Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Hauptbau, Grafikkabinette, bis am 11. Mai 2025

Bild: Wols, Grosse Raupe, Kaltnadel auf Büttenpapier, Blatt: 32.6 x 25 cm; Platte: 13.7 x 8.9 cm, Inv. 2023.37, Objekt-ID: 70837 – Creditline: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Geschenk einer Basler Privatsammlung – Photo Credit: Jonas Schaffter
Das Kunstmuseum Basel zeigt zum ersten Mal 15 Radierungen des deutsch-französischen Künstlers Wols (1913–1951), die 2023 als Schenkung aus einer Basler Privatsammlung in das Kupferstichkabinett kamen. Seine kleinformatigen Radierungen waren meist Illustrationen für Bücher, die ebenfalls ausgestellt werden. Ergänzt wird die Präsentation durch frühe Zeichnungen des Künstlers aus der Sammlung. «Sehen heisst die Augen schliessen» ermöglicht einen Einblick in das künstlerische Universum von Wols, für den «ein winziges Blatt Papier die ganze Welt enthalten» konnte.
Geboren in Berlin als Alfred Otto Wolfgang Schulze, wanderte Wols 1932 nach Paris aus. In seinem kurzen Leben schuf er ein wegweisendes Werk an der Schnittstelle von Surrealismus und ungegenständlicher Kunst. Wols gilt als einer der Wegbreiter für die abstrakte Kunst des Informel der europäischen Nachkriegsjahre. Bereits seine frühen Tuschezeichnungen und Aquarelle zeigen traumartig skurrile Kompositionen mit zarten linearen Strukturen, biomorphen Körpern und geometrischen Architekturformen. Diese Elemente nahm Wols auch in seinen Radierungen auf.
Verglichen mit dem Umfang seines zeichnerischen Werkes ist Wols’ druckgrafisches Œuvre überschaubar: Neben einer posthum gedruckten Lithographie umfasst es 53 Radierungen. Wols bevorzugte die Kaltnadeltechnik gegenüber der Radierung mit Ätzung, denn mit der spitzen Stahlnadel konnte er selber Breite, Tiefe und Intensität der Linien bestimmen. Zudem ermöglicht die Technik ähnlich spontane und expressive Gesten wie das Zeichnen mit Feder und Tusche.
Wols’ Radierungen sind alle undatiert und entstanden in einer kurzen Phase nach dem Zweiten Weltkrieg. 29 seiner Kaltnadelarbeiten entstanden für Bücher zeitgenössischer Autoren wie Camille Bryen (1907–1977), Jean Paulhan (1884–1968) oder seinem Freund Jean-Paul Sartre (1905–1980). Die Buchillustrationen waren eine wichtige Einnahmequelle im unsteten Leben des Künstlers.
Wols hatte sich mit dem Inhalt der von ihm bebilderten Bücher auseinandergesetzt. Deren Kontext bietet dennoch keine Hilfe bei der Deutung seiner Radierungen. Es handelt sich nicht um klassische Illustrationen der Texte, sondern eher um bildliche Gegenstücke. Wie in seinem ganzen künstlerischen Schaffen versuchte Wols, seine Wahrnehmung der Umwelt als eine Art parallele Wirklichkeit oder «analoge Schöpfung» wiederzugeben. So finden sich in seinen Radierungen ganz eigene Lebensformen zwischen Gegenständlichem, Naturnahem und Abstraktem.
Seinen rätselhaften Werken gab Wols auch keine Titel. Diese wurden erst posthum assoziativ vergeben. Bei der Erstellung von seinem ersten Ausstellungskatalog forderte der Künstler gar explizit: «Bitte keine Analysen oder Erklärungen». Diese Offenheit der Darstellungen für eigene Interpretationen macht den besonderen Reiz der Radierungen von Wols aus.
Kuratorin: Nina Schweizer
cp
Kontakt:
https://kunstmuseumbasel.ch/de/ausstellungen/2025/sehen-heisst-die-augen-schliessen

Bild: Jean-Paul Sartre: Visages. Précédé de Portraits officiels, Paris: Pierre Seghers. Avec 4 pointes-sèches de Wols, 1948, 47 Seiten mit 4 Kaltnadelarbeiten auf Velin Crèvecœur du Marais, Druck: R. Haazen, Paris. Masse: Buch: 19.5 x 12.7 x 1 cm gebunden; Seite: 18.8 x 12.2 cm. Inv. 1962.25.1-4. Objekt-ID: 98894 – Creditline: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Geschenk der Hanspeter Schulthess-Oeri-Stiftung – Photo Credit: Max Ehrengruber
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Kommentare von Daniel Leutenegger