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16. März 2026

«CLAIRE FONTAINE. SUGAR FREE»

Ausstellung im Kunst Museum Winterthur | Reinhart am Stadtgarten, bis am 14. Juni 2026

© Claire Fontaine, Is it cake?, 2024, 3D-gedruckte Skulptur, essbarer nicht essbarer Kuchen, 38 x 50 x 63 cm, Courtesy of Claire Fontaine - Foto: Fausto Brigantino

Bild: © Claire Fontaine, Is it cake?, 2024, 3D-gedruckte Skulptur, essbarer nicht essbarer Kuchen, 38 x 50 x 63 cm, Courtesy of Claire Fontaine – Foto: Fausto Brigantino

Mit der Ausstellung «Sugar Free» präsentiert das Kunst Museum Winterthur erstmals eine umfassende Einzelausstellung des international renommierten Künstlerduos Claire Fontaine in der Schweiz. Die Schau thematisiert die tiefgreifenden Veränderungen menschlicher Kommunikation im digitalen Zeitalter und reflektiert die zunehmende Standardisierung von Sprache, Emotionen und sozialen Beziehungen.

Bekannt wurde Claire Fontaine unter anderem durch die neonleuchtenden Schriftzüge «Fremde überall», die 2024 als Leitmotiv der Biennale von Venedig internationale Aufmerksamkeit erlangten. Das 2004 in Paris gegründete Kollektiv – bestehend aus Fulvia Carnevale und James Thornhill – setzt sich mit Fragen von Entfremdung, Identität, Machtstrukturen und gesellschaftlicher Transformation auseinander. Der Name «Claire Fontaine», gewählt in Anlehnung an eine französische Schreibwarenmarke und Marcel Duchamps Readymade Fountain, verweist auf ihre künstlerische Strategie: Aneignung, Bedeutungsverschiebung und die Infragestellung von Autorschaft bilden das Fundament ihrer Arbeit. Sie beschäftigen sich mit den politischen und ökonomischen Bedingungen zeitgenössischen Lebens.

Für die Ausstellung in Winterthur verwandelt Claire Fontaine die Ausstellungsräume in eine begehbare Landschaft digitaler Zeichen. Im Zentrum stehen leuchtende Emoji-Skulpturen aus der sogenannten «Anti NFT»-Serie, die während der Corona-Pandemie entwickelt wurde. Ausgangspunkt war die Frage, wie sich die fortschreitende Entmaterialisierung sozialer Beziehungen sichtbar machen lässt. Claire Fontaine bezeichnet Emojis als «Readymade-Emotionen», als vorgefertigte Gefühlszeichen, die Kommunikation vereinfachen sollen, zugleich jedoch normieren. Als Skulpturen in physischer Präsenz verlieren sie ihre ursprüngliche Funktion, machen dagegen aber sichtbar, wie selbstverständlich digitale Symbole als Ausdrucksmittel unserer Emotionen geworden sind.

Die Ausstellung zeigt, wie Kommunikation zunehmend durch Auswahl statt durch sprachliches Aushandeln bestimmt wird und wie individuelle Nuancen dabei verloren gehen. Der Ausstellungstitel «Sugar Free» lässt sich vor diesem Hintergrund als zentrale Metapher für den ambivalenten Umgang mit Emojis lesen. Er verweist auf das Ideal einer bewussten, reflektierten Gesellschaft, die sich der manipulativen und vereinfachenden Mechanismen digitaler Kommunikation bewusst ist und nach Distanz, Selbstkontrolle und Authentizität strebt. Emojis verkörpern die «süssen» Verführungen der Kommunikation: leicht konsumierbar, emotional wirksam, sozial anschlussfähig. Wie Zucker versprechen sie schnelle Befriedigung ohne nachhaltige Tiefe. «Zuckerfrei» zu leben, bedeutet in diesem Sinne, sich der affektiven Überreizung, der emotionalen Vereinfachung und der ökonomischen Instrumentalisierung von Gefühlen entziehen zu wollen. In diesem Sinne beschreibt der Titel keinen Zustand, sondern ein dauerhaftes Spannungsverhältnis zwischen Selbstbestimmung und technischer Abhängigkeit, zwischen kritischer Reflexion und alltäglicher Praxis.

© Claire Fontaine, Collapse, 2025, LED-3D-Buchstaben, Plexiglas, Vinyl, Kabel und Transformator, 250 x 120 x 8 cm, Courtesy of Claire Fontaine - Foto: Fausto Brigantino

Bild: © Claire Fontaine, Collapse, 2025, LED-3D-Buchstaben, Plexiglas, Vinyl, Kabel und Transformator, 250 x 120 x 8 cm, Courtesy of Claire Fontaine – Foto: Fausto Brigantino

Mit «Sugar Free» führt Claire Fontaine ihre Auseinandersetzung mit dem Readymade-Prinzip und der Appropriation konsequent weiter. Die Ausstellung macht sichtbar, wie Gefühle, Sprache und Beziehungen zunehmend ökonomisch, technisch und kulturell formatiert werden.

Emotionen erscheinen nicht mehr als individuelle Erfahrungen, sondern als standardisierte Module eines globalen Kommunikationssystems.

Die Arbeiten des Duos stellen damit zentrale Fragen unserer Zeit: Was geschieht mit Subjektivität, wenn Gefühle über vorgefertigte Zeichen vermittelt werden? Welche Ausdrucksformen gehen verloren, wenn Kommunikation zur Auswahl aus einem begrenzten Repertoire wird? Und wie lassen sich Autonomie und Eigenwilligkeit in einer digitalisierten Gesellschaft bewahren? Mit «Sugar Free» regt Claire Fontaine zur kritischen Reflexion über unsere digitalen Kommunikationsgewohnheiten an.

Kurator: Lynn Kost

kmw

Kontakt:

https://www.kmw.ch/ausstellung/claire-fontaine/

Claire Fontaine, On Fire, 2023, Geformter Leuchtkasten, Digitaldruck, Dimmer, Transformator und Kabel, 110 x 86 x 8 cm, Courtesy of Claire Fontaine - Foto: Studio Claire Fontaine

Bild: © Claire Fontaine, On Fire, 2023, Geformter Leuchtkasten, Digitaldruck, Dimmer, Transformator und Kabel, 110 x 86 x 8 cm, Courtesy of Claire Fontaine – Foto: Studio Claire Fontaine

#ClaireFontaine #SugarFree #KunstMuseumWinterthur #LynnKost #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 16. März 2026
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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