4. März 2026
«THE FIRST HOMOSEXUALS. DIE ENTSTEHUNG NEUER IDENTITÄTEN 1869-1939»
Ausstellung im Kunstmuseum Basel | Neubau, vom 7. März bis am 2. August 2026

Bild: Irène Zurkinden, Freundinnen, 1937, Öl auf Leinwand, 92 x 73 cm, Inventar-Nr.: Inv. G 1960.48, Objekt-ID: 579 – Copyright: © Nachlass der Künstlerin – Creditline: Kunstmuseum Basel, Überweisung des Finanzdepartements – Foto Credit: Max Ehrengruber

Bild: Johann Heinrich Füssli, Zwei sich liebkosende junge Mädchen (Zusatztitel: Verso: Nach links auschreitender Mann), 1775, Feder in ##, über Bleistift; verso: Bleistift, Blatt: 18.2 x 7.9 cm, Inventar-Nr.: Inv. 1914.132.5, Objekt-ID: 39849 – Copyright: Bilddaten gemeinfrei – Kunstmuseum Basel – Creditline: Kunstmuseum Basel, Kupferstichkabinett, Ankauf – Foto Credit: Martin P. Bühler
Die Ausstellung «The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939» im Kunstmuseum Basel widmet sich der frühen Sichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens und der Geschlechtervielfalt in der Kunst. Sie beleuchtet anhand von rund achtzig Gemälden, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien, wie sich ab der ersten öffentlichen Verwendung des Begriffs «homosexuell» im Jahr 1869 neue Bilder von Sexualität, Geschlecht und Identität bildeten.
Die vielschichtige Ausstellung öffnet den Blick auf queere Gemeinschaften, intime Porträts, selbstbestimmte Lebensentwürfe, kodiertes Verlangen und koloniale Verflechtungen.
Diese Ausstellung wurde zuerst von Alphawood Exhibitions im Wrightwood 659, Chicago, organisiert, recherchiert und kuratiert von Jonathan D. Katz, Kurator, und Johnny Willis, stellvertretende:r Kurator:in. Für das Kunstmuseum Basel wurde sie in Zusammenarbeit mit den Kurator:innen Rahel Müller und Len Schaller adaptiert.

Bild: Aesthetic teapot (Oscar Wilde), Künstler:in & Beteiligte: Royal Worcester Porcelain Company, Leiter der Produktion; James Hadley, Entwerfer, Entstehungszeit: ca. 1881–1882, Material / Technik: Porzellan, Masse Objekt: 15.56 x 17.78 x 8.26 cm, Objekt-ID: 100559 – Creditline: Kamm Teapot Foundation
Der Begriff «homosexuell» wurde 1869 zum ersten Mal im deutschen Sprachraum verwendet und erfuhr in den folgenden Jahrzehnten einen substanziellen Wandel. Die Debatte über die Bedeutung des Worts reichte von einer universellen Neigung zur gleichgeschlechtlichen Liebe bis hin zur Konzeption eines «dritten Geschlechts». Ausgangspunkt der modernen Begrifflichkeit war ein Briefwechsel zwischen dem ostfriesischen Juristen Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) und dem ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny (1824–1882). Bereits in den 1860er-Jahren beschrieb Ulrichs den «Urning», einen Menschen mit angeborenem gleichgeschlechtlichem Begehren. Dieses erklärte er über eine Geschlechterdifferenz: Urninge bildeten ein «drittes Geschlecht», weder eindeutig männlich noch weiblich, sondern beides zugleich. Diese biologische Begründung der Sexualität verlagerte den Fokus weg von einzelnen sexuellen Handlungen hin zu einem grundlegenden Unterschied, ähnlich wie wir Homosexualität heute verstehen. Kertbeny schlug einen anderen Weg ein. Er lehnte die Idee einer angeborenen, biologischen Identität ab und setzte stattdessen auf ein universelles Menschenrecht auf Begehren. 1869 prägte er in zwei anonym verbreiteten Flugschriften die Wörter «homosexual» und «heterosexual».

Bild: David Paynter, L’après-midi, 1935, Öl auf Leinwand, Rahmenmass: 1’155 x 1’435 x 75 mm; Bild: 99 x 122 cm, Objekt-ID: 100568 – Copyright: © Nachlass des Künstlers / estate of the artist – Creditline: Brighton & Hove Museums
In den folgenden Jahrzehnten setzten sich Künstler:innen ganz unterschiedlich damit auseinander: Sie porträtierten Freund:innen und Liebhaber:innen, hielten ihren Alltag fest oder experimentierten mit Geschlechterrollen. So bezeugten sie die Verschiebungen im Verständnis von Körper, Begehren und Geschlecht. Die Kunst bot ihnen Freiräume und Mittel, um auszudrücken, wofür es noch keine treffende Sprache gab.
«The First Homosexuals» erzählt vom Beginn der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesen Themen im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. In sechs Sektionen werden Künstler:innen und Schriftsteller:innen vorgestellt, die sich offen mit homosexuellen und trans Identitäten auseinandersetzten und diese teilweise auch lebten.
Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung der Aktdarstellung im Zusammenhang mit den sich wandelnden Vorstellungen von Sexualität und zeigt, wie Freundschaft und vertraute kunsthistorische Motive als diskrete (und in einigen Fällen auch nicht so diskrete) Codes für gleichgeschlechtliches Verlangen dienten.
Der Blick geht über Europa hinaus und untersucht, wie gewisse europäische Künstler:innen kolonialen Gebieten gleichgeschlechtliches Verlangen als inhärent zuschrieben – und wie, als Antwort darauf, Künstler:innen weltweit diese koloniale Vorherrschaft in Frage stellten und sich ihr widersetzten.

Bild: Romaine Brooks, Portrait of the Marchesa Casati, ca. 1920, Öl auf Leinwand, Bild: 248 x 120 cm, Objekt-ID: 100763 – Creditline: Collection Lucile Audouy – Photo Credit: © Thomas Hennocque
«The First Homosexuals» zeichnet sowohl das kulturelle und künstlerische Schaffen als auch die frühe Geschichte der LGBTQIA+-Community nach. Die Ausstellung und die dazugehörige Publikation zeigen die wechselseitige Prägung homosexueller und trans Identitäten sowie die Herausbildung einer eigenständigen Transidentität, wie sie moderne Künstler:innen seit der Einführung des Begriffs «trans» im Jahr 1910 entworfen haben.
Die Basler Adaption der Ausstellung kombiniert zahlreiche internationale Leihgaben von Institutionen und Privatsammlungen in Ländern wie Brasilien, Chile, Dänemark, Deutschland, England, Estland, Frankreich, Kroatien, Mexiko, Peru, Spanien, Schweden, der Schweiz und den USA mit den Beständen des Kunstmuseums Basel. Einige der Werke sind zum ersten Mal in der Schweiz zu sehen. Zusammen ermöglichen die Kunstwerke Einblicke in die Genese eines Begriffes, der heute wesentlicher Teil der Identität der Menschen und des täglichen Lebens ist.

Bild: Karl Pärsimägi, Autoportree pärlitega, ca. 1935, Öl auf Karton, Bild: 51.8 x 43.5 cm, Objekt-ID: 100700 – Creditline: Art Museum of Estonia – Photo Credit: Stanislav Stepaško
Publikation
Begleitend zur Ausstellung im Wrightwood 659 in Chicago hat Monacelli Press (ein Imprint von Phaidon) einen umfangreichen Katalog mit 22 aufschlussreichen Essays von führenden Expert:innen für Kunstgeschichte und queere Geschichte veröffentlicht, die sich jeweils auf eine geografische Region konzentrieren – von Japan über Australien bis hin zur Indigenen Bevölkerung Südamerikas.
Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Alphawood Foundation Chicago, eine private Stiftung, die sich für eine gerechte, faire und humane Gesellschaft einsetzt.
kmb
Kontakt:
https://kunstmuseumbasel.ch/de/ausstellungen/2026/the-first-homosexuals
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Kommentare von Daniel Leutenegger