Ausstellung im Cartoonmuseum Basel - Zentrum für narrative Kunst, vom 5. Juli bis am 26. Oktober 2025

Bild: © Alison Bechdel, Oberlin Drawing, Postkarte gr. retuschiert
Mit ihrem Welterfolg «Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten» hat die vielfach preisgekrönte US-amerikanische Comicautorin und -zeichnerin Alison Bechdel auch in Europa grosse Bekanntheit erlangt. Diese erste längere Graphic Novel legte den Fokus auf Bechdels Verhältnis zu ihrem bisexuellen Vater. Schon vor diesem Bestseller inspirierte sie mit ihrer 1983 gestarteten klugen und humorvollen Soap-Opera «Dykes to Watch Out For» die queere Szene und wurde zu einem Vorbild für nachfolgende Generationen.

Bild: © Alison Bechdel, New Yorker Selfportrait
Das Cartoonmuseum Basel – Zentrum für narrative Kunst zeigt erstmals in Europa einen umfassenden Querschnitt durch die Arbeit der wichtigsten queeren Comickünstlerin der USA, die in ihren Geschichten eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen, philosophischen und literarischen Themen zu einem gehaltvollen und gleichzeitig heiteren Gesamtwerk verbindet.
Ein Highlight der Ausstellung sind Originale aus Alison Bechdels soeben erschienener autofiktionaler Graphic Novel «Spent», in der alte Bekannte aus ihrem Comicuniversum auftauchen und ihr Alter Ego sich mit der Frage beschäftigt, ob im Kapitalismus ein ethisches Leben möglich ist.

Bild: © Alison Bechdel, «Spent», Lagerfeuer, page 204
Vorarbeiten, Fotografien, Filme und Bezüge zur Geschichte der Schweizer Schwulen- und Lesbenbewegung runden die Ausstellung ab.
Autobiografische Kunst
Alison Bechdel schreibt ehrlich, direkt und gleichzeitig äusserst reflektiert und differenziert. Viele ihrer introspektiven Geschichten thematisieren die eigene Sprachlosigkeit auf der Suche nach dem Selbst. Alle ihre Alben folgen einem autobiografischen oder autofiktionalen Ansatz, der Alltag mit Theorie und Realität mit Fantasie verbindet. Ihre Zeichnungen sind stilisiert, aber realistisch und spiegeln sehr fein das innere Erleben ihrer Figuren. Während Bechdel zu Beginn hauptsächlich schwarz-weiss arbeitete und nur zurückhaltend Farben einsetzte, sind in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit ihrer Partnerin Holly Rae Taylor, die die Zeichnungen kolorierte, buntere Bücher entstanden.
«Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten» («Fun Home – A Family Tragicomic») von 2006 ist eine Geschichte über Alison Bechdels Vater, der den Schein einer heilen Familienwelt aufrechterhält, im Verborgenen aber Verhältnisse mit Männern hat. Kurz nachdem Alison sich selbst als lesbisch outet, kommt sein Doppelleben ans Tageslicht und seine Ehefrau will sich nach vielen unglücklichen Ehejahren scheiden lassen. Nur wenige Tage später wird er von einem LKW tödlich erfasst. Weil die Eltern von Alison ein Bestattungsunternehmen (Funeral Home) führen, stellt sich die makabre Frage, wer den Bestatter begräbt. 2013 wird «Fun Home» erstmals am Broadway aufgeführt. Der zwei Jahre später mit dem Tony Award prämierte Erfolg zeigt die gesellschaftliche Relevanz und das Bedürfnis des Publikums nach vielfältigen Rollenbildern.

Bild: © Alison Bechdel, Essential DTWOF, Intro
Mit dem 2013 erschienenen «Wer ist hier die Mutter?» («Are You My Mother?») folgt die Betrachtung der komplexen Mutter-Tochter-Beziehung. Als ihr erstes Kind auf die Welt kommt, muss Bechdels Mutter den Traum begraben, eine erfolgreiche Autorin zu werden. Sie ist zwar im Haus, aber nicht nahbar für ihre Tochter, die einsam aufwächst. Die Leserschaft begleitet Alison auf der Suche nach Halt bei ihren Freundinnen und Therapeutinnen sowie ihrer Arbeit als Autorin.
Ein weit verzweigtes Werk
Bechdels Geschichten eröffnen unzählige Bezüge zur Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Literatur. Eher ungewollt grosse Bekanntheit erlangt hat der nicht ganz ernst gemeinte sogenannte «Bechdel-Wallace-Test»: Dieser stammt aus einem Dialog in einer frühen Geschichte Bechdels und ermöglicht es, mit drei einfachen Fragen grob einzuschätzen, ob ein fiktives Werk sexistische Geschlechterklischees nutzt. Bechdels «Das Geheimnis meiner Superkräfte» («The Secret to Superhuman Strength») von 2021 ist ein Selbstporträt, in dem sie sich auf eine intellektuelle, aber auch witzige Art und Weise mit Körperidealen, Selbstoptimierung und dem Kampf gegen das Altern auseinandersetzt.
Ihre in diesem Jahr erscheinende satirische Graphic Novel «Spent» porträtiert US-amerikanische Lebensentwürfe zwischen Pandemie und Polyamorie sowie eine Künstlerin, die sich mit ihrer Partnerin von New York auf einen abgelegenen Bauernhof zurückgezogen hat, umgeben von Farmtieren und begleitet von queeren Freundschaften.
Blick in den kulturellen Spiegel
«Ich habe mich nicht als Aktivistin oder lesbische Separatistin gesehen, obwohl viele meiner Freundinnen das waren. Ich spürte einfach, wie wichtig es war, ein genaues Bild von mir und uns im kulturellen Spiegel zu sehen, und so beschloss ich, ein solches zu schaffen.» (Alison Bechdel, Interview mit Judith Thurman für «The New Yorker», 2012)

Bild: © Alison Bechdel, Text Me Fisch, Tauchen
«Alison Bechdel. The Essential» im Cartoonmuseum Basel zeigt erstmals in Europa 250 Originalzeichnungen, Filme und Objekte aus allen Alben der US-amerikanischen Künstlerin in einer grossen Überblicksausstellung. Diese schaut zurück auf 40 Jahre feministisch-queere Comic-Kunst und Reflektion unterschiedlicher Lebensmodelle in einer vielfältigen Gesellschaft, in der Humor alle Menschen miteinander verbindet – ungeachtet der Herkunft, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung.

Bild: © Alison Bechdel, «Secret Superhuman Strength», Frontpaper 2
Biografie
Alisons Bechdels sehr persönliche autobiografische Werke geben einen tiefen Einblick in ihr Leben. Bechdel wuchs in einer kleinen Stadt in Pennsylvania auf. Ihre Familie war intellektuell geprägt – ihr Vater war Englischlehrer und leitete ein Bestattungsunternehmen, ihre Mutter war Hausfrau und zeitweise Schauspielerin.
Ihre Kindheit und Jugend waren von einer komplizierten Familienatmosphäre geprägt. Sie erkannte früh, dass sie lesbisch ist, und begann schon in jungen Jahren zu zeichnen und zu schreiben.
Bechdel studierte Kunst und Kunstgeschichte an verschiedenen Colleges und schloss ihr Studium 1981 am Oberlin College (Ohio, USA) ab, um anschliessend nach New York zu ziehen. Die Künstlerin wurde zunächst mit ihrer Comicreihe «Dykes to Watch Out For» (ab 1983) bekannt, einer bahnbrechenden, humorvollen Langzeitserie über lesbische Alltagserfahrungen, Politik, Beziehungen und Gemeinschaft. Diese Comicstrips machten sie zu einer wichtigen Stimme im queer-feministischen Comic. 2006 veröffentlichte sie ihren ersten grossen Erinnerungscomic: «Fun Home – Eine Familie von Gezeichneten». Das Werk wurde international gefeiert, mehrfach ausgezeichnet und später in ein Broadway-Musical adaptiert, das 2015 den Tony Award für «Best Musical» gewann. Es folgte 2012 eine weitere längere und tiefgründige Graphic Novel mit dem Titel «Wer ist hier die Mutter? Ein Comic-Drama» über die komplexe und verwirrende Beziehung zu ihrer Mutter sowie 2021 «Das Geheimnis meiner Superkraft», eine überraschend bunt gestaltete Selbstreflektion um Sinnsuche, Sport, Sucht und die Anstrengungen der Autorin, die Lebensuhr zu verlangsamen.
Im Mai 2025 erscheint die autofiktionale Geschichte und Komödie «Spent», in der alte Bekannte aus den früheren Comics auftreten, über unsere aktuelle Zeit und die zunehmenden Bedrohung der Demokratie. Alison Bechdel schreibt und zeichnet regelmässig für verschiedene Zeitungen und Magazine wie etwa «The New Yorker». Heute lebt und arbeitet sie zurückgezogen auf dem Land im Bundestaat Vermont.
Kuratorin: Anette Gehrig, Basel
cmb
Kontakt:

Bild: Alison Bechdel – © Cartoonmuseum Basel, «Alison Bechdel. The Essential», 2025 – Foto: Derek Li Wan Po
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Kommentare von Daniel Leutenegger