern» der Gesellschaft zu erziehen.
Diese Tätigkeiten fanden ihren Niederschlag in den Akten. Die Akten sind aber nicht bloss Zeugen dieser Aktion. Mit Akten wurden die Kinder und ihre Eltern bewertet und deren Leben verwaltet – mit schwerwiegenden Folgen. Sie wurden zu psychisch Kranken und Kriminellen gestempelt, die es zu bestrafen und verwahren galt.

Bild: Charlotte Nobel mit ihrem älteren Bruder Marx auf einer Fotografie von 1942. Die Geschwister sahen sich erstmals im Kinderheim St. Joseph in Grenchen – Foto: Privatbesitz
In der Propaganda der Stiftung und während langer Zeit auch in der Presse präsentierte sich der Kampf gegen die fahrende Lebensweise als grosser Erfolg.
Erst die kritische Berichterstattung im «Schweizerischen Beobachter» bewirkte 1973 das Ende der auch vom Bund unterstützten Aktion.
Die Fahrenden schlossen sich in Organisationen zusammen und kämpfen seither mit den Betroffenen für ihre Rehabilitierung und die Anerkennung ihrer Lebensform.
Die Erzählungen ehemaliger «Kinder der Landstrasse» und ihrer Angehörigen zeigen, wie schwierig die Einsicht in ihre Akten und der Umgang mit der Vergangenheit ist.
Wiedergutmachen lässt sich das Geschehene nicht. Die finanzielle Entschädigung war symbolischer Natur. Zusammen mit der Entschuldigung des Bundesrates 1986 und schliesslich auch der Pro Juventute 1987 ist sie aber eine Anerkennung des erfahrenen Unrechts und Leids.

Bild: Das «Scharotl» ist bis heute ein Symbol für die fahrende Lebensweise, auch wenn die Fahrenden in der Schweiz schon lange nicht mehr mit dem Planwagen unterwegs sind. Anonymes Bild aus den 1920er-Jahren – Foto: Sammlung Ernst Spichiger/Cronica
Die Aktion «Kinder der Landstrasse» ist eines der dunkelsten Kapitel in der Schweizer Geschichte und steht für die Diskriminierung der fahrenden Minderheit.
Die Ausstellung zeigt, was Akten bewirken können, und sie soll dazu beitragen, dass das Geschehene nicht in Vergessenheit gerät.
Die von den Historikern Sara Galle und Thomas Meier kuratierte Ausstellung wird von verschiedenen Veranstaltungen begleitet. Ebenso können Führungen für Gruppen und Workshops für Schulen gebucht werden. Dafür konnten Fachleute sowie von der Aktion «Kinder der Landstrasse» Betroffene und an deren Aufarbeitung Beteiligte gewonnen werden.
Informationen:
Die Ausstellung ermöglicht einen multimedialen Zugang zur Thematik und richtet sich an ein breites Publikum.
Sie wird begleitet von einem Rahmenprogramm
mit Filmvorführungen, Podiumsveranstaltungen und einer Lesung.
Für Schulklassen werden spezielle Workshops angeboten, für Gruppen Führungen sowie Gespräche mit einem ehemaligen «Kind der Landstrasse».
Begleitpublikation
Sara Galle/Thomas Meier, Von Menschen und Akten. Die Aktion «Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute, Chronos: Zürich 2009.
248 S. 130 Abb. s/w Grafiken und Karten. Mit DVD Geb. CHF 38.00 / EUR 24.00
ISBN 978-3-0340-0944-7
Kontakt:
http://www.landesgeschichte.ch/ausstellung.html

Bild: Urs Walder fotografierte Clemente Graff 1992 beim Korben. Dieser gehörte wie der langjährige Präsident, Robert Huber, zu den aktiven Mitgliedern der Radgenossenschaft – Foto: Urs Walder 1992
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Mehr:
DRS2aktuell vom Freitag, 13.04.2012, 12.03 Uhr
Neue Ausstellung «Kinder der Landstrasse»
Die Stiftung Pro Juventute hat zwischen 1926 und 1973 Fahrenden die Kinder weggenommen und bei Ersatzfamilien oder in Heimen platziert. – Ein sehr düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte.
Den «Kindern der Landstrasse» ist jetzt eine Ausstellung im Zürcher Stadtarchiv gewidmet – den Kindern und vor allem den Akten, die über sie angelegt wurden
Link:
Kommentare von Daniel Leutenegger