Der am 14. Oktober 1942 in Budapest geborene ungarische Schriftsteller und Fotograf Péter Nádas (Bild) ist am 26. August 2026 in Gombosszeg gestorben. Nádas galt als Grossmeister des weit ausgreifenden und monumentalen Erzählens.

Bild: Péter Nádas, 2017 – Foto: Heike Huslage-Koch, https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Heike_Huslage-Koch – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:P%C3%A9ter_N%C3%A1das_auf_der_Frankfurter_Buchmesse_2017_1.jpg
Zu Blut gewordene Erinnerung – zum Tod des ungarischen Schriftstellers Péter Nádas
Mit Péter Nádas verliert Ungarn einen Autor, der nicht nur über ein eminentes körperliches Sensorium für das Glück und die Tragik des Daseins verfügte, sondern dieses aus der Tiefe seines Ich auch radikal zu formen und zu durchschauen verstand.
Am Mittwoch um acht Uhr in der Früh ist der ungarische Schriftsteller Péter Nádas im kleinen Dorf Gombosszeg, dem Ort seiner Zurückgezogenheit, verstorben. Die traurige Nachricht hat sich in Ungarn rasch verbreitet, die Erschütterung ist tief, denn über Jahre schon haben sich viele Menschen an seine Schriften und an sein Auftreten geklammert, weil er mit seinen Einsichten und seiner Haltung Glaubwürdigkeit zu garantieren verstand, mit der sich persönliche wie auch gesellschaftliche Krisen durchhalten oder gar lösen liessen.
Wilhelm Droste
Der Schriftsteller, der in Europas Abgründe blickte
Der virtuose Sprachkünstler folgte in seinen Texten den Spuren von Gewalt, Hass und menschlicher Niedertracht. Und auch seine Fotografien haben etwas Sezierendes an sich.
Es gibt eine wahre Geschichte, die viel über Péter Nádas’ Fiktion erzählt: Nádas war acht Jahre alt, als er seiner Mutter verkündete, er hasse Juden. Sie stellte ihn daraufhin vor einen Spiegel und sagte: «Schau hin, da hast du einen Juden. Du kannst ihn ruhig hassen.»
Es war ein Schock für den Jungen, aber auch ein Moment der Erkenntnis, der weit über das Persönliche hinausging. Mit dem Hass und den Opfern des Hasses setzte sich Péter Nádas in seinem Werk später immer wieder schonungslos auseinander. Sein Thema waren die europäischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts – sein Credo war das Erinnern, mochte es noch so unbequem sein.
«Buch der Erinnerung» heisst sein erster grosser Roman, mit dem sich Péter Nádas 1986 in die Riege der europäischen Erzähler schrieb. Zehn Jahre hatte er an dem über 1200-seitigen Buch gearbeitet. Akribisch hielt er die weitverzweigte Familiengeschichte, sein Aufwachsen, die Entdeckung seiner Homosexualität sowie die Verheerungen von Krieg und Diktatur fest. «Nicht, dass man auch nur irgendetwas vergessen könnte», heisst es gleich zu Beginn.
Franziska Hirsbrunner
Grossmeister der monumentalen Erzählung
Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Der Tod traf ihn in seinem Haus in der südwestungarischen Gemeinde Gombosszeg (Bezirk Zala), sagte die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiterin des Budapester Verlags Sarközy es tarsai der Deutschen Presse-Agentur. Der Verlag gibt das literarische Werk des Schriftstellers heraus. Sie berief sich auf die Familie des Verstorbenen.
Nádas galt als Grossmeister der weit ausgreifenden und monumentalen Erzählung. Seine auch auf Deutsch erschienenen Werke «Buch der Erinnerung», «Parallelgeschichten» und «Aufleuchtende Details» sind Epochenromane, die das europäische 20. Jahrhundert mit seinen Gräueln und Absurditäten vermessen.
DPA / oli
https://www.tagesanzeiger.ch/peter-nadas-ungarischer-schriftsteller-mit-83-gestorben-242727542097
Kaum jemand hat Europas Erinnerungen, Brüche und Abgründe so genau vermessen wie er
„Im Alter von elf Jahren habe ich zu schreiben begonnen“, hat er einmal gesagt. Und als dann nicht klar war, was aus dem Jugendlichen werden sollte, dem die Familie nicht recht traute, verbrachte er seine Lehrjahre im Fotoatelier. Die Worte und die Bilder rückten zusammen. So wurde er früh beides zugleich, Schriftsteller und Fotograf.
Eines seiner schönsten Bücher heißt „Etwas Licht“ (1999), eine Einführung in das Werk des Schwarzweiß-Fotografen Nádas, durchsetzt mit autobiographischen Miniaturen, darunter ein Rückblick auf seine Geburt am 14. Oktober 1942 im jüdischen Krankenhaus in Budapest. Es ist eine Doppelbelichtung in Prosa, in der seine Mutter in den Wehen liegt und er zur Welt kommt, während zeitgleich in der heutigen Westukraine ein deutsches Sonderkommando einen Massenmord an Juden verübt.
Lothar Müller
Wie schön es sein kann, Regeln zu missachten
Mit Péter Nádas verliert die Weltliteratur einen der größten und bedeutendsten osteuropäischen Schriftsteller.
Als Péter Nádas im Jahr 2005 endlich seine monumentalen „Parallelgeschichten“ veröffentlicht hatte, ein Buch, das gleich drei Bücher enthielt, verteilt auf 39 Kapitel und über 1700 Seiten, erklärte er, dass es sein Plan gewesen sei, „Erinnerungen zu beschreiben, ein wenig wie Plutarch, parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten, und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne dass ich es wirklich wäre.“
Gerrit Bartels
Ausleuchtung der Verluste eines Lebens
Erst kürzlich war Péter Nádas wieder einmal in Deutschland, seiner zweiten Heimat, zumindest in literarischem Sinne, denn hier hatte er sein treuestes Publikum. Treuer als in Ungarn, wo er 1942 geboren wurde, mitten im Krieg in Budapest, als Sohn einer jüdischen Familie, die damals noch von dem Schutz profitierte, den die ungarische Regierung den einheimischen Juden garantierte und den das nationalsozialistische Deutschland zähneknirschend akzeptierte, weil es sich bei Ungarn um ein verbündetes Land handelte.
Dieser Schutz hielt aber nur bis 1944, und etliche von Nádas’ Verwandten wurden dann ermordet. Dass er dem Nachkriegs-Deutschland überhaupt Sympathie entgegenbringen konnte, ist erstaunlich, aber auch eine Folge davon, dass Deutsch zu seinen Kindheitssprachen zählte.
Andreas Platthaus
Er erzählte vom Chaos eines Zeitalters
Péter Nádas ging es immer darum, die schwersten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts zu verstehen.
Péter Nádas hat das furchtbare 20. Jahrhundert in epochemachenden Romanen eingefangen. «Ende eines Familienromans» (1977), «Buch der Erinnerung» (1985), «Parallelgeschichten» (2005), «Aufleuchtende Details» (2017) und zuletzt die düsteren «Schauergeschichten» (2022) sind Meilensteine europäischer Literatur und so albtraumhaft und grausam schön wie das Leben des 1942 in Budapest geborenen Sohnes jüdischer Kommunisten Péter Nádas.
Jedes dieser epischen Schwergewichte war jeweils eine viele Jahre beanspruchende Herkulesarbeit für den zarten, immer jung aussehenden Weltautor, dessen kultivierte, sanfte Erscheinung an einen verspäteten Prinzen des königlich-kaiserlichen Kulturimperiums denken ließ. Was schließlich auch durch sein fantastisches, in vielen weichen Molltönen singendes Deutsch unterstrichen wurde.
Aus jedem dieser abgründigen, mit den blutigen Verwerfungen und Verwundungen des vorigen Jahrhunderts ringenden Epochenromanen schien Péter Nádas jedes Mal noch rosiger und noch verjüngter wieder hervorzugehen. Zuletzt sah man ihn in diesem Frühsommer in bewundernswerter Frische, als der deutsche Bundespräsident ihm das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verlieh.
Iris Radisch
https://www.zeit.de/feuilleton/literatur/2026-08/peter-nadas-schriftsteller-ungarn-europa-nachruf
Péter Nadas, écrivain hongrois, auteur majeur et primé, est mort à l’âge de 83 ans
Ce grand écrivain est mort mercredi à son domicile, a annoncé son agente littéraire à l’Agence France-Presse. Récompensée par plusieurs prix internationaux, son œuvre a été traduite dans de nombreuses langues.
Le Monde avec AFP
Peter Nadas, Author of ‘the Greatest Novel Written in Our Time,’ Dies at 83
Susan Sontag gave that high praise to “A Book of Memories” (1986), a labyrinthine chronicle of life under Communism.
The interweaving stories in “A Book of Memories” involve a young writer’s struggles in Hungary — including during the quashed 1956 uprising against the Communists — a love triangle in 1970s Berlin, and much more. When it was first published in English in 1997, the book garnered acclaim for what Eva Hoffman described, in a New York Times review, as its “probing, digressive, opulently ruminative style,” which she compared to Proust’s. Susan Sontag called it “the greatest novel written in our time.”
Alex Marshall
https://www.nytimes.com/2026/08/26/books/peter-nadas-dead.html
Videos:
Fernsehen SRF1, «Literaturclub», 17.04.2012
Fernsehen SRF, «Sternstunde Philosophie», 18.11.2012, 56 min
Péter Nádas – Schreibpassion
Péter Nádas Interview: The Role of the Writer
Mehr:
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118899791
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A9ter_N%C3%A1das
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
#PéterNádas #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger