5. Februar 2026
«ENGADIN PRESS» – EINBLICKE INS BILDARCHIV
Ausstellung im Rätischen Museum, Chur, bis am 22. März 2026

Bild: Engadin Press Co. – Foto: © Rätisches Museum, Chur

Bild: Giassa a Samedan (Crappun) enturn l’onn 1900. Fundaziun grischuna per la fotografia
Das Bildarchiv der ehemaligen Druckerei Engadin Press Co. in Samedan enthält über 50’000 Fotografien aus den Jahren 1880 bis 1950 und ist eine der grössten Sammlungen von historischen Aufnahmen aus Graubünden. 1960 wurden die Bilder vom Museum für Kommunikation (ehemaliges PTT-Museum) in Bern für 2’500 Franken gekauft. Jetzt kehrt das Archiv als umfangreichster Zugang der Fotostiftung Graubünden zurück in die Region. Die Bilder werden in den nächsten Jahren digitalisiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die Ausstellung, die das Rätische Museum zusammen mit der Fotostiftung Graubünden gestaltet hat, zeigt erste Einblicke in die Arbeit der Engadiner Fotowerkstatt. Sie nimmt die Besuchenden mit auf eine Zeitreise in die Bündner Bergwelt, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den aufkommenden Tourismus stark verändert wurde.

Bild: Engadin Press Co. – Foto: © Rätisches Museum, Chur
ENGADIN PRESS CO.
Die 1865 gegründete Druckerei Samuel Fissler in Samedan publizierte Fremdenlisten und die Wochenzeitung «Fögl d’Engiadina». Simon Tanner, der bereits als Angestellter im Unternehmen tätig war, übernahm 1878 den Betrieb. Als die Fotografie aufkam, erkannte Tanner deren Potenzial: Der Reiseführer «Das Engadin in Wort und Bild» und die Zeitschrift «Engadin Express» waren als illustrierte Drucksachen Pionierleistungen, aber wenig rentabel.
1902 übernahm der Engländer Geo Edwards die Firma und nannte diese «Engadin Press Co.». Simon Tanner blieb Direktor, sein Sohn Hermann wurde erster Redaktor und Fotograf. Der Verlag entwickelte sich zu einem bedeutenden Produzenten von Postkarten, Werbeschriften und Büchern, sowie zu einer wichtigen fotografischen Dienstleistungsstelle für Zeitungen und Illustrierte. Zum Unternehmen gehörten ausserdem eine Papeterie und ein Fotostudio in Samedan sowie eine Filiale in St.Moritz.
NEGATIV – POSITIV
Das Fotografieren war in der Anfangzeit kompliziert, Aufnahmen im Freien erforderten grossen Aufwand: schwere Kameras, lange Belichtungszeiten, zerbrechliche Glasplatten, Chemikalien und eine Dunkelkammer vor Ort waren nötig. Meist wurde im Studio gearbeitet. Ab den 1880er-Jahren erleichterten industriell gefertigte Gelatineplatten den Prozess. Diese konnten direkt in die Kamera eingeschoben und erst später entwickelt werden. Kürzere Belichtungszeiten ermöglichten nun auch Momentaufnahmen. Obwohl es schon handlichere Rollfilme gab, arbeiteten Profis bis in die 1950er-Jahre weiter mit Glasplatten, weil diese empfindlicher waren und eine bessere Bildqualität boten.
Die Glasplatte wurde in den Fotoapparat eingeschoben und belichtet, das Bild entstand im Negativ. Im Sonnenlicht oder mit Kunstlicht im Labor wurde das Negativ auf ein Fotopapier gebannt und damit in ein positives Bild umgewandelt.

Bild: Engadin Press Co. – Foto: © Rätisches Museum, Chur
ARBEITSWELTEN
Die Fotos aus dem Bildarchiv Engadin Press zeigen eine Bergregion im Umbruch. Sie dokumentieren traditionelle Arbeitswelten, aber auch zahlreiche Berufe, die mit dem Tourismus in die Bergregionen kamen. Der Tourismus beschleunigte den Ausbau von Infrastrukturen in Graubünden. Seit 1896 konnte der Feuerwehrmann in Samedan sein Löschwasser an einem Hydranten anzapfen. Der «Tunnelfotograf» dokumentierte den Bau des Albulatunnels, der 1903 als Teil der Eisenbahnlinie von Chur nach St.Moritz eröffnet wurde. Der Zugfahrplan wurde von Engadin Press gedruckt. Bereits 1920 arbeiteten in Samedan viel mehr Menschen im Gewerbe und im Dienstleistungsbereich als in der Landwirtschaft.
FERIEN, FREIZEIT, SPORT
Mit den Kurgästen und etwas später mit den Wintertouristen kamen viele neuartige Sportarten ins Engadin. Die Touristin im 19. Jahrhundert musste vor dem Hintergrund des Palügletschers lange am Fotopoint auf der Alp Grüm ausharren. Ihre Kollegin präsentierte einige Jahre später ihr topmodisches Ski-Outfit vor dem Hotel Palace in St.Moritz. Eislaufen und Skeleton gehörten zu den ersten Wintersportarten, mit denen sich die englischen Gäste vergnügten. Tennis und Golf waren beliebte Sommersportarten. Zusammen mit englischen Gästen baute der Hotelier Angelo Fanconi 1893 den Golfplatz Samedan, der lange als einer der besten in der Schweiz galt. Die Zeitschrift «Engadin Express & Alpine Post», die für Gäste in deutscher und englischer Sprache erschien, dokumentierte diese sportlichen Ereignisse mit zahlreichen Fotografien.

Bild: © Fundaziun grischuna per la fotografia
BERGSTEIGEREI
Berge und Bergsteigende standen schon früh im Fokus der zahlreichen Fotografen, die sich im Engadin etabliert hatten. Sobald es die Technik zuliess, transportierten Fotografen mithilfe ihrer Assistenten die Ausrüstung ins Gebirge, um die spektakulären Landschaften ins Bild zu bannen. Auf vielen Bildern war der Protagonist der Fotografie der Berg, selbst wenn sich Bergsteiger vor der Linse befanden. Dafür steht die Aufnahme vom Persfall oder jene über die Schulter der Alpinistin auf das Panorama des Berninamassivs. Oft ist der Mensch jedoch das Hauptmotiv der Bilder, der Ort ist dabei jeweils schwierig zu bestimmen. Diese gestellten Aufnahmen zeigen eher die Bergsteiger und ihre alpinistischen Fähigkeiten als die Berge selbst, ab und an mit leichtem Augenzwinkern.
VEREINE UND FESTE
Die Dorfgemeinschaften pflegten auch im Oberengadin seit Mitte des 19. Jahrhunderts ein reges Vereinsleben. Feste von Musikgesellschaften, Turnvereinen oder Jungburschen waren wichtig für den Zusammenhalt im Dorf. Bräuche wie Weihnachtssingen, Schlitteda und Chalandamarz boten Abwechslung in den kalten Wintermonaten. Fotografen der Druckerei Engadin Press Co. dokumentierten diese Anlässe. In der Zeitung «Fögl d’Engiadina» erschien ein Bericht und eine Ankündigung, dass die Fotos im Schaufenster der Papeterie ausgestellt seien. Abzüge wurden zum Verkauf angeboten. Die Pflege der Trachtenvereine und die Dokumentation der Trachtentagung 1938 in der Bilderbeilage der Zeitung «Freier Rätier» ist auch im Zusammenhang mit der Abstimmung zur Anerkennung der Rätoromanischen als vierte Landessprache zu sehen.
BÜHNEN
Der erste Auftrag des jungen Simon Tanner als Angestellter der Druckerei Fissler war 1866 ein Theaterprogramm. Volkstheater, Tanzveranstaltungen und musikalische Darbietungen gehörten zu den beliebtesten Unterhaltungen für Einheimische und Gäste, oft organisiert vom Frauenverein oder vom Dramatischen Verein. In Samedan fanden zahlreiche kulturelle Veranstaltungen statt. Maskenbälle, Kostümfeste und Feiern gingen in Hotelsälen oder draussen über die Bühne und boten viel Unterhaltung. Engadin Press spielte dabei eine wichtige Rolle: Die Zeitung «Fögl d’Engiadina» kündigte die Anlässe an, in der Papeterie konnten die Tickets im Vorverkauf erstanden werden, und die fotografische Abteilung nutzte Bilder für Werbung oder dokumentierte die Veranstaltungen.
KINDER UND JUGENDLICHE
Kinder erscheinen im Bildarchiv Engadin Press in verschiedenen Kontexten. Als Models waren sie beliebte Postkartensujets. Dagegen wirkt die Fotografie der Kinder des Kronprinzen von Italien vor dem Hotel Palace in St.Moritz eher wie ein Ausschussbild eines Auftragsfotografen. Viele Kinder wurden im Kontext der Schule fotografiert, so eine Gruppe im Kindergarten, den der Frauenverein ab 1907 in Samedan betrieb. Oder aber im Bellaria in Zuoz, einem der zahlreichen Kinderheime, die im Engadin auch als Ferienkolonie und Schule betrieben wurden. Den Alltag von Bergbauern und ihren Kindern zeigt das Bild mit der Beschriftung «Familienidyll Maloja».
IM FOTOSTUDIO
Die Porträtfotografie im Studio entstand Mitte des 19. Jahrhunderts als technische Alternative zum gemalten Porträt. Diese frühen Aufnahmen mussten lange belichtet werden, waren aufwändig und teuer. Die Porträtierten mussten für ein Foto in strenger Pose lange stillhalten. Als die Fotografie ab den 1880er-Jahren einfacher und günstiger wurde, verbreitete sich das Porträt als Erinnerungsbild in allen Bevölkerungsschichten. Aus den Posen, welche Personen bei Ereignissen wie Hochzeiten oder Geburtstagen einnahmen, entwickelten sich Gewohnheiten. Engadin Press betrieb ab 1921 ein Fotoatelier, das auch Passbilder anbot, die zu dieser Zeit noch nicht nach strengen Normen aufgenommen werden mussten. Trotzdem wurden Menschen oft in ähnlicher Pose abgelichtet.

Bild: Engadin Press Co. – Foto: © Rätisches Museum, Chur
MASSENMEDIUM POSTKARTE
Illustrierte Postkarten waren am Ende des 19. Jahrhunderts eine Neuheit. Sie lösten die Korrespondenzkarten ab, die weniger Porto kosteten als Briefe. Die eine Seite war für den Text reserviert, die andere für das Adressfeld. Bald schmückten auch Bilder die Textseite. Diese wurden immer grösser, sodass für Grussbotschaften oft kein Platz mehr war. Postkarten hatten als Kommunikationsmittel und als effizientes Werbemittel rasch einen riesigen Erfolg. Erst 1905 wurde die Hinterseite dieser Karten unterteilt. Im rechten Feld war nun Platz für Adresse und Briefmarke, im linken für die Korrespondenz. Auf diese Weise entstand die Ansichtskarte mit Abbildungen auf der einen und Adresse und Grussbotschaften auf der anderen Seite.
VOM FOTO ZUR POSTKARTENIDYLLE
Engadin Press Co. war eine der ersten Druckereien, die sich auf Postkarten mit Engadiner Motiven spezialisierte. An der Herstellung von Postkarten waren viele beteiligt: Fotografen, Maler, Illustratoren, Grafiker und Drucker. Eine weitverbreitete Technik war die Herstellung mehrteiliger Collagen in Kombination mit verspielten typografischen Elementen. Lange vor Photoshop und KI erreichte die Bildbearbeitung in der Postkartenproduktion hohe Kunstfertigkeit. Schwarzweissfotografien wurden von Hand koloriert, Wolken und Schatten retuschiert und ganze Landschaftselemente «optimiert». Bewegte Elemente wie Personen oder Fahrzeuge waren zu Beginn der Fotografie oft unscharf im Bild. Sie wurden mittels Collage durch scharfe Elemente aus anderen Fotografien ersetzt. Viele Arbeitsschritte waren nötig, um die perfekte Postkartenidylle zu produzieren.

Bild: © Fundaziun grischuna per la fotografia
EINE REISE DURCH RAUM UND ZEIT IM OBERENGADIN
Viele der im Rätischen Museum gezeigten Fotografien wurden bislang weder publiziert noch ausgestellt. Neben klassischen Landschaftsaufnahmen, die das Bild des Engadins bis heute prägen, eröffnen sie auch ungewohnte Einblicke: Hinterhöfe, Nebengassen, neue Perspektiven auf Gebäude sowie Szenen aus Alltag, lokalen Veranstaltungen, Tourismus und Sport.
Die Fotografien aus dem Archiv Engadin Press erweitern und hinterfragen die vertrauten, ikonischen Ansichten. Sie zeigen ein Oberengadin abseits bekannter Motive und kommen der damaligen Lebenswirklichkeit dadurch näher. Die Vielzahl der Fotografien aus einem eng begrenzten Zeitraum erlaubt einen direkten Blick in die Frühphase des Tourismus um 1900 – als Stall und Grand Hotel nebeneinanderstanden und Heu auf dem Golfplatz geerntet wurde. So entsteht ein vielschichtiges, widersprüchlicheres Bild des Engadins.
cp
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Dapli:
Il stgazi da fotografias da l’Engadin Press è enavos
RTR: Exposiziun en il Museum retic
https://www.rtr.ch/cultura/il-stgazi-emblida-il-relasch-da-l-engadin-press-returna-a-chasa
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Kommentare von Daniel Leutenegger