13. Juli 2025
«ÒWÚ. FIL. FADEN. THREAD. DIE VERFLOCHTENE GESCHICHTE VON TEXTILIEN, HANDEL UND KOLONIALEN ERBSCHAFTEN»
Installation im Textilmuseum St.Gallen, bis am 14. September 2025

Foto: © vorarlberg museum / Daniel Furxer & Fabricating Adjacency (2024), CL Hammann
Wie gedenken wir eines Ereignisses, das noch nicht abgeschlossen
ist?
How do we memorialise an event that is still ongoing?
Christina Sharpe, In the Wake. On Blackness and Being (2016)
Der raumgreifende Quilt «Owú. Fil. Faden. Thread» ist zugleich Kunstwerk und Forschungsmethode – eine taktile Annäherung an Beziehungen, Erinnerungen und Geschichte. Er verbindet geografisch entfernte Orte und verwebt Städte wie Bregenz, Lagos, St.Gallen, Wien und Dakar zu einem vielstimmigen Gewebe aus Erinnerung, Widerstand und möglicher Zukunft. Jedes einzelne Fragment erzählt seine eigene Geschichte – eingeschrieben in Textilien, Handel und Gewalt. Materialien wie Baumwolle, Leinen, Damast und feine Stickereien tragen die Spuren kolonialer Verflechtungen ebenso wie jene alltäglicher Fürsorge und Resilienz. Der Stoff selbst wird zum Zeugnis: von Machtverhältnissen, Zugehörigkeit und dem Wissen, das durch Hände und Körper wandert und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Die Koffer und Reisetaschen sind Träger des Quilts und seiner Geschichten; sie verkörpern im wörtlichen und übertragenen Sinne das «Gepäck» historischer Verbindungen sowie das Potenzial, etwas Neues zu schaffen. Die Reisekoffer begleiteten uns auf unseren Reisen nach Bregenz, Lagos, St.Gallen und Dakar: Sie tragen Stoffe, Erfahrungen, Gedanken und auch ein symbolisches Gewicht; sie erinnern uns an Bewegung, Migration und Flucht. Sie transportieren Waren, machen Geschenke und assistieren im Schmuggel, Verstecken und Widerstand.
Anlässlich der 9. Europäischen Quilt Triennale, die noch bis zum 14. September 2025 im Textilmuseum zu sehen ist, ist der 15 Meter lange und drei Meter breite Quilt in Koffern und Taschen verpackt als Installation in der Lounge ausgestellt. Die textile Arbeit von Künstler:innen der Akademie der bildenden Künste Wien beschäftigt sich mit der Verflechtung von Textilindustrie und kolonialem Erbe – ein Thema, das in den vergangenen Jahren zunehmend ins öffentliche Bewusstsein rückte und St.Gallen als historisches Produktionszentrum hochwertiger Textilien, insbesondere Stickereien, besonders betrifft. Dabei ist die Geschichte von St.Gallen eng mit der Vorarlbergs verbunden: In den USA ansässige Nachkommen der Textilfamilie Ganahl handelten beispielsweise im 19. Jahrhundert mit Baumwolle, die auf den Plantagen der Südstaaten von versklavten Menschen angebaut, geerntet, verpackt und verschifft wurde. Die Emigrierten bauten dabei auf das Erbe von Kaufleuten der Region, wie z.B. der St.Galler Hieronymus Sailer oder der Konstanzer Ulrich Ehinger, die bereits im 16. Jahrhundert aktiv am Handel von versklavten Menschen beteiligt waren und Menschen aus Westafrika verschleppten. Joseph und Ludwig Ganahl aus Feldkirch wurden im Jahr 1828 im US-Staat Georgia eingebürgert; ihnen folgten bald Franz und Karl Ganahl. Sie belieferten Vorarlberg und der die Ostschweiz mit Baumwolle, welche die Basis für die industrielle Revolution und letztendlich den aufkommenden Wohlstand war.
Geschichten wie diese sind in den ausgestellten Quilt eingewoben. Quilten bezeichnet eine jahrtausendealte Technik, bei der mehrere Stofflagen zusammengenäht werden. In Europa und Amerika entwickelte sich Quilten weiter als Kunstform und erzählerisches Medium, das vielfach ein kulturelles Erbe abbildet. In der Arbeit «Òwú. Fil. Faden. Thread» verbindet der Quilt Textilien, Geschichten und Erinnerungen historischer Ereignisse, die auch heute noch unsere Beziehungen prägen.
Beteiligte Künster:innen:
Anette Baldauf, Milou Gabriel, Sasha Huber, Janine Jembere, Susanna Delali Nuwordu, Esther Ojo, Jumoke Sanwo, Mariama Sow, Katharina Weingartner.
tmsg
Kontakt:
https://www.textilmuseum.ch/category/ausstellungen
Auf ch-cultura.ch u.a. bereits erschienen:
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Kommentare von Daniel Leutenegger