Ausstellung im Kulturmuseum St.Gallen, bis am 25. April 2027

Bild: Blick in die Ausstellung – Foto: https://www.kulturmuseumsg.ch/ausstellungen/neanderthalerin2026.php
Was, wenn unsere Vorstellungen von der Steinzeit von Klischees geprägt sind? Diese Ausstellung nimmt gängige Bilder von Neanderthaler-Gesellschaften auseinander und setzt sie neu zusammen. Die Ausstellung rückt Frauen, Kinder und ältere Menschen ins Zentrum. Vier Neanderthalerinnen begleiten als persönliche Erzählerinnen durch ihren Alltag und berichten von Geburt, Arbeit, Verlust und Zusammenhalt. Ein Fenster zur laufenden Altsteinzeit-Forschung stellt zudem den regionalen Bezug zur Ostschweiz her.
Ein Fell, eine Keule, ein grimmiger Blick: Wer an Neanderthaler denkt, hat meistens einen Mann vor Augen. Doch dieses Bild blendet einen grossen Teil der damaligen Gesellschaft aus.
Das bekannte Bild des grobschlächtigen, primitiven Höhlenmenschen entstand in den Anfängen der Evolutionsforschung und verbreitete sich über Schulbücher, Literatur und Film. Frauen erscheinen darin, wenn überhaupt, meist im Hintergrund: an der Feuerstelle, bei häuslichen Tätigkeiten oder mit einem Kind auf dem Arm. Solche Darstellungen verraten jedoch häufig mehr über die Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen des 20. Jahrhunderts als über das tatsächliche Leben in der Altsteinzeit.
Hier setzt die Ausstellung im Kulturmuseum St.Gallen an. Sie fragt, welche Vorstellungen wissenschaftlich belegt sind, wo moderne Rollenbilder unsere Deutungen beeinflussen – und was wir über Neanderthalerinnen schlicht noch nicht wissen. «Die Ausstellung ersetzt das Klischee des starken Neanderthalermanns nicht einfach durch eine neue Neanderthalerin», sagt Kuratorin Leandra Reitmaier-Naef. «Sie zeigt, wie vielfältig diese Gemeinschaften gewesen sein dürften und wo auch die moderne Forschung zu keiner abschliessenden Aussage kommt. Gerade diese Offenheit lädt dazu ein, auch unsere eigenen Bilder und Erwartungen zu hinterfragen.»
Vier Stimmen aus der Altsteinzeit
Bereits zu Beginn entscheidet der Zufall, welcher von vier Neanderthalerinnen die Besucherinnen und Besucher begegnen. Eine ältere Frau mit grossem Erfahrungswissen, eine erwachsene Jägerin, eine Jugendliche aus Sibirien oder ein achtjähriges Kind aus dem Mittelmeerraum erzählen entlang von Audiospuren aus ihrem Leben. Die Figuren sind fiktional, beruhen aber auf realen archäologischen Funden und aktueller Forschung. In Ich-Erzählungen führen sie durch unterschiedliche Zeiten, Klimazonen und Lebensräume – von den eisigen Regionen Sibiriens bis zu den Küsten Südeuropas. Dabei sprechen sie über Geburt und Muttersein, das Lernen in der Gruppe, Krankheit und Fürsorge, alltägliche Aufgaben sowie Begegnungen mit anderen Menschengruppen. Die Ausstellung folgt keiner festgelegten Route. Jede Geschichte eröffnet einen eigenen Zugang; bei einem weiteren Rundgang kann eine andere Neanderthalerin kennengelernt werden.
Spuren statt Gewissheiten
Die persönlichen Erzählungen sind eng mit aktueller archäologischer, anthropologischer und genetischer Forschung verbunden. Knochen, Zähne und DNA geben Einblick in Ernährung, Verletzungen, Fürsorge, Mobilität und Begegnungen – lassen aber längst nicht auf jede Frage eine eindeutige Antwort zu. Besonders eindrücklich ist die Replik eines rund 90’000 Jahre alten Knochenfragments der etwa 13-jährigen «Denni»: Ihre Mutter war eine Neanderthalerin, ihr Vater ein Denisova-Mensch. Die Ausstellung macht transparent, was wissenschaftlich belegt ist, was als plausibel gilt und wo unser Wissen endet. Gerade diese offenen Stellen zeigen, wie schnell moderne Vorstellungen und Rollenbilder zu vermeintlichen Gewissheiten über die Vergangenheit werden.
Forschung, die sich anfassen lässt
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden nicht nur erklärt, sondern auch erfahrbar gemacht. Besucherinnen und Besucher können ausprobieren, wie sich ein Baby durch das Becken bewegt, aus Leder eine mögliche Babytrage entwickeln, mit einem Steinzeitmesser Leder schneiden oder eigene Fussspuren hinterlassen. Ein Stereotypen-Generator bringt vertraute Zuordnungen spielerisch durcheinander. Klapptexte unterscheiden zwischen gesicherten Erkenntnissen, plausiblen Annahmen und offenen Fragen. Sogenannte Stereotype-Breaker nehmen verbreitete Behauptungen ins Visier: Waren alle Neanderthalerinnen Mütter? War Pflege Frauensache? Meisterten Männer die wichtigsten Aufgaben? Die Antworten sind selten so einfach, wie es das überlieferte Steinzeitbild vermuten lässt.
Die vom Neanderthal Museum Mettmann entwickelte Ausstellung wird im Kulturmuseum St.Gallen um den regionalen archäologischen Kontext ergänzt. Nicht nur frühe Menschen in der Ostschweiz werden hier zum Thema, auch Ostschweizer Archäologinnen werden in ihrer Pionierrolle porträtiert. Eine Vertiefung in der archäologischen Dauerausstellung richtet sich besonders an Kinder und Familien; Schülerinnen und Schüler sowie interessierte Jugendliche und Erwachsene tauchen im Rundgang «Ab auf Stereotypen-Jagd» ins Thema ein.
cp
Kontakt:
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Kommentare von Daniel Leutenegger