Die am 15. Mai 1949 in Bad Kissingen geborene deutsche Herausgeberin und Verlegerin Antje Kunstmann (Bild) ist am 16. September 2026 gestorben. Sie leitete seit 1990 den Verlag Antje Kunstmann in München. Neben einer grossen Bandbreite an Sachbüchern zu aktuellen Themen bilden Belletristik und Lyrik sowie Essays das Verlagsprogramm. Ausserdem gibt es seit 2000 ein kleines Hörbuchprogramm (HörKunst bei Kunstmann) und die Reihe Geschenkbücher. Jährlich erscheinen etwa 30 Titel von deutschsprachigen und internationalen Autor:innen. Einige der erfolgreichsten Autor:innen des Verlags sind Axel Hacke, Donata Elschenbroich, Kristof Magnusson, Hauck & Bauer, Rafael Chirbes, Michael Pollan, Wiglaf Droste, Funny van Dannen, Tim Parks, Barbara Gowdy, Noam Chomsky und Yanis Varoufakis. (*)

Bild: Antje Kunstmann, 2022 – Foto: Amrei-Marie, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Amrei-Marie (Ausschnitt) – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Die_Preistr%C3%A4ger-_Andreas_Heidtmann_u._Antje_Kunstmann_(1)_02.jpg
Antje Kunstmann ist gestorben
Antje Kunstmann ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Der von ihr 1976 gegründete Verlag Antje Kunstmann trauert um seine Verlegerin. Der Verlag schreibt: «Mit der Großzügigkeit und Güte ihres Herzens, dem Witz und der Wachheit ihres Geistes, ihrer undogmatischen und zutiefst humanistischen politischen Haltung, ihrem literarischen und ästhetischen Geschmack hat sie unser Leben, das ihrer unzähligen Freundinnen und Freunde, das kulturelle Leben der Stadt München und der Bundesrepublik, sowie die deutschsprachige und internationale Buchbranche auf einzigartige Weise beeinflusst und bereichert. Ihr Lachen, ihre Lebensfreude, ihre Zuversicht, ihre Zuneigung, ihre Herzenswärme werden uns sehr fehlen. Ach Antje, diese Lücke, diese unermessliche Lücke. Der Verlag Antje Kunstmann trauert um seine Verlegerin.»
https://www.boersenblatt.net/news/verlage-news/antje-kunstmann-ist-gestorben-439947
Die Überzeugungstäterin
Von der linksradikalen Feministin zur Bestseller-Entdeckerin – die Verlegerin Antje Kunstmann war eine Münchner Institution. Jetzt ist sie mit 77 Jahren gestorben.
Claudius Seidl
Pionierin ohne Allüren
Als Antje Kunstmann vor fünfzig Jahren ihren Kunstmann-Verlag gründete, war das eine Pioniertat in der damals noch patriarchal dominierten deutschen Buchbranche.
Sie war eine Vorreiterin, aber machte kein Aufhebens darum. Antje Kunstmann war alles Großspurige fremd, weshalb sie einem, wenn man sie darauf ansprach, dass sie doch eine der allerersten Verlegerinnen hierzulande war, lakonisch antwortete: «Naja, objektiv war ich das vielleicht.»
Bis zuletzt war Antje Kunstmann, wiewohl sie 2023 die Amtsgeschäfte an ihren Sohn übergeben hatte, eine Verlegerin, die voller Neugier nach Stimmen, Stoffen und Themen Ausschau hielt. Neugier, das war ohnehin die wichtigste Eigenschaft für die Frau, die als eine der ersten überhaupt in der Bundesrepublik 1976 einen unabhängigen Verlag gründete, dessen fünfzigjähriges Bestehen in diesem Herbst sie nun nicht mehr mitfeiern kann: die leise lächelnde, Lebensfreude ausstrahlende Verlegerin, die Feste zu feiern verstand wie keine andere.
Knut Cordsen
https://www.br.de/nachrichten/kultur/verlegerin-antje-kunstmann-ist-gestorben,VVkjOMZ
Immer engagiert, bisweilen enragiert
Antje Kunstmann war die Powerfrau der deutschen Buchsze
Als sie ihren Verlag gründete, 1976, da trug der zunächst den Namen des Mannes, der ihr dabei zur Seite stand, Peter Weismann, denn unter dieser Bezeichnung war der Namensgeber schon seit 1968 verlegerisch aktiv. Doch hinter einem Schrägstrich folgte eine Benennung, die die Neuerung signalisierte, die der etablierte Weismann-Verlag nun erfuhr: „Frauenbuchverlag“, allerdings anonym, sodass man meinen konnte, es wäre weiterhin allein Weismanns Projekt.
Andreas Platthaus
Sie traute Lesern viel zu
Antje Kunstmann war eine leidenschaftliche Verlegerin und tolerante Hedonistin. Ihren Verlag steuerte sie mit politischer Haltung und Realismus.
Auf eine Weise müssen wir sie für unsterblich gehalten haben. Und sie hat bis zum Ende alles getan, um uns in diesem Glauben zu halten. Hat uns wie immer Frühstück gemacht, wenn wir sie besuchten. Mit vielen Tassen Tee und der Zeitung und den Semmeln von der Hofpfisterei.
Die Abende wurden nicht mehr so lang, aber immer noch gab eine Geschichte die andere, eine Diskussion die nächste, leuchteten die Augen und die Stimme, wenn sie von ihrer Reise zum Akkordeonfestival in Kissingen erzählte, zu dem sie noch im Frühjahr gefahren war. Sie hatte mit dem Musizieren vor langer Zeit aufgehört, jetzt könne sie es nicht mehr, aber insgeheim, das war zu hören, spielte sie vielleicht doch mit dem Gedanken, es noch einmal zu versuchen, mit einem kleinen roten Instrument.
Mathias Greffrath und Christiane Grefe
https://taz.de/Nachruf-auf-Verlegerin-Antje-Kunstmann/!6215008
Sie wurde als »Verlegerin mit dem langen Atem und dem großen Herzen« ausgezeichnet
Als 2021 ihr Kollege Klaus Wagenbach starb, zitierte Antje Kunstmann in einem Nachruf Kurt Wolff: »Ein Verleger ist nicht anonym, sondern synonym mit seiner Tätigkeit.« Das galt auch für Kunstmann, die seit 1990 den Verlag führte, der ihren Namen trägt. (…)
In der Buchbranche war Antje Kunstmann als Verlegerin aus Leidenschaft hoch angesehen. Sie wurde als »Verlegerin des Jahres«, »BücherFrau des Jahres« und 2022 mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet. »Antje Kunstmann führt ihren Verlag wie eine Manufaktur«, hieß es 2004 in einem SPIEGEL-Spezial, »sie liest alle Manuskripte, bevor sie in die Produktion gehen, sie pflegt die Autoren, von deren Talent sie überzeugt ist – auch wenn sich deren Bücher nicht immer gut verkaufen.«
feb
Kind der 68er
Kunstmann war als Kind der 68er aktive Feministin, und das erste Buch des Verlages sollte der Band „Frauen befreien sich – Bilder zur Geschichte der Frauenarbeit und Frauenbewegung“ werden, zu dem sich dann aber ein vielfältiges Programm aus Literatur, Polit- und Sachbüchern und auch Comics gesellte, unter anderem das Kommunistische Manifest als Graphic Novel.
Gerrit Bartels
Von Comics bis „NSU-Prozess“
Zu den Autoren und Autorinnen ihres Verlages in München gehören unter anderen Axel Hacke, Tim Parks und der Comickünstler Manfred Deix. Auch „Der NSU-Prozess. Das Protokoll“ mit Mitschriften aus dem aufsehenerregenden Strafverfahren gegen Beate Zschäpe erschien dort. Die Palette reicht von Romanen über Gedichte und Essays bis hin zu Sach- und Kochbüchern und Werken für Kinder. Für ihr Wirken erhielt sie unter anderem das Bundesverdienstkreuz am Bande im Jahr 2022 und zwei Jahre später den Deutschen Verlagspreis.
red, ORF.at/Agenturen
https://orf.at/stories/3442840
Videos:
Verlegerin Antje Kunstmann – Gespür für gute Bücher | Made in Germany, 2010
Antje Kunstmann: Eine Münchner Verlegerin
https://www.facebook.com/watch/?v=591362442059302
Mehr:
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=121079627
https://www.kurt-wolff-stiftung.de/wp-content/uploads/2022/04/Laudatio_KW_Preisverleihung_2022.pdf
https://www.boersenblatt.net/archiv/1559464.html
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/Antje_Kunstmann
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Kommentare von Daniel Leutenegger