3. Mai 2025
«BARBARA KIENER – ECHO DER VERWUNDBARKEIT»
Ausstellung in der Galerie da Mihi, Bern, bis am 14. Juni 2025

Bild: Barbara Kiener, «Berge», 2024, Mischtechnik auf Leinwand, 160 x 120 cm
Barbara Kieners grosses Gemälde «Berge» beherrscht den zentralen Ausstellungsraum. Dunkel erhebt sich die expressive Bergsilhouette vor einem flirrenden, neonrosafarbenen Himmel. Die raue Oberfläche der Malerei lässt die Landschaft unruhig erscheinen, als befinde sie sich in einem Prozess der Auflösung. Dieser Eindruck verstärkt sich durch den gesprayten Himmel und die scheinbar willkürlich eingefügten Textfragmente, die wie Bruchstellen dem vermeintlich soliden Berg den Halt entziehen.
Für die in Zweilütschinen aufgewachsene Barbara Kiener sind Berge Sinnbilder der Geborgenheit und der Heimat – doch zugleich tragen sie eine bedrohliche Kraft in sich. Sie ragen monumental empor, wirken unerschütterlich und doch unberechenbar. Beim Aufstieg und vom Gipfel eröffnet sich eine andere Perspektive: In der Weite des Panoramas liegt für Kiener eine Ahnung von Freiheit, von neuen Möglichkeiten – das Gegenteil von Enge und Gefahr.
Diese Ambivalenz macht die Künstlerin in ihrer Malerei spürbar. Ihre abstrahierten Bergsilhouetten entziehen sich der greifbaren Realität und verwandeln sich in vieldeutige Landschaften. Sie oszillieren zwischen Schutz und Vergänglichkeit, zwischen Vertrautem und Ungewissem – zugleich Zufluchtsort und Mahnmal. Für Kiener stehen die Berge über allem – doch wenn sie bröckeln, wird ihre Verwundbarkeit sichtbar. Der Grindelwaldgletscher schwindet und hinterlässt eine karge Gerölllandschaft. Der tauende Permafrost löst Murgänge und Steinschläge aus, einst monumentale Formationen brechen in sich zusammen.
Diese fragilen Prozesse der Veränderung übersetzt Kiener in ihre Malerei. Ihre Werke halten die prekäre Lage der Bergwelt fest – nicht als blosse Dokumentation, sondern als Spiegel, der uns mit unserem eigenen Handeln oder Nichthandeln konfrontiert. Ihre Bergbilder sind prall gefüllt mit unseren Vorstellungen der Berge als Sehnsuchtsort, getaucht in zuckriges Rosarot, Wortfetzen hängen wie Banner an ihnen, der menschliche Eingriff in die Natur ist radikal sichtbar. Der Berg verschwindet fast unter dieser Last und zeigt damit seine Verletzlichkeit.
Kieners Kunst ist ein Ruf, der Resonanzen einfordert, nicht den Blick abzuwenden, auch wenn es schmerzhaft wird. Denn nur mit wacher Wahrnehmung und offenem Bewusstsein können wir uns selbst und unseren Schattenseiten gegenübertreten.
Im Schaufenster der Galerie ist eine eindrucksvolle Schwarz-Weiss Fotografie einer Performance zu sehen: Die Künstlerin steht, erhöht auf einem Sockel, zwei weisse Fahnen schwingend. Eine kraftvolle Geste der Sichtbarmachung, der Raumaneignung und der Neubewertung einer Tradition mit vielschichtiger Geschichte. Ihr künstlerisches Interesse galt schon immer der Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen, dem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne sowie den Ambivalenzen der menschlichen Existenz in einer sich stetig wandelnden Welt. Um das Fahnenschwingen nicht nur theoretisch zu erfassen, sondern es selbst zu erleben, wollte sie diesen Schweizer Volkssport erlernen. Doch ihr Wunsch, einem traditionellen Verein beizutreten, blieb ihr lange verwehrt – mit Verweisen auf Konventionen und Bekleidungsvorschriften. Manche Schwünge, so hiess es, seien für Frauen in Tracht schlicht unmöglich. Schliesslich fand sie in einem Club in Biel doch eine Möglichkeit, das Handwerkszeug des Fahnenschwingens zu erlernen.
Alle diese Erfahrungen wurden zum Ausgangspunkt für ihre Performances: Ein einst militärisches Orientierungszeichen, heute oft mit nationalistischen Narrativen verknüpft, unterzieht sie einer radikalen Neuinterpretation. Statt auf bestehende Insignien zurückzugreifen, erschafft sie ihr eigenes Symbol – aus einem Besenstil und einem Leintuch. Die weisse Fahne, traditionell als Friedenssymbol verstanden, wird zu einer performativen Reflexion über Zugehörigkeit, Ausschluss und die Kraft individueller Widerständigkeit. Im Jahr 2021 zeigte sie erstmals eine Performance mit diesem Element. Seither ist es in zahlreichen Kontexten immer wieder Teil ihrer Arbeit geworden – als wiederkehrende Geste eines künstlerischen Widerstands, die sich stetig weiterentwickelt.
Für ihre neue Werkreihe «Icy Politics» reiste die Künstlerin 2024 nach Paris –Stadt der Liebe, aber auch der Verträge – jenen Ort, an dem sich die Staatengemeinschaft 2015 erstmals völkerrechtlich verpflichtete, die Erderwärmung auf deutlich unter 2° C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.
In intensiven Stunden ist es der Künstlerin gelungen, ihre Ideen umzusetzen und ein eindringliches Zeichen für Dialog und Transformation einzufangen – aus Paris bringt sie Bilder mit, die die Verwundbarkeit unserer Welt auf erschütternde und zugleich faszinierende Weise sichtbar machen: Vor der Fontaine des Innocents – einem Ort, der Unschuld im Namen trägt – kauert eine verschleierte Gestalt. In ihren Armen hält sie ein Kind, doch das Kind ist ein schmelzender Block aus Eis. Die ikonografische Anspielung auf die Mater dolorosa ist unübersehbar, doch hier ist es nicht nur der menschliche Körper, der betrauert wird. Es ist die Zeit selbst, die zwischen den Fingern zerrinnt. Das Wasser – Ursprung allen Lebens – wird zum Tränenmeer, zum unaufhaltsamen Verlust.
In einer anderen Arbeit berührt das Eis die Stirn der Künstlerin. Ein fragiler Moment der Berührung, des Innehaltens, des Kühlens – als könne Kunst die Hitze der Welt noch für einen Augenblick aufhalten. Hier ist kein lauter Protest, keine Botschaft, sondern eine stille, atmende Metapher, die sich mit jeder Betrachtung neu entfaltet. Mit «Icy Politics» schafft Kiener eine Bildsprache, die über blosse Mahnung hinausgeht. Ihre Werke sind poetische Chiffren der Vergänglichkeit, Spiegel einer Welt im Übergang. Sie zeigen nicht nur, was verloren geht, sondern öffnen einen Raum für Empfindsamkeit – und für die Möglichkeit, noch zu handeln.
Mit «Echo der Verwundbarkeit» wird deutlich: Kieners Kunst ist kein abgeschlossener Kommentar, sondern eine offene Einladung zur Auseinandersetzung. Ihre Werke sind Spiegel, Resonanzräume, Herausforderungen – und letztlich ein Appell an die Möglichkeit der Transformation.
Text: Hans Ryser und Barbara Marbot
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Kommentare von Daniel Leutenegger