12. Juni 2026
«MARIUCCIA SECOL: UNRAVELING»
Ausstellung im Muzeum Susch (GR), bis am 1. November 2026
![(von links) 1. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 1) (Casa di bambola [No. 1]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 170 x 77 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak 2. Mariuccia Secol, Frauenmord (Femminicidio), 1988, Patchwork aus Kleidung, Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 210 x 90 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak 3. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 5) (Casa di bambola [No. 5]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Leinwand, Fell, Blumen, 137 x 57 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak](https://ch-cultura.ch/wp-content/uploads/2026/06/Group-190.-©-Mariuccia-Secol.-Foto-Magdalena-Typiak--1024x544.jpg)
Bilder: (v.l.) 1. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 1) (Casa di bambola [No. 1]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 170 x 77 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak – 2. Mariuccia Secol, Frauenmord (Femminicidio), 1988, Patchwork aus Kleidung, Cordura, Jersey, Strumpfhosen, 210 x 90 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak – 3. Mariuccia Secol, Puppenhaus (Nr. 5) (Casa di bambola [No. 5]), 1970, Patchwork aus Kleidungsstücken, Leinwand, Fell, Blumen, 137 x 57 cm © Mariuccia Secol. Foto: Magdalena Typiak
«Mariuccia Secol: Unraveling», die erste grosse institutionelle Retrospektive, die der vielseitigen italienischen Künstlerin und Aktivistin Mariuccia Secol (*1929) gewidmet ist, umfasst über siebzig Jahre ihres künstlerischen Schaffens und bietet einen umfassenden Einblick in ein Werk, das radikalen Feminismus, gesellschaftliche Kritik und historische Wiederaneignung miteinander verbindet.
Die Ausstellung zeichnet Secols Entwicklung nach, beginnend mit ihren frühen Gemälden der 1950er- und 1960er-Jahre, die von existenziellen Sujets und Kriegstraumata geprägt sind (Burnt Cities, Holocaust). Ein signifikanter und anhaltender Einfluss ist ihre Tätigkeit als Lehrerin im Malatelier des psychiatrischen Krankenhauses Bizzozero-Varese (1965–1988) in einer Zeit des radikalen Wandels, massgeblich geprägt durch die Ideen des revolutionären italienischen Psychiaters und Neurologen Franco Basaglia. In diesem marginalisierten Umfeld erkannte Secol, dass Kreativität als Werkzeug zur Selbstbestimmung und Heilung dienen kann.
Beeinflusst vom Protestklima des Jahres 1968 und den aufkommenden feministischen Bewegungen integrierte Secol Methoden des politischen Drucks, wie etwa Streiks, in ihre künstlerische Praxis: So legte sie die «stillen Pinsel» nieder, um mit Alltags- und Haushaltsmaterialien wie Schürzen und Metallschwämmen zu arbeiten, die sie als «Instrumente der weiblichen Rolle» bezeichnete und die für sie zum Rohstoff für einen Akt der Verweigerung wurden. Die ikonische Serie «The Doll’s House» (1970–73), für die sie ihre eigene Kleidung zerlegte (einschliesslich ihres Hochzeitskleides), manifestierte ihre radikale Ablehnung der traditionellen Rollenzuweisungen als Ehefrau und Mutter.
Ein zentraler Fokus der Ausstellung liegt auf den Jahren des Aktivismus der feministischen Gruppe Immagine aus Varese, die 1974 von Secol zusammen mit Milli Gandini und Mirella Tognola gegründet wurde (später kamen Silvia Cibaldi, Clemen Parrocchetti und Mariagrazia Sironi hinzu). Die Gruppe schloss sich der weltweiten Kampagne für Lohn für Hausarbeit an und nahm an den wichtigsten kollektiven Versammlungen der Bewegung teil.
Zudem dokumentiert die Retrospektive die historische Teilnahme der Gruppe an der Biennale von Venedig 1978 und betont die Entwicklung von Secols einzigartiger Formensprache, die auf der Idee der «Verweigerung» (Refusal) basiert. Anstatt den Stoff durch Weben zu verdichten, entfernt Secol Fäden aus der Gewebestruktur. Die so entstehenden Leerstellen und Risse symbolisieren die Wunden des weiblichen Körpers, wie Schwangerschaftsstreifen, und lassen das Licht hervortreten und mit ihm das Selbstbewusstsein, das aus dem Hineinhören in das eigene Innere erwächst. In Bezug auf diese Technik hat der Ausstellungstitel (Unraveling – Entwirren/Auflösen) eine doppelte Bedeutung: Er steht auch für Problemlösung, das Freisetzen kreativer Kraft, Befreiung und die emanzipatorische Loslösung vom Patriarchat. Reife Werke wie «Animus-Anima» (1982) und «Woman bridge» (1989) zeigen, wie die menschliche «Faser» (die Materie) dekonstruiert wird, um Raum für Gedanken zu schaffen.

Bild: Mariuccia Secol, Wartezimmer / Roter Byssus (Sala d’attesa / bisso rosso), 1988, gerissene und gesteppte Tapisserie auf Cordura und Baumwolle, 170 x 245 cm. © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak
In den letzten Jahrzehnten hat sich Secols Arbeit zu einer globalen Kritik ausgeweitet, die Themen wie Migrationskrisen, internationale Konflikte und den ökologischen Kollaps anspricht. Secol war ihrer Zeit voraus, indem sie eine Form der Intersektionalität entwickelte, die den Kampf der Frauen mit der Verteidigung aller marginalisierten oder unterdrückten Identitäten verbindet.
«Mariuccia Secol: Unraveling» ist mehr als nur eine Ausstellung; sie präsentiert ein «rebellisches Archiv», das die etablierte Kunstgeschichte herausfordert und die Narrative über das letzte Jahrhundert erweitert.
Ein Grossteil der gezeigten Werke wurde in den letzten Jahrzehnten nicht mehr oder noch nie zuvor öffentlich ausgestellt. Der Hatje Cantz Verlag veröffentlicht einen umfassenden monographischen Katalog mit Texten von Monika Branicka, Eva Brioschi, Maria Bremer, Sonia D’Alto, Janis Jefferies, Marco Scotini sowie einem Interview mit Manuela Gandini.
Diese Retrospektive steht im Einklang mit dem Gründungsauftrag des Muzeums Susch: Künstlerinnen der internationalen Avantgarde, die übersehen, verkannt oder missverstanden wurden, hervorzuheben, ihnen eine Bühne zu bieten und die gleiche institutionelle Anerkennung wie ihren männlichen Zeitgenossen zu verschaffen. Mariuccia Secol, deren Werk lange Zeit aus den vorherrschenden Narrativen ausgeschlossen war, tritt hier als eine der originellsten Stimmen der italienischen Nachkriegskunst hervor. Die Schau zeigt eine Künstlerin, die sich bereits frühzeitig Themen wie Ausgrenzung, Marginalisierung, Gewalterfahrung und Ökologie gewidmet hat.

Bilder: (v.l.) 1. Mariuccia Secol, Ohne Titel (Senza Titolo), 2016, Keramik, Terrakotta, 49 x 20 x 19 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin und der Galeria Monopol, Warschau. Foto: Bartosz Górka – 2. Mariuccia Secol, Senza Titolo (Ohne Titel), ca. 2010, Keramik, Terrakotta, 70 x 17 x 18 cm. © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin. Foto: Magdalena Typiak – 3. Mariuccia Secol, Tudia, 2012, Keramik, Terrakotta, 55 x 15 x 8 cm © Mariuccia Secol. Mit freundlicher Genehmigung der Familie der Künstlerin und der Galeria Monopol, Warschau. Foto: Bartosz Górka
Mariuccia Secol (geb. 1929 in Castellanza, Varese) ist eine italienische Künstlerin und Aktivistin. Ihre Ausbildung erhielt sie bei Galliano Mazzon und Francesco Fedeli. 1954 liess sie sich in Daverio nieder und etablierte dort einen einflussreichen kulturellen Salon, der als Treffpunkt für Intellektuelle wie Bruno Munari, Enrico Baj und Leonardo Sciascia fungierte. Eine Zäsur in ihrem Schaffen bildete die Leitung des Malateliers im psychiatrischen Krankenhaus Bizzozero (1965–1988), wo sie die psychiatrische Reformbewegung nach Franco Basaglia unmittelbar miterlebte. Im Zuge der 1968er-Bewegung und des aufkommenden Feminismus verschrieb sich Secol einer «Kreativität der Verweigerung»: sie ersetzte die traditionelle Malerei durch Textilien und Haushaltsmaterialien. 1974 war sie Mitbegründerin der feministischen Gruppe Immagine in Varese und engagierte sich in der Kampagne für Löhne für Hausarbeit. Sie entwickelte ein einzigartiges Verfahren des Fadenzugs, bei dem das gezielte Entfernen von Fäden aus dem Gewebe an physische Wunden gemahnt. Ihre Praxis entwickelte sich stetig hin zu einem intersektionalen Engagement, in dem ökologische Krisen, Migration und universelle Gewaltformen thematisiert werden. Secol dekonstruiert tradierte Rollenbilder, um eine neue, kollektive und bewusste Identität zu verweben.
Kuratiert von Monika Branicka und Eva Brioschi
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Video:
‚Mariuccia Secol: Unraveling‘ Exhibition Trailer
Kontakt / Contact:
https://www.muzeumsusch.ch/de/2280/Mariuccia-Secol-Unraveling
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Kommentare von Daniel Leutenegger