Der Raum, der Marietta Schenk, der Preisträgerin des Prix Kunstverein 2025, gewidmet ist, vereint ein Ensemble bisher ungezeigter Arbeiten, die ein pseudo-häusliches Universum bilden: einen Tisch, einen Kamin, eine Tapete, Behälter. Bis am 1. Februar 2026 im Kunsthaus Biel / Centre d'art Bienne.

Bild: Marietta Schenk, Preisträgerin Prix Kunstverein 2025, Cantonale Berne Jura 25/26, Ausstellungsansicht / Vue d’exposition, KBCB – photo: Lea Kunz
Unter der weisslichen und rauen Oberfläche von How to leave the world ist Spielzeug zu erkennen, das mehrheitlich für kleine Mädchen bestimmt ist: Puppenhäuser, ein Plastikboot, ein Glücksbringer-Schlüsselanhänger, bunte Figuren. Die Künstlerin hat bestimmte Oberflächen sichtbar gelassen, etwa ein Porträt von Ken, das in einem Barbie-Wohnzimmer hängt, das Gesicht einer Puppe oder die cartoonartige Neuinterpretation von American Gothic, dem berühmten Porträt eines amerikanischen Bauern und seiner Tochter, welches 1930 von Grant Wood gemalt wurde. Bedeckt mit einer Substanz, die Rauputz und Pappmaché kombiniert – irgendwo zwischen einer Weihnachtslandschaft und einer apokalyptischen Szene –, rekonstruiert das Werk eine kleine dystopische Welt, in der jedes Detail auf das Ganze verweist. «Mit den Spielzeugen lernen die Kinder bereits eine geschlechtsspezifische soziale Rolle. Ich wollte ein Modell, ein Abbild, eine Miniaturwelt schaffen», erklärt die Künstlerin.
The Happiness Formula ist zugleich Skulptur und Vorrichtung zur Videowiedergabe. Halb Altar, halb Kamin, zeigt diese Ansammlung von mattschwarz bemalten Puppenmöbeln einen Bildschirm mit brennendem Scheiterhaufen, während normative Aussagen über Ehe, Familie und Glück vorgetragen werden. Als Aneignung eines BBC-Dokumentarfilms, dem das Werk seinen Titel entlehnt, stellt die Tonspur den Besuchenden die Frage: «Warum ist Glück wichtig?», um darauf die Vorteile des Glücklichseins in Bezug auf Gesundheit, soziale Harmonie und Wirtschaft aufzuzählen.
Die Serie I’ve felt so worn down recently that, in desperation, I gave in and ordered a weighted blanket (was für ein Titel!) besteht aus umfunktionierten Prospektboxen. Die Künstlerin schafft darin Kompositionen aus gefundenen Objekten und eigenen Fotografien. Wie die fortlaufende Serie Carpe Diem (2023-) – eine zusammengesetzte, traubenartige Skulpturengruppe, die organische und synthetische Materialien so miteinander verbindet, dass die einzelnen Arbeiten kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind – vereint auch dieses Ensemble von Boxen verschiedene Gebrauchsgegenstände, die alle eine Art Versprechen in sich tragen (etwa den Zugang zu einer besseren Version seiner selbst, Freude, Wohlbefinden usw.). Zugleich erzeugen sie ein ambivalentes Verhältnis zwischen dem Wunsch nach Besitz und dem Bedürfnis, sich von der materiellen Last, die sie darstellen, zu befreien.
Schliesslich greift an der Wand eine Tapete die Ästhetik der Toile-de-Jouy auf (ein bedruckter Baumwollstoff mit einfarbigen Mustern, der im 18. Jahrhundert in Mode war). Dargestellt sind dort jedoch keine Szenen des ländlichen Lebens, sondern solche «der industriellen Produktion in einer kapitalistischen Welt», erklärt die Künstlerin. Die sich wiederholenden Darstellungen verdeutlichen eine Mechanisierung der Produktionsgesten, die im Kontrast zur dekorativen Sanftheit des Werks steht.
Auch wenn die Arbeiten unterschiedlichen Medien zuzuordnen sind, entstehen sie aus ähnlichen Gesten (namentlich Aneignung und Assemblage). Sie werden zudem durch dieselbe Spannung zusammengehalten: einerseits Elemente, die verführerisch und verlockend wirken (etwa auf Kinder, Frauen, Fans von USM-Möbeln…), und andererseits solche, die etwas Verstörendes an sich haben. Die hier präsentierten Arbeiten erinnern an bestimmte visuelle Strategien der deutschen Künstlerin Isa Genzken, die in den 2000er-Jahren ihre Totem-Skulpturen zu glänzenden Gefässen für die Abfälle der Konsumgesellschaft machte. Durch das Navigieren zwischen dem Abstossenden und dem «Cuten» entfaltet Marietta Schenk einen scharfkantigen Humor, der sich über Bild, Objekt und Text vermittelt und gesellschaftliche Zwänge ironisch hinterfragt – insbesondere jene, die auf Frauen lasten.
Jill Gasparina, Vorstandsmitglied Kunstverein Biel
Kontakt:
https://kbcb.ch/fr/expositions/cantonale-berne-jura-2025
https://www.kunstverein-biel.ch/fr/

Bild: Marietta Schenk, Preisträgerin Prix Kunstverein 2025, Cantonale Berne Jura 25/26, Ausstellungsansicht / Vue d’exposition, KBCB – photo: Lea Kunz
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Kommentare von Daniel Leutenegger