3. Juni 2026
«LABOURING BODIES»
Ausstellung im Museum Tinguely, Basel, vom 10. Juni bis am 8. November 2026 - Vernissage und Sommerfest am Dienstag, 9. Juni 2026, 18.30 Uhr

Bilder: Make Your Body Your Machine, Ernestyna Orlowska, Entstehungszeit: 2021, Copyright: © Ernestyna Orlowska – Fotocredit: Margot Roth

«Labouring Bodies» untersucht aus feministischer Perspektive die vielschichtigen Beziehungen zwischen Körper und Technologie. Sie beleuchtet, wie insbesondere weibliche Körper seit der Moderne durch Maschinen geprägt und kontrolliert wurden. Im Zentrum stehen arbeitende, sorgende und gebärende Körper, die bis heute unsichtbar bleiben und in der Geschichte systematisch ignoriert wurden. Dabei greift der Ausstellungstitel mit der Doppeldeutigkeit von «labouring» als Lohnarbeit und Gebären die enge Verflechtung von Arbeit (Produktion) und biologischer Fortpflanzung (Reproduktion) auf.
Die Ausstellung bietet die Möglichkeit, Kunst vom frühen 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus einem neuen Blickwinkel zu entdecken und zentrale gesellschaftliche Fragen zu Körper, Arbeit und Fürsorge zu reflektieren. Welchen Einfluss hat die Mechanisierung auf unser Leben und unsere Arbeitswelt? Welche Formen von Arbeit werden entlohnt – und welche bleiben unsichtbar? Und wie gerecht ist die Verteilung jener Arbeit, die unsere Gesellschaft trägt?
Künstler:innen:
Berenice Abbott, Monira Al Qadiri, Rosa Barba, Clara Bausch, Alexandra Bircken, Thomas Brinkmann, Daniela Brugger, Ursula Burghardt, Feliza Bursztyn, CATPC, Mbuku Kimpala, Helen Chadwick, Sella Hasse, John Heartfield, Pati Hill, Rebecca Horn, Juliana Huxtable, Doruntina Kastrati, Mary Kelly, Aurora Király, Kiki Kogelnik, Azade Köker, Suzanne Lacy, Magda Langenstraß-Uhlig, Alice Lex-Nerlinger, Elisabeth Niggemeyer, Ani Liu, Lee Lozano, Alexandra Navratil, Katja Novitskova, Ernestyna Orlowska, Frida Orupabo, Heiner Ranke, Margaret Raspé, Tabita Rezaire, Evelyn Richter, Niki de Saint Phalle, Marilou Schultz, Jean Tinguely, Ruth Wolf-Rehfeldt, Doris Ziegler

Bild: The Night Side (Videostill), Alexandra Navratil, Entstehungszeit: 2016, Material / Technik: HD-Video, 4:20 Min. Copyright: © Alexandra Navratil, Creditline: Courtesy the artist – Fotocredit: Courtesy the artist
Ausgehend von der engen Verbindung von Mensch und Maschine, wie sie das Industriezeitalter charakterisiert, richtet die Ausstellung den Blick bewusst weg von der dominanten Figur des männlichen Arbeiters hin zu jenen Körpern, die in Kunst und Theorie lange übersehen wurden. Ein prägnantes Beispiel bietet Alexandra Navratils Film «The Night Side» (2016): Statt der erwarteten Dynamik industrieller Produktion zeigt sich hier die behutsame, beinahe intime Berührung von Maschinenteilen durch die Hand einer ehemaligen Arbeiterin. Diese Geste verweist auf eine alternative Erzählung von Arbeit – eine, die nicht von Effizienz, sondern von Erfahrung, Erinnerung und Körperlichkeit geprägt ist.
Die Ausstellung versammelt 36 historische und zeitgenössische künstlerische Positionen, die die Mechanisierung des Körpers in unterschiedlichen Kontexten sichtbar machen. Fotografien von Evelyn Richter zeigen Arbeiterinnen in Webereien, deren Körper von Maschinen dominiert werden, während Azade Kökers Skulptur Akkordarbeiterin (1987) die Fragmentierung des Körpers durch industrielle Arbeitsprozesse thematisiert. Zeitgenössische Arbeiten wie Doruntina Kastratis A Horn That Swallows Songs (2025) oder Ernestyna Orlowskas Performance Make Your Body Your Machine (2021-heute) führen diese Fragestellungen in die Gegenwart und beleuchten neue Formen der Prekarisierung in globalisierten Arbeitsverhältnissen.

Bild: In the Kitchen (Stove), Helen Chadwick, Entstehungszeit: 1977, Material/Technik: Farbiger Archiv-Pigmentdruck, Masse: 59 × 39 cm, Copyright: © Estate of Helen Chadwick, Creditline: Courtesy the Estate of Helen Chadwick and Richard Saltoun Gallery, London, Rome and New York – Fotocredit: Courtesy the Estate of Helen Chadwick and Richard Saltoun Gallery
Ein besonderer Fokus liegt auf der Weitung des Blicks auf verschiedene Formen von Arbeit: «Labouring Bodies» thematisiert nicht nur bezahlte Lohnarbeit, sondern auch unbezahlte Haus- und Sorgearbeit als zentrale, jedoch oft unsichtbare Grundlage wirtschaftlicher Systeme. Schon seit den 1970er-Jahren hinterfragten Künstlerinnen der sogenannten zweiten Welle des Feminismus die kapitalistischen Produktivitätsvorstellungen und die Dichotomie von bezahlter Lohn- und unbezahlter Sorgearbeit.
Beispielsweise zeigte Mary Kelly 1974 eine Doppelfilmprojektion, in der sie Aufnahmen aus der Produktion in einer Metalldosenfabrik Filmbildern ihres schwangeren Bauchs gegenüberstellte. Diese bisher nur einmalig gezeigte Installation, wird im Rahmen von «Labouring Bodies» erstmals rekonstruiert.
Künstlerinnen wie Margaret Raspé machten in ihren Arbeiten die Monotonie und Endlosigkeit häuslicher Routinen sichtbar, während Helen Chadwicks Performance In the Kitchen (1977) die Apparatisierung von Hausarbeit kritisch hinterfragt und den weiblichen Körper als Teil eines technischen Dispositivs inszeniert. Wenig bekannt ist, dass bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Künstlerinnen wie Alice Lex-Nerlinger und Sella Hasse die doppelte Ausbeutung der weiblichen Arbeiterin in ihrer Kunst sozialkritisch reflektierten.
Der «labouring body» ist auch im Sinne der biologischen Reproduktion als gebärender Körper zu verstehen. Ein zentraler Ausgangspunkt stellt hierfür die Installation HON von Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt im Moderna Museet in Stockholm (1966) dar. Diese stellte den weiblichen Körper als ein maschinelles Konglomerat von Technologie und Medien aus.
Ani Liu und Katja Novitskova zeigen, wie gegenwärtig Reproduktionsarbeit technisiert wird und fragen, welche unheimlichen Formen zukünftige Fürsorge annehmen könnten. Diese Perspektive wird mit Arbeiten von Juliana Huxtable, Frida Orupabo und Tabita Rezaire ergänzt, die die Kontrolle über den weiblichen, besonders auch Schwarzen Körper und seine reproduktiven Fähigkeiten thematisieren.

Bild: Baby in belly, Frida Orupabo, Entstehungszeit: 2020, Material / Technik: Collage mit Rundkopfklammern, Copyright: © Frida Orupabo, Creditline: Collezione Sandra e Giancarlo Bonollo – Fotocredit: Courtesy of the artist, Stevenson Cape Town | Amsterdam, Mario Todeschini

Bild: Alien Technology (Diamond), Monira Al Qadiri, Entstehungszeit: 2023, Material / Technik: Aluminum, Autolack, Masse: 200 x 190 cm, Copyright: © Monira Al Qadiri, Creditline: Courtesy the artist, commissioned by Kunsthaus Bregenz, Fotocredit: Markus Tretter
Entlang spezifischer technischer Geräte und Maschinen geht die Ausstellung auf die geschlechtliche Zuordnung von maschinellen und repetitiven Arbeiten an Schreib- und Rechenmaschinen, Kopieren und Computern ein. In Arbeiten von Rebecca Horn (Erika, 1992), Feliza Bursztyn, Ruth Wolf-Rehfeldt und Jean Tinguely (Olympia, 1960) wird die Schreibmaschine als historisches Symbol weiblicher Büroarbeit und als künstlerisches Medium neu lesbar und der weiblich codierte Arbeitskörper mit mechanischen Apparaturen verbunden.
Darüber hinaus verfolgt die Ausstellung die Verbindung von Textilproduktion und digitaler Technologie. Während aber Weben als weiblich kodierte Kulturtechnik galt, erscheinen Maschinen und Computertechnologie als männlich determiniert. Die Beiträge von Frauen, wie beispielsweise jener der Mathematikerin Ada Lovelace (1815–1852) zur Technikgeschichte des Digitalen und des Computers, wurden lange unterschlagen. Bevor es «den Computer» als technisches Gerät für Berechnungen gab, waren «die Computer» vor allem Frauen. Rosa Barba widmete ihre Arbeit Send Me Sky, Henrietta (2018) Henrietta S. Leavitt (1868–1921), die als «human computer» arbeitete und mit ihren Berechnungen eine Möglichkeit zum Messen von Distanzen im Universum entdeckte. Die miteinander verflochtene Geschichte von Webstuhl und Computer manifestiert sich auf besondere Weise in dem für die Ausstellung neu entstandenen Navajo-Weaving von Marilou Schultz, das visuell von Computerchips inspiriert ist und zugleich an die Beschäftigung von Navajo-Arbeiterinnen bei der Herstellung dieser Komponenten in der frühen Computerindustrie der USA erinnert.

Bild: Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt, HON, Moderna Museet in Stockholm, 1966; Foto: Hans Hammarskiöld, © Hans Hammarskiöld Heritage
Die Ausstellung führt diese historischen Linien bis in die Gegenwart fort und richtet den Blick auch auf die unsichtbare Datenarbeit, die von Millionen von Menschen weltweit ausgeführt wird. Daniela Bruggers muddy codes and soft infrastructures (2026) vermittelt die psychischen und sozialen Auswirkungen dieser neuen Formen der Arbeit, die ihren Vorläufer in der Heimarbeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat.
«Labouring Bodies» knüpft an zentrale Fragen des aktuellen Kunstdiskurses und wichtige Ausstellungen der letzten Jahre an und entwickelt deren Ansätze gezielt aus einer feministischen Perspektive weiter. Dabei steht eine kritische Neubetrachtung gegenwärtiger Körperdiskurse, die vereinfachende Lesarten – etwa eine unreflektierte Verschmelzung von Mensch und Maschine – bewusst hinterfragt, im Mittelpunkt. Damit setzt die Präsentation auch die Auseinandersetzung des Museum Tinguely mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine fort, die in vielen Ausstellungen des Museums mitschwingt und zuletzt explizit 2010 mit Roboterträume thematisiert wurde, und beschäftigt sich wie Territories of Waste (2022/2023) mit den materiellen Grundlagen unserer Gesellschaft.

Bild: IBM Laboratory, Berenice Abbott, Entstehungszeit: ca. 1958 – Copyright: © Getty Images

Bild: Industriearbeiterinnen, Sella Hasse, Entstehungszeit: ca. 1915, Material / Technik: Collage, Gouache, Masse: 55,3 x 42,6 cm, Copyright: Rechtsnachfolge unbekannt, Creditline: Akademie der Künste, Berlin, Kunstsammlung, Inventar-Nr.: E 66
Mit «Labouring Bodies» will sich das Museum Tinguely als Ort positionieren, «an dem die Auseinandersetzung mit Maschine und Bewegung um eine dringend notwendige gesellschaftspolitische Dimension erweitert wird». Die Ausstellung verstehe Mechanisierung nicht als abgeschlossenen historischen Prozess, sondern «als fortdauernde Dynamik, die Körper formt, hierarchisiert und zugleich Räume für künstlerischen Widerstand eröffnet», schreibt das Museum. Indem sie Werke vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart miteinander in Dialog bringt, biete die Ausstellung «Labouring Bodies» neue Perspektiven auf die Geschichte der Moderne an – und stelle zentrale Fragen an unsere Gegenwart.
Kuratiert von Sandra Beate Reimann
mtb
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Bild: Installationsansicht Kunsthaus Langenthal, Titel: muddy codes & soft infrastructures (Version Langenthal), Daniela Brugger, Entstehungszeit: 2025, Copyright: © Daniela Brugger – Creditline: Courtesy of the artist – Fotocredit: Kunsthaus Langenthal, Cedric Mussano
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Kommentare von Daniel Leutenegger