Die 62. Solothurner Filmtage vom 20. bis 27. Januar 2027 widmen ihre Retrospektive dem Filmkollektiv Zürich. Das 1975 gegründete Produktionskollektiv steht für politische Filme zu Themen wie Wohnungsnot, Atomkraft oder Selbstbestimmung. Das Programm schlägt die Brücke zur Gegenwart und fragt: Warum sind diese Filme heute so aktuell? In Gesprächen und Debatten werden die Themen aus heutiger Perspektive diskutiert.

Bild: Solothurner Filmtage 2027 bringen Retrospektive zum Filmkollektiv Zürich – Foto: © Cinémathèque suisse
Anfang der 1970er-Jahre erlebt der Schweizer Film eine Zeitenwende. Während in der Westschweiz rund um Alain Tanner die «Groupe 5» entsteht, formiert sich in der Deutschschweiz das Filmkollektiv Zürich. Der Zusammenschluss von Filmschaffenden wie Hans und Nina Stürm, Mathias Knauer, Urs Graf, Beatrice Michel, Marlies Graf Dätwyler sowie von Filmtechnikern wie Renato Berta, André Pinkus, Robert Boner oder Carlo Varini definiert eine neue, gemeinschaftliche Form des Filmemachens.
Die Retrospektive der 62. Solothurner Filmtage fokussiert auf die Gründerzeit des Filmkollektivs Zürich (1975–1985), in der rund dreissig, zumeist politische Filme entstehen.
Energie- und Wohnungsfrage
Ein Hauptfilm der Retrospektive ist «Gossliwil» (1985). Für diesen fünfteiligen Essay über Arbeit, Zeit und Landflucht verlegten Beatrice Michel und Hans Stürm ihren Wohnsitz ins gleichnamige Bauerndorf. Im Kontrast dazu steht Hans und Nina Stürms Kritik an der kapitalistischen Wohnungswirtschaft («Zur Wohnungsfrage 1972»). Zwei Filme stellen die Frage nach einer nachhaltigen Energiepolitik. Während «Kaiseraugst» (1975, kollektive Autorschaft) den zivilen Ungehorsam auf dem Gelände des geplanten Atomkraftwerks dokumentiert, stellt «Le gaz des champs» (1977) von Jean-François Amiguet einen damals visionären Bauern vor, der aus Kuhmist Biogas herstellt.
Filmen als politische Praxis
Dank dem Besitz eigener Kameras und Tonausrüstungen können die Mitglieder des Filmkollektivs Zürich einfach losziehen und filmen – eine direkt politische Form des Dokumentarfilms entsteht. Beispiele dafür sind «Ein Streik ist keine Sonntagsschule» (1974, Hans Stürm, Mathias Knauer, Nina Stürm) oder «Lieber Herr Doktor» (1977, kollektive Autorschaft), ein Interventionsfilm, der – letztlich erfolgreich – die Selbstbestimmung beim Schwangerschaftsabbruch fordert.
Die 62. Solothurner Filmtage zeigen im Programm «Rencontre» 12 Werke des Filmkollektivs Zürich. Fünf davon werden für die Retrospektive neu digitalisiert und untertitelt, darunter etwa «Cinéma mort ou vif?» (1977, kollektive Autorschaft). Alle Filmvorführungen werden von Gesprächen mit den Filmschaffenden begleitet. Zwei vertiefende Diskussionen mit Gästen aus der aktuellen Politik runden das Programm ab.
Das vollständige Programm wird am 9. Dezember 2026 bekanntgegeben. Die 62. Solothurner Filmtage finden vom 20. bis 27. Januar 2027 statt.
Das Spezialprogramm «Rencontre» ist eine Zusammenarbeit mit der Cinémathèque suisse. Es ehrt jährlich Persönlichkeiten des Schweizer Films und zeigt ausgewählte Werke ihres Schaffens. Das Programm vermittelt einen Einblick in die Arbeit der gewürdigten Personen und ermöglicht dem Publikum, diesen zu begegnen.
Quelle / Kontakt:
https://www.solothurnerfilmtage.ch/de/festival/sektionen/rencontre
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Kommentare von Daniel Leutenegger