5. April 2026
«GLETSCHER & STROMSCHNELLEN. GEZEICHNETE SCHWEIZ UM 1800»
Ausstellung in der Graphischen Sammlung ETH Zürich, bis am 5. Juli 2026

Bild: Mathias Gabriel Lory (bekannt als Lory fils), Gemsjäger auf dem Oberen Grindelwaldgletscher, im Hintergrund das Finsteraarhorn, um 1824, Aquarell und Graphit auf Büttenpapier, 245 x 327 mm, Inv. Z 87, Graphische Sammlung ETH Zürich
Wie entstand das Bild der «schönen Schweiz»? Die neue Ausstellung der Graphischen Sammlung ETH Zürich zeigt, wie Künstlerinnen und Künstler um 1800 Gletscher, Alpen und Landleben neu entdeckten und damit ein nationales Landschaftsbild prägten.
«Es giebt zuverlässig kein Land, keinen Theil des Erdbodens, der in so vielen Rücksichten merkwürdig und interessant wäre als die Schweiz. Alles Schöne, Sanfte, Reitzende, Heitre, Ruhige und Süsserquickende, was in der ganzen Natur zerstreut ist, scheint sich hier in einen kleinen Raum vereinigt zu haben», schrieb der deutsche Arzt und Naturforscher Johann Gottfried Ebel und pries das Land als «Garten von Europa». Seine Worte stehen exemplarisch für die Begeisterung, welche die Schweiz im ausgehenden 18. Jahrhundert bei Reisenden aus ganz Europa auslöste.

Bild: Mathias Gabriel Lory (bekannt als Lory fils) , Alpabzug im Kanton Appenzell Innerrhoden, 1811/46 , Aquarell und Tusche in Schwarz über Graphit auf Büttenpapier, 364 x 550 mm, Inv. Z 79, Graphische Sammlung ETH Zürich
Die Ausstellung der Graphischen Sammlung ETH Zürich lädt zu einer Reise durch die eindrucksvollsten Landschaften und entlegensten Winkel der Schweiz ein und zeigt, wie um 1800 jenes Bild der «schönen Schweiz» im In- und Ausland geprägt wurde, das bis heute nachwirkt.
Mit dem Aufkommen des Tourismus wurde die Eidgenossenschaft zu einem beliebten Ziel der Grand Tour auf dem Weg nach Italien. Mit den Reisenden wuchs auch die Nachfrage nach topografischen Ansichten und Darstellungen lokaler Traditionen und Bräuche – Souvenirs der neu entdeckten Orte, die das Bild der Schweiz weit über ihre Grenzen hinaus verbreiteten.
Angeregt durch das Interesse von aussen begannen auch Schweizer Künstlerinnen und Künstler, ihr eigenes Land mit neuen Augen zu sehen. Die Landschaft rückte ins Zentrum einer eigenständigen künstlerischen Auseinandersetzung. Pioniere wie Caspar Wolf (1735–1783) wagten sich in die Hochalpen und hielten Gletscher und Felsformationen in eindringlichen Darstellungen fest. Johann Ludwig Aberli (1723–1786) schuf differenzierte Ansichten des Berner Oberlands und der Seenlandschaften, während Sigmund Freudenberger (1745–1801) das alltägliche Landleben einfing. Gemeinsam ist diesen Künstlern der unmittelbare Blick auf die Natur: Sie arbeiteten nicht mehr ausschliesslich im Atelier, sondern zeichneten direkt vor Ort, «après nature». Mit dieser Hinwendung zur beobachteten Wirklichkeit wurde die direkte Naturbeobachtung zum künstlerischen Programm und markierte einen Wendepunkt in der Schweizer Landschaftskunst.

Bild: Karl Gotthard Grass
, Stromschnelle, 1796/1803,
Aquarell über Graphit auf Büttenpapier, 139 x 214 mm
, Inv. Z 969,
Graphische Sammlung ETH Zürich
Im Zentrum der Ausstellung steht die Zeichnung als eigenständiges künstlerisches Medium, nicht nur als Vorstufe von Druckgraphik und Malerei, sondern als Ausdruck autonomen bildnerischen Denkens. Grundlage bildet der umfangreiche Bestand an Schweizer Zeichnungen des 18. und 19. Jahrhunderts in der Graphischen Sammlung ETH Zürich. Seit 2023 wird dieser Bestand im Rahmen des Forschungsprojekts «Schweizer Zeichnungen» in Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich und mit Unterstützung der Stiftung Familie Fehlmann, Winterthur, wissenschaftlich erschlossen und digitalisiert.
Die Ausstellung präsentiert erstmals zentrale Ergebnisse dieses mehrjährigen Projekts. Ein interdisziplinäres Begleitprogramm mit Fachtagung und wissenschaftlicher Publikation vertieft das Thema und trägt zur nachhaltigen Sichtbarmachung der Schweizer Zeichnung um 1800 bei.
Kuratorinnen: Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich, und Linda Vogel, Kunsthistorisches Institut der Universität Zürich
gse
Kontakt:

Bild: Gabriel Ludwig Lory (bekannt als Lory père), Frau in Berner Tracht, um 1794, Aquarell und Tusche in Schwarz über Graphit auf Büttenpapier, 200 x 150 mm, Inv. Z 295, Graphische Sammlung ETH Zürich
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Kommentare von Daniel Leutenegger