5. März 2026
ZUM TOD DES DEUTSCHEN SCHRIFTSTELLERS PETER SCHNEIDER
Der am 21. April 1940 in Lübeck geborene deutsche Publizist und Schriftsteller Peter Schneider (Bild) ist am 3. März 2026 in Berlin gestorben. Im Laufe der 1960er-Jahre machte Schneider eine politische Radikalisierung durch, die ihn zu einem der Wortführer und Organisatoren der Berliner Studentenbewegung werden liess. Seine Erzählung «Lenz» war ab 1973 zum Kultbuch der enttäuschten Linken geworden, da es ihr Lebensgefühl nach dem Scheitern ihrer Utopie und Revolte beschrieb. Schneider verfasste seitdem Romane, Erzählungen und Drehbücher, die häufig Schicksale von Angehörigen seiner Generation zum Thema hatten; daneben entstanden Werke über die Situation Berlins vor und nach der Wiedervereinigung. Seine 1982 erschienene Erzählung «Mauerspringer» brachte ihm auch international Bekanntheit und Anerkennung. Mit dem Roman um Antonio Vivaldi «Vivaldi und seine Töchter» (2019) schlug der Autor den Bogen zurück zu einem musikalischen Heroen seiner Kindheit: Sein Vater war der Dirigent und Komponist Horst Schneider. (*)

Bild: Peter Schneider, 2008 – Foto: Regani, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Regani – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Schneider_2008_02.jpg
Die Gefühle des Augenblicks
Der literarische Ruhm Peter Schneiders hatte sehr viel mit der Begabung zu tun, zum richtigen Zeitpunkt die Gefühle des Augenblicks zu transportieren. Die 1973 erschienene Erzählung „Lenz“ umfasst kaum 90 großzügig gesetzte Seiten und verhandelt bereits die Zweifel an der Zugehörigkeit zu der längst im Niedergang befindlichen 68er-Bewegung.
Peter Schneiders Protagonist ist Georg Büchners Gefühlsrebellen Lenz nachempfunden, und gleich auf den ersten Seiten begegnen einem Zitate von Karl Marx und Jim Morrison von den Doors. Schneiders Büchlein transportierte das Soundgefühl jener Zeit, die noch nicht reif für eine Abrechnung war. Vielmehr war ihm das Kunststück gelungen, die Schwingungen des Aufbruchs irgendwie beizubehalten, obwohl die inneren Zweifel an den politischen Folgen längst überwogen.
Harry Nutt
https://taz.de/Nachruf-auf-Peter-Schneider/!6159873/
Dabei und dagegen: Ein langer Abschied von der Linken
Wenn das Fernsehen mal wieder einen 68er brauchte, wurde er gern ins Bild gesetzt. Er war dabei gewesen, in der Germanistik, erst in der SPD, dann im Proletkult, im Berufsverbot und schließlich auch in Italien, dem alten Sehnsuchtsland der deutschen Linksradikalen (da ist es wärmer und leckerer, und es gab viel mehr Kommunismen). Und dann ging er langsam von links ins Rechtsliberale über, mit viel Verständnis für den Zeitgeist; in den 90ern war er für den Nato-Krieg gegen Rest-Jugoslawien, in den 2010ern ein Kritiker der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel.
Niko Daniel
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1198051.nachruf-tod-eines-ers-peter-schneider.html
Berliner Autor Peter Schneider – für immer Mauerspringer
Im Jahr 1982 erschien „Der Mauerspringer“ von Peter Schneider, ein Roman mit essayistischen Einschüben, ein Buch, das seiner Zeit auf eine Weise auf der Spur war, wie es nur ganz selten einmal gelingt. Und der Autor dachte darin noch weiter. Denn enthalten ist ein Satz, den man ohne Zusammenhang vielleicht in einer Politikerrede aus den 90er-Jahren verorten würde: „Die Mauer im Kopf einzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrissunternehmen für die sichtbare braucht.“
Cornelia Geissler
Der empfindsame Rebell
Für die Genossen war er bald ein Abtrünniger, wenn nicht ein Verräter. Doch er taugte auch nicht zum Renegaten, der für seine militanten Bekenntnisse zur Achtundsechziger-Revolte Buße tun wollte, indem er linken Selbsthass praktizierte. Peter Schneider liebte viel zu sehr sich selbst, als dass er sich mit allen politischen Konsequenzen auf eine Seite hätte schlagen wollen. Und dass er dies nicht nur wusste, sondern zum Gegenstand seiner publizistischen und schriftstellerischen Arbeiten machte, unterschied ihn als eingreifenden Chronisten seiner Generation bis zuletzt von schlichteren rechtsdrehenden Gemütern, die in ihm einen billigen Verwandten witterten.
Gregor Dotzauer
Schneider galt als hellsichtiger Essayist mit dem Mut zum Anecken und als vielseitiger Autor, der in verschiedenen literarischen Gattungen zu Hause war. Er wurde mit seiner Erzählung »Lenz« (1973) bekannt, die gerade für die Generation der 68er zur identitätsstiftenden Lektüre wurde.
Im «Spiegel» hieß es zu seinem 70. Geburtstag über Schneider: «Er ist ein Renegat, ohne abzuschwören, ein Kritiker, ohne Verräter zu sein. Einer, der seine politischen Irrtümer bekennt und dennoch nicht die eigene Biografie desavouieren oder gar ungeschehen machen will. Er ist und bleibt ein 68er, aber eben nicht einer von jenen, die stolz darauf sind, immer noch genau dieselben Auffassungen zu vertreten wie in ihrer seligen Jugendzeit.»
rai / dpa
Die Stimme des Selbstzweifels
Er war ein streitbarer Public Intellectual, ein 68er, der auch seine eigenen Gewissheiten immer wieder infrage stellte.
Eine seltene intellektuelle Figur war dieser Peter Schneider, zumal für die deutsche Szene: Er war ein zentraler politischer Aktivist der Jahre 1967/68, mittendrin im Protest gegen den Schah-Besuch; er war prominent beteiligt am Internationalen «Vietnam-Kongress» in Berlin und am Springer-Boykott. Schneider nahm als Redenschreiber am Wahlkampf Willy Brandts teil («Willy wählen»).
Wie wenige andere jedoch verlief er sich nicht in den folgenden bleiernen Jahren zwischen Theorie und Terror, sondern wurde zu einem geachteten Romancier und liberalen politischen Intellektuellen, der bis kurz vor seinem Tod mit 85 Jahren immer wieder sein Publikum fand.
Jörg Lau
https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-03/peter-schneider-schriftsteller-lenz-nachruf
Der fabelhafte Mauerspringer
Ähnlich wie Wolf Biermann musste er feststellen, dass er immer häufiger nicht mehr seiner Meinung war, kurz, dass alte Überzeugungen, Weltbilder und Interpretationsmuster die Realität nicht mehr angemessen beschrieben und erklärten. Ob im linken „Kursbuch“ oder Springers „WELT AM SONNTAG”, in der „taz“ und der „FAZ“, in „Zeit“ und „Spiegel“– überall stellte er Fragen, denen viele Kampfgenossen aus alter Zeit lieber auswichen.
Reinhard Mohr
Marx im Nacken, die Freiheit vor Augen
Bekannt wurde er als Aktivist der Studentenbewegung von 1968, berühmt wurde er mit einer Novelle, die 1973 bei Rotbuch erschien und vom Befremden des Einzelnen an der Bewegung erzählte: In „Lenz“ distanziert sich ein junger Mann, der unter der Trennung von seiner nur als „L.“ vorgestellten Freundin leidet, allmählich von den Idealen und Zielen seiner Umgebung, seit er bemerkt, dass sie ihm etwas abverlangen, das er nicht mehr zu geben bereit ist. Den Moment, in dem diese Entwicklung beginnt, bringt der Erzähler in ein seither viel zitiertes Bild: Lenz wacht morgens in seinem Zimmer unter einem Marx-Porträt auf, schaut dem Philosophen, dem „alten Besserwisser“, in die Augen und fragt ihn, ob er eigentlich „glücklich“ sei.
Tilman Spreckelsen
„Er wusste um seine vielen Freunde“
Peter lehnte ab, eine Chemo zu machen, die nur Schmerzen mache, das Bewusstsein einenge und ihm doch höchstens ein paar Wochen bringen würde. Er ging in eine Reha, die gab ihm den Rest: Er verlor Gewicht und Mut. Ein paar Wochen hat er sich dann noch wacker in seiner Wohnung gehalten, ab und zu kam er sogar mit raus zum Essen, was er dringend brauchte.
Er wusste um seine vielen Freunde, fühlte sich aber zu schwach, um sie noch einmal um sich zu versammeln. Insofern mag diese traurige Nachricht für viele überraschend kommen.
Volker Schlöndorff
https://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-schneider-tot-nachruf-volker-schloendorff-li.3440988
Revolte und Selbstkritik
Peter Schneider schrieb für Willy Brandt, später war er Vordenker der 68er-Bewegung. Sein größter literarischer Erfolg: Die Novelle «Lenz», Kultbuch einer enttäuschten Linken, später sogar Schullektüre. Lehrer durfte Schneider aber nicht werden.
Peter Schneider war immer ein «zoon politikon», ein durch und durch politisches Wesen – eine prägende Gestalt der Studentenrevolte der 68er, aber nie verdächtig, deshalb jener «linken Melancholie» anheimzufallen, die Walter Benjamin 1931 schon auf diesen Begriff gebracht hatte.
Vielmehr war dieser Schriftsteller ein vermeintliche Gewissheiten beständig in Frage stellender Intellektueller, der im seinerzeit noch tonangebenden «Kursbuch» mit brillanten Beiträgen wie seinem 1978 veröffentlichten Essay «Der Sand an Baaders Schuhen» produktive Unruhe stiftete im linken Lager, das damals offen sympathisierte mit dem Terrorismus der RAF.
Knut Cordsen
https://www.br.de/nachrichten/kultur/peter-schneider-gestorben-revolte-und-selbstkritik,VCt2vPM
„Verfassungsfeind“
Bekannt wurde er mit seiner Erzählung „Lenz“ (1973), die gerade für die Generation der 68er zur identitätsstiftenden Lektüre wurde. Zwei Jahre später folgte der Band „…schon bist du ein Verfassungsfeind“, dessen Titel bald als geflügeltes Wort in den allgemeinen Sprachgebrauch bei politischen Auseinandersetzungen eingegangen ist.
Der Schriftsteller sah die 68er-Revolte nicht unkritisch. Für ihn war sie aber gleichzeitig mit einem notwendigen Aufbrechen verkrusteter Strukturen in der Gesellschaft und im Denken verbunden. Auch literarisch hat ihn das Thema nicht losgelassen.
red, ORF.at/Agenturen
https://orf.at/stories/3422453/
Der legendäre Achtundsechziger war ein Prophet des Irrtums
Er debattierte mit Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof über die Revolution, wollte dem Springer-Verlag den Prozess machen und kritisierte den Pazifismus: Der Schriftsteller Peter Schneider ist 85-jährig gestorben.
«Rebellion und Wahn. Mein 68» lautet der Titel des Buchs, in dem Peter Schneider 2008, nach vierzig Jahren, auf seine Zeit in der Protestbewegung zurückblickte. Atmosphärisch dicht, ohne die Ereignisse aus der Distanz zu verklären. Schonungslos, ohne sich zu rechtfertigen. Und vor allem selbstkritisch: verwundert darüber, wie eine Revolte, die sich der Befreiung von Zwängen verschrieben hatte, in kurzer Zeit in Dogmen erstarren konnte.
Thomas Ribi
Videos:
Peter Schneider on Germany After the Wall, Hate Crimes, and History’s Shadow (1992)
Peter Schneider | Rebellion und Wahn der 68er (NZZ Standpunkte 2008)
Peter Schneider, Blaues Sofa, ZDF 2013
Peter Schneider liest aus »An der Schönheit kann’s nicht liegen…«, 2015
Peter Schneider – Club der Unentwegten, 2017
Mehr:
https://archiv.adk.de/bigobjekt/10491
https://www.kiwi-verlag.de/magazin/aus-dem-verlag/zum-tod-von-peter-schneider
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118758675
https://literaturfestival.com/authors/peter-schneider/
https://www.imdb.com/de/name/nm0773978/
https://www.deutschlandfunk.de/musik-und-fragen-zur-person-der-schriftsteller-peter-100.html
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Schneider_(Schriftsteller)
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Kommentare von Daniel Leutenegger