Ausstellung im Bernischen Historischen Museum, Bern, bis am 4. Juli 2027

Bild: Zusammen mit den Nachkommen der Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter wurde neues Wissen über Verwendung und Bedeutung der Artefakte geschaffen. Diese Erkenntnisse werden in der Ausstellung beleuchtet. © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Stefan Wermuth
Was bedeutet es, Dinge der eigenen Vorfahren zum ersten Mal in den Händen zu halten, und zum ersten Mal überhaupt Zugang zum eigenen Kulturerbe zu haben? Davon berichten Nachkommen namibischer Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter in der Ausstellung «Destination: Usakos. Heimreise nach Namibia – Zukunft eines kolonialen Erbes». 1906, im gewaltsamen Kontext eines gigantischen kolonialen Eisenbahnprojekts im heutigen Namibia, eignete sich das Schweizer Ehepaar Victor und Marie Solioz rund 300 Gegenstände an und brachte diese nach Bern. Jetzt hat das Bernische Historische Museum das Eigentum an der Sammlung an die Stadt Usakos übertragen, die ihrem Kulturerbe nun selbst eine neue Bestimmung gibt.
Am Anfang der Geschichte dieser Sammlung stehen Unterdrückung und Gewalt. Sie entstand am Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext eines kolonialen Eisenbahnprojekts im damaligen «Deutsch-Südwestafrika». Der Schweizer Victor Solioz war Chefingenieur eines grossen deutschen Eisenbahnprojektes, das exemplarisch für die koloniale Ausbeutung von Menschen, Land und Ressourcen steht. Usakos liegt an der Strecke der sogenannten Otavi-Eisenbahn, welche die Küste mit den Kupfervorkommen im Nordosten der Kolonie verbinden sollte. In dieser Zeit eigneten sich Victor und seine Frau Marie Solioz eine ethnografische Sammlung an, bestehend aus Alltagsgegenständen aus dem Besitz der beim Bahnbau involvierten Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter. 1906 brachten die beiden die Sammlung nach Bern, 1928 kaufte sie das Museum. Wie das Ehepaar die 286 Artefakte genau erwarb, ist bis heute nicht restlos geklärt.

Bild: © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Stefan Wermuth
Die Rückkehr der Sammlung
Im Juni 2026 hat das Bernische Historische Museum das Eigentum an der gesamten Usakos Railway Workers’ Collection an das Stadtmuseum in Usakos übertragen. Damit hat das Usakos Museum nun erstmals Zugang zu einer eigenen Sammlung. 28 Artefakte befinden sich bereits vor Ort. Der Grossteil der Sammlung – Alltagsgegenstände, Schmuck, Waffen sowie Objekte mit spirituellem Wert – zeigt das Berner Museum nun als Leihgaben in der Ausstellung «Destination: Usakos. Heimreise nach Namibia – Zukunft eines kolonialen Erbes», bevor sie Ende 2027 ebenfalls repatriiert werden.
Begegnung mit der eigenen Geschichte
«Kulturerbe soll dort genutzt werden, wo es für Menschen Bedeutung hat als Quelle von Wissen und Identität», sagt Museumsdirektor Thomas Pauli-Gabi. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste hat 2024 eine umfangreiche Untersuchung zu namibischem Kultur- und Sammlungsgut in 40 Museen und Universitäten in Deutschland, der Schweiz und Österreich veröffentlicht (1)*. Diese führten zu dem Zeitpunkt zusammen rund 19’000 Artefakte aus grösstenteils kolonialen Kontexten in Namibia auf. Das ist mehr als zehnmal so viel wie beim Nationalmuseum Namibias selbst, das rund 1’600 Artefakte besitzt. «In der heutigen Auseinandersetzung mit ethnografischen Sammlungen aus kolonialen gewaltbelasteten Kontexten geht es nicht nur um den Umgang mit Objekten, sondern um Verantwortung gegenüber den Gemeinschaften, denen sie einst gehörten. Wie liesse sich rechtfertigen, eine Sammlung, die mit dem grössten nationalen Trauma Namibias verbunden ist, gegen den Willen ihrer Nachkommen zurückzubehalten?», ergänzt Ausstellungskurator Samuel Bachmann.
Beziehungen als Fundament
Obwohl nur noch wenige Züge durch Usakos fahren, sind Geschichte und Identität vieler Familien bis heute eng mit der Eisenbahn verwoben. Die Repatriierung ist deshalb das Resultat einer gemeinsamen Vision, die dank langjähriger Beziehungsarbeit und Partnerschaft mit der Museums Association of Namibia (MAN), dem Usakos Town Council (UTC), dem Advisory Board des Usakos Museums sowie weiteren namibischen und Schweizer Institutionen entstehen konnte. 2018 stellte das Museum die Sammlung im Rahmen einer Konferenz erstmals in Namibia vor. In den Folgejahren konnten die Beziehungen mit der MAN stetig vertieft werden und ab 2021 stiess auch das Usakos Museum hinzu. 2023 mündeten die Beziehungen in einem gemeinsamen Kooperationsprojekt. Zusammen mit den Nachkommen der Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter wurde neues Wissen über Verwendungen und Bedeutungen der Artefakte geschaffen. Die Erkenntnisse werden nun in der Ausstellung im Bernischen Historischen Museum beleuchtet.

Bild: Es braucht viel Übung, um die Okahumba zu spielen. Die Harfe muss je nach Musikstück anders gestimmt werden. Wenn im Norden Namibias ein König stirbt, ist es ein Jahr lang verboten, die Okahumba zu spielen. © Bernisches Historisches Museum, Bern. Foto: Stefan Wermuth
Ein neues Kapitel in Usakos
Künftig werden in Usakos selbst neue Zuschreibungen, Bedeutungen und Beziehungen entstehen, wenn die lokale Bevölkerung im Stadtmuseum auf die Dinge der Eisenbahnarbeiterinnen und -arbeiter trifft. «Die Menschen in Usakos wünschen sich, dass die Erhaltung dieser Artefakte im Usakos Museum nun auch die nächsten 120 Jahre überdauert. Sie dürfen nicht erneut irgendwo weggeschlossen werden, sondern müssen für die Gemeinschaft sowie für alle Interessengruppen zugänglich sein», so Kleophas Johannes, Vizebürgermeister von Usakos.
bhm
Kontakt:
https://www.bhm.ch/de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/destination-usakos
* (1) Förster, Larissa / Grimme, Gesa /Rippe , Christoph: Locating Namibian Cultural Heritage in Museums and Universities in German-Speaking Countries. A Finding Aid for Provenance Research, Deutsches Zentrum Kulturgutverluste, 2024, https://kulturgutverluste.de/meldungen/namibisches-kulturerbe-deutschsprachigen-institutionen
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Kommentare von Daniel Leutenegger