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31. März 2025

«MEDARDO ROSSO. DIE ERFINDUNG DER MODERNEN SKULPTUR»

Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Neubau, bis am 10. August 2025

Bild: Medardo Rosso, Bambino malato, 1895, Gips, Objekt: 17.5 x 20 x 19.3 cm. Objekt-ID: 86100 - Creditline: Museo Medardo Rosso, Barzio - Photo Credit: mumok / Markus Wörgötter

Bild: Medardo Rosso, Bambino malato, 1895, Gips, Objekt: 17.5 x 20 x 19.3 cm. Objekt-ID: 86100 – Creditline: Museo Medardo Rosso, Barzio – Photo Credit: mumok / Markus Wörgötter

Bildhauer, Fotograf und Meister kunstvoller Inszenierungen, Konkurrent von Auguste Rodin und Vorbild für zahlreiche Künstler:innen: Medardo Rosso (1858 in Turin, Italien–1928 in Mailand, Italien) revolutionierte um 1900 die Bildhauerei. Trotz seines grossen Einflusses ist der italienisch-französische Künstler heute zu wenig bekannt. Die Ausstellung «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» will dies ändern. Die umfassende Retrospektive im Kunstmuseum Basel bietet anhand von ca. 50 plastischen Werken und rund 250 Fotografien und Zeichnungen die seltene Gelegenheit, Rossos Schaffen in einer Überblicksausstellung zu entdecken. Sie lädt dazu ein, mehr über sein wegweisendes Wirken in Mailand und Paris um die Jahrhundertwende, aber auch über die zeitgenössische Bedeutung seiner Kunst zu erfahren und sie bietet zugleich die Grundlage, die Geschichte der modernen Skulptur neu zu ergründen.

Die Ausstellung, die in Kooperation mit dem mumok (Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien) entstanden ist und gemeinsam von Heike Eipeldauer und Elena Filipovic kuratiert wurde, ermöglicht es, Rossos radikale und medienübergreifende Erkundungen von Form (und Formlosigkeit), Material und Technik nachzuvollziehen. Die enorme und bis heute anhaltende Wirkungskraft seines künstlerischen Schaffens offenbart sich in der Begegnung mit Werken von mehr als 60 Künstler:innen aus den letzten 100 Jahren, darunter Lynda Benglis, Constantin Brâncusi, Edgar Degas, David Hammons, Eva Hesse, Meret Oppenheim, Auguste Rodin und Alina Szapocznikow.

Bild: Medardo Rosso, Bambino malato, 1895, Ausstellungsansicht Basel, Kunstmuseum, 2025, «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» - Creditline: Museo Medardo Rosso, Barzio - Photo Credit: Max Ehrengruber

Bild: Medardo Rosso, Bambino malato, 1895, Ausstellungsansicht Basel, Kunstmuseum, 2025, «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» – Creditline: Museo Medardo Rosso, Barzio – Photo Credit: Max Ehrengruber

Medardo Rosso und sein Schaffen

«Medardo Rosso ist zweifellos der grösste lebende Bildhauer», schrieb 1918 Guillaume Apollinaire in der Pariser Zeitschrift «L’Europe nouvelle» nach einem Atelierbesuch beim Künstler. Der einflussreiche Kunstkritiker und Poet erwies mit diesen Worten dem Schaffen Rossos besondere Anerkennung.

1858 in Turin geboren, lebte Rosso ab 1889 für drei Jahrzehnte in der Kunstmetropole Paris und kehrte erst in seinen letzten Lebensjahren wieder in sein Heimatland Italien zurück. Abgesehen von einem Studienjahr an der Accademia di Brera (Akademie der Bildenden Künste) in Mailand, wo er in der Scuola di Anatomia (Schule für Anatomie) Kurse für Zeichnen belegte, war Rosso ein Autodidakt. Er verfasste zudem zahlreiche kämpferische und sprachlich eigenwillige kunsttheoretische Texte.

In Paris knüpfte er nicht nur Kontakte zu den Impressionist:innen, sondern lernte auch den damals schon bekannten Künstler Auguste Rodin (1840-1917) kennen, mit dem er fortan an einer radikalen Neubestimmung der Gattung Skulptur arbeitete. Um überkommene Vorstellungen von Repräsentation, Produktion und Wahrnehmung zu überwinden, bedurfte es – so Rossos Überzeugung – einer grundlegenden «Verlebendigung» der Bildhauerei: «Es gibt keine Malerei, es gibt keine Plastik, es gibt nur ein Ding, das lebt.»

Der menschliche Massstab, die fragmentierte und dadurch intim wirkende Inszenierung sowie die bewegt-unscharfen Ränder von Rossos Figuren widersprechen den Ansprüchen einer für die Ewigkeit gedachten heroischen Monumentalskulptur, wie sie damals gängig war, und damit auch langen bildhauerischen Traditionen. Ähnliche Anliegen verfolgte Rosso auch auf motivischer und materieller Ebene: Statt den ruhmreichen Heldenerzählungen widmete er sich vermehrt den Menschen des alltäglichen Lebens und schuf Werke, die das Wesen eines flüchtigen Augenblicks einzufangen versuchten.

Rossos Gestaltungsprozess

Für seine Figuren griff Rosso neben Bronze auf bescheidenere und vergänglichere Materialien wie Wachs und Gips zurück, die bis dahin in der Bildhauerei meist nur für Vorstufen oder als Hilfsmittel verwendet worden waren. Aufgrund ihrer Weichheit und Formbarkeit lassen sie einen flüchtigen Eindruck entstehen – ein Grund, weshalb seine Plastiken auch als skulpturale Version des Impressionismus gefeiert wurden. Allerdings ist dies eine Bezeichnung, die nur einen Aspekt des wegweisenden und in vielerlei Hinsicht schwer zu kategorisierenden Werk von Rosso beschreibt. Im Laufe der Zeit konzentrierte sich der Künstler auf ein kleines Repertoire an Motiven, das er wiederholt in verschiedenen Materialien und Medien aufgriff und variierte, um unterschiedliche Wirkungen zu erzeugen.

Ab 1900 zog Rosso die Fotografie systematisch in seinen Gestaltungsprozess mit ein. Er fotografierte seine Figuren und stellte die Aufnahmen zusammen mit seinen Plastiken sowie Arbeiten von Zeitgenoss:innen und Kopien von Kunstwerken aus anderen Epochen als Ensembles aus. Der die Werke umgebende Raum wurde durch diese Inszenierung zum Bestandteil der gesamtheitlichen skulpturalen Wirkung. Rosso schuf seine Figuren aber nicht spezifisch für Ausstellungen, sondern – in ihrem intimen Massstab – auch für den privaten Raum des bürgerlichen Interieurs. Zusammen mit den Betrachtenden sind sie untrennbar verbunden mit «diese[m] Teppich, diese[m] Sessel», wie Rosso es selbst beschrieben hat: «Wir sind nichts als die Konsequenzen der Dinge, die uns umgeben. Selbst wenn wir uns bewegen, hängen wir immer mit anderen Sachen zusammen.»

Rosso legte Wert darauf, mit seiner Umwelt in Beziehung, in «Konversation», zu treten, wie er es formulierte: Den besonderen Moment festzuhalten, in dem das Motiv plötzlich hervortritt und affektiv wirksam wird. In der heutigen Zeit, in der das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, von Mensch und Technik mehr denn je zur Debatte steht, erscheint Rossos Schaffen deshalb als «alarmierend lebendig», wie es die britische Künstlerin Phyllida Barlow (1944–2023) beschreibt, wenn sie ihre Faszination für den Bildhauer und dessen Werk bekennt.

Bild: Basel, Kunstmuseum, 2025, Ausstellungsansicht «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» - Photo Credit: Max Ehrengruber

Bild: Basel, Kunstmuseum, 2025, Ausstellungsansicht «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» – Photo Credit: Max Ehrengruber

Die Ausstellung in Basel

Zwanzig Jahre nach der ersten und letzten Retrospektive in der Schweiz untersucht die umfassende Ausstellung «Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur» insbesondere Rossos experimentellen und medienübergreifenden Ansatz. IhreRealisierung beruht wesentlich auf der jahrelangen Recherche und Vorbereitung von Heike Eipeldauer (mumok), in Basel erweitert durch die Mitwirkung von Elena Filipovic.

Die Ausstellung versammelt ca. 50 Bronze-, Gips- und Wachsskulpturen des Künstlers, darunter Schlüsselwerke, sowie Hunderte von Fotografien und Zeichnungen. Viele dieser Werke waren in den letzten Jahrzehnten kaum ausserhalb von Italien zu sehen.

Dem Prinzip des vergleichenden Sehens folgend, wie auch Rosso es anwandte, wird sein Schaffen in «Konversation» mit mehr als 60 historischen und zeitgenössischen Fotografien, Gemälden, Skulpturen und Videos gebracht. Dadurch kommt es zu generationenübergreifenden Begegnungen von Künstler:innen aus Rossos Zeit bis zur Gegenwart, darunter Francis Bacon, Phyllida Barlow, Louise Bourgeois, Isa Genzken, Alberto Giacometti, Robert Gober, David Hammons, Hans Josephsohn, Yayoi Kusama, Marisa Merz, Bruce Nauman, Senga Nengudi, Richard Serra, Georges Seurat, Paul Thek, Rosemarie Trockel, Hannah Villiger, Andy Warhol, Francesca Woodman und weitere.

Die Basler Ausgabe der Ausstellung präsentiert im Vergleich zur Wiener zusätzlich Werke von Umberto Boccioni, Miriam Cahn, Giorgio de Chirico, Marcel Duchamp, Peter Fischli / David Weiss, Sidsel Meineche Hansen, Henry Moore, Meret Oppenheim, Simone Fattal, Giuseppe Penone, Odilon Redon, Pamela Rosenkranz, Felix Gonzalez-Torres, Kaari Upson, Andra Ursuta und Danh Vo.

Bild: Medardo Rosso, Ecce Puer, 1906, 1960 (Guss), Bronze, Objekt: 45 x 33 x 29 cm; 10.4 kg, Objekt-ID: 86101 - Creditline: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben | acquired in 1964 - Photo Credit: mumok / Markus Wörgötter

Bild: Medardo Rosso, Ecce Puer, 1906, 1960 (Guss), Bronze, Objekt: 45 x 33 x 29 cm; 10.4 kg, Objekt-ID: 86101 – Creditline: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1964 – Photo Credit: mumok / Markus Wörgötter

Die Ausstellung beginnt bereits im Innenhof des Hauptbaus, wo Rodins «Die Bürger von Calais» (1884–1889) einer Arbeit von Pamela Rosenkranz gegenübergestellt ist. Durch die unterirdische Verbindung, in der eine raumgreifende Arbeit von Kaari Upson installiert ist, führt der Weg in den Neubau. Dort ist im Erdgeschoss eine monografische Präsentation von Werken Rossos zu sehen. Im zweiten Obergeschoss wird die Ausstellung mit den Gegenüberstellungen mit Werken anderer Künstler:innen fortgesetzt.

Diese Begegnungen sind entlang thematischer Schwerpunkte wie «Wiederholung und Variation», «Prozess und Performance», «Berühren, Umarmen, Formen», «Mise-en-scène», «Ungestalt», «Anti-Monumentalität» und «Erscheinen und Verschwinden» arrangiert.

Die gezeigten Werke stammen aus den Beständen des Kunstmuseums Basel und des mumok in Wien sowie aus internationalen Sammlungen wie der Albertina, Wien, der Galleria d’Arte Moderna di Milano, Mailand, dem Kröller-Müller Museum, Otterlo, dem Kunst Museum Winterthur, dem Kunsthaus Zürich, dem S.M.A.K., Gent, dem Städel Museum, Frankfurt am Main, dem Stedelijk Museum, Amsterdam, oder von den Künstler:innen selbst oder anderen Leihgeber:innen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Medardo Rosso Estate. Die Szenografie stammt vom Büro Meyer-Grohbruegge.

Katalog

Begleitend zur Ausstellung ist die bisher umfassendste Publikation über Rosso mit Essays von Jo Applin, Heike Eipeldauer, Georges Didi-Huberman, Megan R. Luke, Nina Schallenberg, Francesco Stocchi und Matthew S. Witkovsky erschienen. Hrsg. von Heike Eipeldauer im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, 496 Seiten, 450 Abb., ISBN 978-3-7533-0612-4

cp

Kuratorinnen:

Elena Filipovic und Heike Eipeldauer (mumok)
Konzept: Heike Eipeldauer (mumok)

Kontakt:

https://kunstmuseumbasel.ch/de/ausstellungen/2025/medardo-rosso

Bild: Medardo Rosso in seinem Studio am Boulevard des Batignolles, 1890, Abzug vom Original-Glasnegativ , 13 × 17,7 cm, © Archivio Medardo Rosso

Bild: Medardo Rosso in seinem Studio am Boulevard des Batignolles, 1890, Abzug vom Original-Glasnegativ , 13 × 17,7 cm, © Archivio Medardo Rosso

#MedardoRosso #MedardoRossoEstate #DieErfindungdermodernenSkulptur #HeikeEipeldauer #mumok #ElenaFilipovic #KunstmuseumBasel #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 31. März 2025
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Museum, Ausstellung, Galerie

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