Mit der Preisverleihung und dem anschliessenden Screening einer Auswahl der Gewinner:innenfilme endete am Sonntag in Baden (AG) die 23. Ausgabe des internationalen Festivals für Animationsfilm Fantoche. Es war ein sehr erfolgreicher Abend für die Schweizer Animation: Regisseurin Lea Favre konnte sich mit «Qui part à la chasse» die beiden Hauptpreise «Best Film» und «Best Swiss» sichern. Rund 22’000 Eintritte wurden während der Festivalwoche verzeichnet.

Bild: Aus «Qui part à la chasse» von © Lea Favre, 2024 *
Highlights und Publikumslieblinge
Während sechs Tagen machte Fantoche Baden und Wettingen zu Pilgerorten für Animationsliebhaber:innen aus aller Welt. Rund 100 verschiedene Film- und Rahmenprogramme erwarteten das begeisterte Publikum in fünf Kinosälen, dem Festivalzentrum und zahlreichen Satelliten. Der diesjährige Fokus «9 to 5» zeigte diverse Perspektiven auf die alltägliche Arbeitswelt, während sich das Gastland Estland in surrealen Bildern präsentierte. Neben den beiden Fokusprogrammen und den Wettbewerben gab es einige Highlights zu entdecken.
Zum grossen Publikumsfavoriten entwickelte sich die tragikomische Coming-of-Age-Geschichte «Memoir of a Snail» des australischen Oscar-Preisträgers Adam Elliot («Harvey Krumpet», «Mary and Max»). Ein zweiter Langfilm aus Down Under stiess ebenfalls auf grosse Begeisterung: die Sci-Fi-Komödie «Lesbian Space Princess», die während der Woche zweimal in Baden und einmal in Kooperation mit dem Filmpodium und dem Festival Pink Apple als Warm-up in Zürich zu sehen war. Das Regisseurinnenduo Emma Hough Hobbs und Leela Varghese zeigte sich im begleitenden Making-of bestens gelaunt und erntete ebenso viel Gelächter wie enthusiastischen Beifall.
Ebenfalls zu Publikumsrennern wurden zwei Produktionen mit Schweizer Beteiligung: «Mary Anning», der erste Langfilm des Tessiner Animators Marcel Barelli, bezauberte das junge Publikum. Bissiger aber nicht minder charmant war «One Minute Movies», eine Kollaboration des Schweizer
Regisseurs Stefan Holaus und des österreichischen Comiczeichners Nicolas Mahler. Das Programm, bestehend aus 26 satirischen Kurzfilmen, feierte am Festival Weltpremiere im ausverkauften Saal.
Ausserhalb der Kinos waren vor allem die Ausstellungen sehr beliebt. Zum vierten Mal zeigte Fantoche in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste eine Auswahl bahnbrechender, multimedialer Exponate in «REFRESH x Fantoche». Zudem präsentierte Fantoche in «Animation Artefacts» zusammen mit dem Kunstraum Baden erstmals Objekte aus den Filmen anwesender Künstlerinnen.
Die Branche am Festival
Fantoche ist nicht nur ein Publikumsfestival, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt für die einheimische und internationale Animationsfilmbranche. Zentrale Veranstaltung für das Fachpublikum war der bereits zum 11. Mal durchgeführte und dieses Jahr enorm gutbesuchte Industry Day. Ein besonderer Coup war die Präsentation des französischen Erfolgsstudios Fortiche, das über seine Emmy-prämierte Serie «Arcane» sprach. Aber auch die anderen Programmpunkte enthielten zahlreiche Highlights: der Artist Talk des estnischen Regisseurs Sander Joon, die angeregten Diskussionen während der Panels zu kommerzieller Animation und Koproduktionen sowie der Pitching Workshop und die Portfolio Review Session. Nach dem Industry Day ging es gleich weiter mit der Verleihung des «Swiss Animation Industry Award» für den besten einheimischen Auftrags- oder Werbefilm, der dieses Jahr erstmals von der Schweizer Jury des Festivals verliehen wurde. Ihre Wahl fiel auf «What makes us human?» von Lars Würgler. Der Fachtag schloss mit dem Netzwerkanlass Animation Apéro in der neuen Festivallounge.
Filmschaffende waren auch an anderen Festivaltagen überall anzutreffen. Unter anderem gab es Making-ofs zum Film «Le parfum d’Irak» und dem Spiel «Harold Halibut», Nina Gantz, Lucija Mrzljak und David Szauder boten in Präsentationen Einblick in ihre Arbeit und der Filmemacher und ehemalige HSLU-Dozent Jesús Pérez wurde mit einer Retrospektive geehrt.
And the winners are …
An der Fantoche-Preisverleihung wurden die herausragendsten Wettbewerbsbeiträge gebührend gefeiert. Grosse Gewinnerin des Abends war die Schweizer Animatorin Lea Favre. Als erste Filmschaffende überhaupt gewann sie gleichzeitig den Hauptpreis des Internationalen Wettbewerbs, «Best Film» – womit sie sich für das Rennen um die Oscars qualifizierte – und des Schweizer Wettbewerbs «Best Swiss».
Der Publikumspreis im Internationalen Wettbewerb ging an «Winter in March» von Natalia Mirzoyan, derjenige im Schweizer Wettbewerb an «Double or Nothing» von Tokay. Im Kinderfilm-Wettbewerb honorierte die Kinderjury «Bobel’s Kitchen» von Fiona Rolland, während sich Philippe Kastners «Wolfie» die Gunst des Publikums erwarb. Der neukreierte «Youth Award for Best New Talent», den eine Jugendjury vergab, ging an «Cottage Cheese» von Liina Luomajoki, Lena Metzger, Janina Müller und Alice Kunz.
Die vollständige Liste der Gewinner:innen findet sich unter:
https://fantoche.ch/awards-2025
Fazit der Festivalleitung
Gemäss erster Hochrechnung durfte Fantoche dieses Jahr rund 22’000 Eintritte verzeichnen, eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr. «Eine erfreuliche Entwicklung, insbesondere unter Berücksichtigung der starken Konkurrenz durch den Tag des Kinos, der ausnahmsweise mit der Festivalwoche zusammenfiel», schreiben die Verantwortlichen. Sieben Vorstellungen waren in kürzester Zeit ausverkauft: «One Minute Movies», «Lesbian Space Princess», der «Schweizer Wettbewerb 1» «Kids for Kids» und alle drei Screenings von «Memoir of a Snail». Besonders wertvoll fand Festivaldirektorin Ivana Kvesic, dass der diesjährige Schwerpunkt «9 to 5» die oft prekären Arbeitsbedingungen in der Kultur thematisierte «und damit das Publikum anregte, über seine eigene Arbeit zu reflektieren und zu reden. Denn eine nachhaltige strukturelle Verbesserung lässt sich nur erreichen, wenn Probleme aktiv angesprochen und gemeinsam positive Veränderung angestrebt werden.» In ihrer Schlussrede bedankte sich Kvesic bei allen Gästen «für die Energie, die sie einbringen und mit der sie das Festival zu einem Ort machen, an dem ihr euch durch Filme berühren lassen, in Gespräche eintauchen und einfach geniessen könnt».
Jurybericht
https://fantoche.ch/Medienmitteilungen/2025/250907_Jurybericht_Fantoche_2025_DE.pdf
cp
* Qui part à la chasse

Lea macht sich auf die Suche nach einem Thema für ihren Dokumentarfilm. Mit der Kamera im Anschlag geht sie auf die Jagd und begegnet schliesslich jemanden, der anders ist als der Rest. Lea glaubt, endlich ihre Beute gefunden zu haben, aber dann verändert sich die Situation. Nun ist sie diejenige, die gejagt wird.
Regie: Lea Favre
Dauer: 11′
Sprachen: French, Italian
Land: Schweiz
Jahr: 2024
https://heliumfilms.ch/films/qui-part-a-la-chasse
Kontakt:
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
#Fantoche2025 #LeaFavre #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger