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20. April 2018

«PROTEST! WIDERSTAND IM PLAKAT»

Ausstellung im Museum für Gestaltung Zürich, Toni-Areal, bis am 2. September 2018

Bild oben: Atelier Populaire, On vous intoxique!, 1968, Museum für Gestaltung, Plakatsammlung, © unbekannt, anonymes Kollektiv

Bild unten: Will Tenney, [ohne Text] 1970, Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, © Will Tenney oder Rechtenachfolger

will tenney

Globalisierung, Frauenrechte, Trump – das Plakat ist das Medium des politischen Kampfs schlechthin. 50 Jahre nach 1968, Auftakt weltweiter Rebellion, versammelt das Museum für Gestaltung Zürich im Toni-Areal rund 300 internationale Protest-Plakate, begleitet von Songs, Videos und Bildern des Widerstands.

Emotional eindringlich oder rational aufklärerisch, begleitet das Protestplakat seit den 1920er-Jahren bis heute eindrücklich das Zeitgeschehen und verleiht dem Widerstand visuellen Ausdruck. Als Mittel der politischen Intervention im öffentlichen Raum dient es Gestalterinnen und Gestaltern dazu, aktiv Stellung zu beziehen und Ereignisse kritisch zu kommentieren. Die grafische Umsetzung reicht dabei von Freihand-Illustrationen über Fotomontagen zu rein typografischen Aufrufen. Expressives Pathos findet sich neben nüchterner Strenge.

Bildformeln des Protests

Die Ausstellung «Protest! Widerstand im Plakat» spannt den Bogen von Käthe Kollwitz‘ emotionalem Appell gegen den Krieg über die legendären Botschaften des Pariser Atelier Populaire bis hin zu zeitgenössischen politischen Manifesten. Sie gliedert sich in fünf Kapitel, die unterschiedliche Bildformeln und Argumentationsstrategien im Protestplakat beleuchten, welche sich unabhängig von Themen, Zeitumständen und geografischem Kontext wiederholen: Empörung und Aufklärung, Idol und Feindbild, Utopie und Dystopie, Aufruf und Ansprache, Zeichen und Symbole.

Die Entwürfe appellieren an unsere Solidarität und unser Mitgefühl, sie demontieren Machthaber, prangern Unrecht an oder verleihen Utopien ein Gesicht. Die Ausstellung möchte somit weder eine lückenlose chronologische Abfolge weltpolitischer Ereignisse liefern noch einzelne Themen isoliert behandeln, sondern das Medium des Widerstandsplakats in einer Gesamtschau würdigen.

Visuelle Sprachen engagierter Gestalter

Zusätzlich werden in einem eigenen Kapitel acht ausgewählte gestalterische Positionen vorgestellt, die exemplarisch die Vielfalt grafischer Zugriffe belegen:

Der Pionier der Fotomontage, John Heartfield, nutzt die Technik, um Wirklichkeit mittels Satire, Poesie und Pathos neu zu interpretieren. Seine Arbeiten sind prophetische Analyse der politischen Verhältnisse im deutschen Nationalsozialismus.

Klaus Staeck knüpft an die gestalterische Praxis von Heartfield an. Mit seinen Wort-Bild-Findungen entwickelt er eine wirkungsvolle Ikonografie, um zeitgenössische Ereignisse zu kommentieren.

Vincent Perrottet begreift grafische Gestaltung als gesellschaftliche Verantwortung und politische Praxis. Seine Plakate verstehen sich als visueller Protest gegen die vorwiegend ökonomische Besetzung des öffentlichen Raums.

Die bitterbösen Bilder von Tomi Ungerer aus seinen New Yorker Jahren verhandeln Rassismus, Vietnamkrieg und Materialismus der amerikanischen Gesellschaft.

Das provokative Potenzial der Plakate von James Victore zielt auf die amerikanischen Verhältnisse heute ab.

Der Israeli David Tartakover verwendet Bilder der Massenmedien, denen er durch knappe Slogans neue Bedeutung verleiht und damit den Nahost-Konflikt beleuchtet.

Legendär sind die Plakate des Atelier Populaire aus dem heissen Mai 1968 mit ihrer lapidaren Ästhetik voll von poetischer Sprengkraft.

Das mexikanische Kollektiv ASARO schliesslich orientiert sich an der traditionellen Volkskunst und verweist auf die Aktualität von Protesten heute.

Virtueller Raum als Raum der Zeichen

Die analogen Plakate werden von Slideshows und Websites begleitet. Für die Propagierung alternativer Ideen nutzen Gestalterinnen und Gestalter heute zunehmend das Internet. Der direkten Wirksamkeit von Plakatinterventionen im lokalen öffentlichen Raum wird so mit der weltweiten, dezentralisierten Kommunikation im virtuellen Raum begegnet. Auch Reproduktion und Aushang entfallen dabei, was ökonomische Vorteile, vor allem aber eine extrem schnelle Verbreitung birgt. Die einzelnen Arbeiten verbinden sich zu einem kollektiven, internationalen Netzdialog, der einen anderen Blick auf die Weltereignisse ermöglicht.

Protestsongs und bewegte Bilder

Bekanntere und unbekanntere Protestsongs tönen aus einer Juke Box, bewegte Bilder wichtiger Demonstrationen gestern und heute empfangen die Besuchenden. Sie führen mitten hinein ins Geschehen und verdeutlichen damit auch, dass es nicht um eine Musealisierung des Protests geht – selbst wenn viele Plakatikonen heute in Sammlungsarchive Eingang gefunden haben. Sie dienen als visuelles Gedächtnis, vor allem aber auch als Appell an die Notwendigkeit des Widerstands hier und heute und belegen die Aktualität und Universalität der Themen.

Protest im Hier und Jetzt

Im Eingangsbereich der Ausstellung veröffentlicht eine LED-Laufschrift im Tagesrhythmus neue, ausgewählte Protestbotschaften, die die Ausstellungsgäste hinterlassen können. Eine Fotowand möchte die Besuchenden zudem dazu einladen, offenen Auges durch den öffentlichen Raum zu gehen und Protestäusserungen fotografisch zu dokumentieren und ihre Bilder für diese Wand einzusenden.

mfg

Kontakt:

https://museum-gestaltung.ch/de/

tomi ungerer

Bild: Tomi Ungerer, Black Power – White Power, 1967, Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, © Tomi Ungerer  

 

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 20. April 2018
  • Museum, Ausstellung, Galerie

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