7. Januar 2026
DIE SCHWEIZER FILMEMACHERIN TULA ROY IST GESTORBEN
Die am 16. Dezember 1934 in Bueriis (Italien) geborene Schweizer Fotografin, Filmemacherin und Pionierin des Schweizer Films Tula Roy (Bild) ist am 23. Dezember 2025 in München gestorben, wie jetzt bekannt wird. Von ihr stammt einer der wichtigsten Filme über die Schweizer Frauengeschichte mit dem Titel «Eine andere Geschichte». Tula Roy war nach einer Ausbildung als Fotografin in Basel freiberuflich für Presse, Architektur und Industrie tätig. Nach Filmkursen an der F+F in Zürich und an der Hochschule für Gestaltung Zürich arbeitete sie als freischaffende Filmemacherin. Weiter hatte sie eine Lehrtätigkeit am Pestalozzianum in Zürich. Seit Mitte der 1970er-Jahre entstanden zahlreiche Filme, oft in Zusammenarbeit mit Kameramann Christoph Wirsing. 1975 realisierten Tula Roy und Christoph Wirsing ihren ersten Dokumentarfilm «Lady Shiva oder ‹Die bezahlen nur meine Zeit›», ein Porträt der Sexarbeiterin Irene Staub. Ihre Filme thematisieren Politik, Feminismus, Prostitution, körperliche und geistige Beeinträchtigung, Erziehung, Jugend und Sexualität. Tula Roy war Mitglied des Vereins CH-Filmfrauen. (*)

Bild: Tula Roy, 2023 – Foto: Österreichisches Filmmuseum ÖFM © Eszter Kondor, https://www.filmmuseum.at/aktuelles/fotos_unserer_gaeste/gaeste_detail?gaeste_id=1697593825934
Zum Film «Eine andere Geschichte» sagt Tula Roy, Feministinnen in Zürich hätten sie gefragt, ob sie einen Film zur Frauengeschichte in der Schweiz machen könne.
Aus dieser Anfrage resultierte eine fast 3-stündige Trilogie, die von feministischen Kämpfen und Strömungen in der Schweiz zwischen 1910 und 1991 handelt. Aktionen und Streiks für legale Abtreibung, das Frauenstimmrecht, gleichen Lohn, Mitspracherecht und gegen Gewalt gegen Frauen, verschiedene Strategien und Perspektiven von der Arbeiterinnenbewegung bis zu bürgerlichen Ansätzen wie das Buch «Frauen im Laufgitter» von Iris von Roten, das 1958 eine grosse Debatte anstiess. Die Trilogie erschien 2021 in digitaler Fassung und erstmals auf Französisch in der Online-Edition filmo.
2020 und 2021 widmeten die Solothurner Filmtage unter der Leitung von Anita Hugi ihre filmhistorische Sektion «Histoires du cinéma suisse» dem Filmschaffen von Schweizer Regisseurinnen. Unter dem Titel «Film.Pionierinnen» wurden im Januar 2021 zehn Filme der sieben Filmemacherinnen Tula Roy, Gertrud Pinkus, Lucienne Lanaz, Carole Roussopoulos, Marlies Graf Dätwyler, June Kovach und Isa Hesse-Rabinovitch gezeigt. Das Programm entstand in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque Suisse, der SchweizerOnline-Edition filmo und dem Schweizerischen Nationalmuseum. Für das Filmprogramm wurden zahlreiche dieser Filme digitalisiert und wieder verfügbar. Im Rahmen des Filmprogramms entstand im Juni 2021 das Projekt «Her Story-Box», in welchem Tula Roy und die anderen geehrten Filmpionierinnen persönlich Einblick geben in ihr Schaffen. Das Projekt ist online frei verfügbar.
Ein weiteres Interview mit Tula Roy zum Film «Jugend und Sexualität» (1979) entstand 2023 und wurde in der virtuellen Ausstellung «Eine Ausstellung zum frühen feministischen Film der Schweiz» publiziert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Tula_Roy
Der von ch-cultura.ch am 07.01.2026 leicht überarbeitete Text ist unter der Lizenz «Creative-Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen» verfügbar:
https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Bild: Aushang für «LADY SHIVA oder: ‹Die bezahlen nur meine Zeit›»
R.I.P – Rest In Power dear TULA ROY
She was remarkable and exemplary radical Swiss feminist filmmaker! 2 films everybody absolutely must see: A DIFFERENT HISTORY, about the Swiss feminist movement and LADY SHIVA.
Samir, 26.12.2025,
https://x.com/SamirFilmmaker/status/2004533720582349308

Bild: Still aus einem Interview mit Tula Roy zu ihrem Film «Jugend und Sexualität» – Quelle: Cinémathèque Suisse
Tula Roy (1934–2025): Mutig, neugierig, konsequent
Tula Roy war eine Pionierin. Nicht nur, weil sie zu den ersten Filmemacherinnen der Schweiz gehörte, sondern weil sie über Jahrzehnte Neuland erschloss. Kurz vor Weihnachten ist sie gestorben.
«Es braucht sicher einen starken Willen. Es braucht Selbstbewusstsein», sagte die Filmregisseurin Tula Roy 2021 an einem Podiumsgespräch über Filmpionierinnen (vgl. «Tula Roy online»), als ich sie fragte, was sie jungen Filmemacherinnen mitgeben würde. «Einfach experimentieren! Versuchen. Versuchen. Versuchen. Versuchen. Und immer wieder eine Idee, die einem wirklich wichtig ist, mit Überzeugung versuchen rüberzubringen. Das ist entscheidend.»
Fünfzig Jahre lang hat Tula Roy das Schweizer Filmschaffen geprägt. Mit Mut, Neugier und Konsequenz griff sie zentrale Themen der Gegenwart auf. Sie stellte Fragen dort, wo lieber geschwiegen wurde, und nahm bewusst kritische Reaktionen und Widerstände in Kauf.
Ihr erster Film entstand 1975: «Lady Shiva oder ‹Die bezahlen nur meine Zeit›», eine filmische Begegnung mit der Prostituierten, Modeikone und Zürcher Szenefigur Irene Staub. Der Dokumentarfilm, den Tula Roy zur Ausstellung «Frauen sehen Frauen» im Museum Strauhof in Zürich anlässlich des von der UNO ausgerufenen Jahres der Frau beitrug, war «eine kleine Bombe», wie sie sich 2021 erinnerte. (…)
Tula Roy packte bevorzugt heisse Eisen an: Sexualität, Sozialgeschichte, Inklusion, Feminismus. Pionierhaft war sie auch in ihrer Arbeitsweise. Sie arbeitete partizipatorisch, liess Protagonistinnen und Protagonisten ihre Filme mitgestalten und realisierte ihre Arbeiten häufig im Kollektiv – eine Arbeitsweise, die heute wieder viele junge Filmschaffende wählen. Alle ihre Filme zeichnete sie in Koregie mit dem Kameramann Christoph Wirsing, ihrem Lebenspartner, mit dem sie seit 1975 zusammenarbeitete und den sie während ihrer Filmausbildung kennengelernt hatte.
Anita Hugi
https://www.woz.ch/2602/tula-roy-1934-2025/mutig-neugierig-konsequent/!AZV4EQ6948EM
Tula Roy: «Wir haben für diesen Film keine Männer gebraucht»
28 Jahre nach der Doku «Eine andere Geschichte» ist der Kampf für die Rechte der Frauen immer noch aktuell. Leider.
Die Solothurner Filmtage würdigten 2021 die grössten Filmpionierinnen. Im Spezialprogramm «Histoires du cinéma suisse» wurden zehn Filme von Schweizerinnen gezeigt, die in den Jahren nach der Einführung des Frauenstimmrechts Geschichte schrieben.
Eine von ihnen ist die damals 86-jährige Tula Roy. Die Schweizerin ist eine Vorkämpferin des feministischen Films. Mit ihrem dreiteiligen Dokumentarfilm «Eine andere Geschichte» schuf sie 1993 ein wichtiges Zeitdokument über die helvetischen Frauen.
Cynthia Ringgenberg, 2021
Videos:
Tula Roy – Her Story Box
EINE ANDERE GESCHICHTE | Schweizer Film | Trailer | filmo 2021 (schweizerdeutsch)
Eine andere Geschichte, Tula Roy, Schweiz, 1993, Trailer, filmo 2021 (schweizerdeutsch)
Zeiten des Aufbruchs – Dokumentarfilm über politisch aktive Frauen in der Schweiz zwischen 1910 und 1991, DRS.
Der Film erzählt die Schweizer Geschichte aus weiblicher Sicht: Vom ersten internationalen Frauentag am 8. März 1910 bis zum ersten nationale Frauenstreik in der Schweiz am 14. Juni 1991. Interviews mit politisch aktiven Frauen und Zeitzeuginnen beleuchten den Kampf der Frauen für ihre Rechte. Ein Dokumentarfilm von einer Frau, die in ihrem Land lange nicht abstimmen durfte.
Tula Roy online
- Die dreiteilige Dokumentarfilmserie «Eine andere Geschichte» (1993) von Tula Roy und Christoph Wirsing ist heute wieder zugänglich, unter anderem auf cinu.ch, Blue TV oder Apple TV.
- Die Oral-History-Reihe «Her Story Box» zu Schweizer Filmpionierinnen – unter anderen mit Tula Roy, Gertrud Pinkus, Lucienne Lanaz, Marianne Pletscher, Yvonne Escher und Gabriel Baur – wurde von Anita Hugi realisiert, in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse sowie Student:innen der HEAD – Genève und der ZHdK. Sie ist auf www.narrative.boutique verfügbar.
- «Jugend und Sexualität» ist Teil einer Online-Ausstellung der Cinémathèque suisse: home-expo.cinematheque.ch. Die Podiumsdiskussion mit den Filmpionierinnen Tula Roy, Gertrud Pinkus, Lucienne Lanaz und Andrea Štaka ist auf Cinefile dokumentiert: www.cinefile.ch.
Quelle: Anita Hugi, https://www.woz.ch/2602/tula-roy-1934-2025/mutig-neugierig-konsequent/!AZV4EQ6948EM
Vom Purzelbaum zum Selbstkonzept – Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik
Konzept: Daniel Jucker Realisation: Tula Roy, Christoph Wirsing Veröffentlichung: 2011, 1:00:58
https://www.youtube.com/watch?v=4xWJvUQQ0WE
Mittendrin – Katholische Behindertenseelsorge im Kanton Zürich
Der Film entstand 2003 zum Europäischen Jahr von Menschen mit Behinderungen. Er wurde von Tula Roy und Christoph Wirsing realisiert. Der Film hat eine Länge von etwa 80 Minuten.
Mehr:
https://www.filmo.ch/Edition/katalog/staffel-8/eine-andere-geschichte.html
https://home-expo.cinematheque.ch/exhibitions
https://www.swissfilms.ch/fr/person/tula-roy/33ff3bdebf5341b483b0e838881e8937
https://cinebulletin.ch/de/solothurner-filmtage/l-irruption-des-femmes
https://www.imdb.com/de/title/tt0201730
https://www.kath.ch/medienspiegel/filmpraesentation-mittendrin/
https://expydoc.com/doc/11974831/das-filmprojekt
https://www.nzz.ch/articleEEA02-ld.78736
https://www.landesmuseum.ch/de/veranstaltung/eine-andere-geschichte-1993-21946
https://filmmuseum.at/aktuelles/fotos_unserer_gaeste/gaeste_detail?gaeste_id=1697593825934
https://mubi.com/de/cast/tula-roy
https://www.cineman.ch/fr/ch-film/person/296655/tula-roy
https://www.cinemabuch.ch/article/400038
https://www.ekws.ch/de/bulletin/post/filmische-vergangenheit-feministische-zukunft
https://www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_5130-Dig-320-023
https://fr.wikipedia.org/wiki/Tula_Roy
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/Tula_Roy

Bild: Tula Roy – Foto: © SRF, https://www.srf.ch/kultur/film-serien/doku-ueber-schweizer-frauen-regisseurin-wir-haben-fuer-diesen-film-keine-maenner-gebraucht
#TulaRoy #ChristophWirsing #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger