20. April 2026
«FRAUEN – WEIBLICHE LEBENSWELTEN IM MITTELALTER»
Sommerausstellung Stiftsbibliothek St.Gallen, vom 21. April bis am 8. November 2026

Bild: Inklusinnen – Wiborada schaut aus ihrer an die Kirche St.Mangen angebauten Zelle, vor der ein Mann mit Krücken steht. Der Legende (Vita II, 25) gemäss war er vom Teufel besessen. Wiborada erkennt seinen Zustand und treibt den Teufel aus, indem sie ihn bekreuzigt. Kirche und Klause sind detailreich dargestellt: eisenbeschlagene Tür, Butzenglasscheiben und auf dem Dach ein Storchennest. Der Zeichner ist namentlich nicht bekannt. – Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 602, S. 324.
Herrscherinnen und Mägde, Äbtissinnen und Mütter, Rebellinnen und Heilige: Die Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St.Gallen zeigt die Vielfalt mittelalterlicher Frauenleben. Anlass dazu ist der 1100. Todestag der heiligen Klausnerin Wiborada.
Heute irritiert ihre Lebensform: Eine Frau lässt sich freiwillig in eine Zelle einschliessen, um sich ganz einem geistlichen Leben zu widmen. Die historisch fassbare Wiborada, geboren Ende des 9. Jahrhunderts, wählte für sich diesen Lebensweg der Inklusin oder Klausnerin. Sie gab Ratsuchenden hilfreiche Auskünfte und warnte den Abt des Klosters St.Gallen vor dem drohenden Überfall von Kriegern aus dem Osten. Dieser brachte den Konvent und die Bibliothek in Sicherheit, die Mönche und die Bücher überlebten. Wiborada hingegen wurde in ihrer Zelle totgeschlagen – im Jahr 926, vor 1100 Jahren.
Panorama zu Frauenleben
Ausgehend von der Inklusin Wiborada fragten die Kuratorinnen Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr: Welche Lebenswege gab es für Frauen im Mittelalter? Sie stellten dafür verschiedene Lebensformen und -wege zusammen. Die Ausstellung gliedert sich nach diesen Formen und ergänzt die Klausnerinnen um Nonnen, Mächtige, Dienerinnen, Produzentinnen, Mütter und Widerständige. «Wir decken damit nicht alle möglichen Lebenswelten ab», sagen sie, «doch wir ermöglichen verschiedene Perspektiven auf Lebensweisen der Vergangenheit.»
Früheste Zeugnisse von Schreiberinnen
Obwohl das Kloster St.Gallen ein Männerkonvent war, bietet der historische Bestand der heutigen Stiftsbibliothek zahlreiche Anknüpfungspunkte für Frauengeschichte. Einzelne Handschriften sind früheste Zeugnisse von weiblicher Schreibtätigkeit überhaupt. Dazu gehören zwei Briefe von Frauen um das Jahr 400, die in einer Sammlung von Bischofsbriefen wohl per Zufall überliefert wurden. Die beiden frühen Christinnen schildern darin ihre Alltagssorgen und ihren Umgang mit der damals neuen Religion.

Bild: Nonnen – Die erste Seite der Expositio libri comitis beginnt mit einer ausgestalteten Seite und Inititale, deren Formen die Handschrift eindeutig dem Skriptorium des Frauenklosters Chelles zuordnen lassen. Auf der ersten Seite wird die Form der Apostelbriefe erklärt. Das Kloster Chelles hatte ein wichtiges Skriptorium. – Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 435, S. 2.
Heute kaum mehr bekannt ist die Abtei Chelles, heute im Grossraum Paris gelegen. In diesem Frauenkloster befand sich eines der am weitesten entwickelten Skriptorien (Schreibstuben) der Karolingerzeit im 8. und 9. Jahrhundert. Zwei Handschriften in der Stiftsbibliothek zeugen davon. «Sowohl die Frauenbriefe als auch die Manuskripte aus Chelles gehören zu den absolut einzigartigen Handschriften des frühen Mittelalters», sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora.
Eigenständige St.Gallerinnen
Während die Briefschreiberinnen und viele schreibende Nonnen namenlos bleiben, können aus späteren Zeiten zahlreiche Frauenbiografien aus der Region St.Gallen gut nachgezeichnet werden: Da ist etwa Regula Keller, die als Konventualin im Kloster St.Katharina lebte und sich zwischen den 1520er- und 1550er-Jahren über drei Jahrzehnte lang der Reformation widersetzte, oder Anna Bösch, die St.Galler Hebamme, die in derselben Zeit lebte und viele Bürgerhäuser in der Stadt von innen kannte – inklusive der Dramen, die sich darin abspielten. Oder da wären Barbara und Magdalena Dieth, Schwiegermutter und Schwiegertochter, die im 18. Jahrhundert nach dem Tod ihrer Ehemänner den Familienbetrieb, eine Druckerei, weiterführten. Von ihnen, aber auch von der aus Byzanz stammenden Kaiserin Theophanu und von der adligen Stifterin Gundis erzählt die Sommerausstellung in der Stiftsbibliothek St.Gallen.

Bild: Mächtige – Der Brokatstreifen mit dem Namen «Gundis», der auf dem vorderen Spiegelblatt klebt, bezeichnet vermutlich die Stifterin des Evangelistars. Wer Gundis war, ist indes nicht bekannt. – Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 54, vorderes Spiegelblatt.
Eingebettet in das Jubiläumsjahr
Die Stiftsbibliothek hat im Rahmen der Vorbereitung der Ausstellung mit mehreren Sekundarschulklassen der Meitleflade zusammengearbeitet. Einige Schülerinnen sind Teil der Eröffnungsfeier am 21. April 2026, andere präsentieren im Mai im Gallusschulhaus St.Gallen eine eigene Ausstellung zu berühmten Frauen, und eine weitere Klasse ist Teil des Schweizer Vorlesetags am 27. Mai 2026 in der Stiftsbibliothek.
St.Gallen feiert im Jahr 2026 den 1100. Todestag der Inklusin Wiborada. Der Verein Wiborada-Jubiläum 2026 sammelt auf seiner Website alle Aktivitäten im Rahmen des Jubiläumsjahrs, betreibt die Zelle bei St.Mangen «Da-Sein» und organisiert am 2. Mai 2026 ein Jubiläumsfest.
Mehr dazu: http://www.wiborada-ist-da.ch
Die Stiftsbibliothek trägt am 1. Mai 2026 mit der Wiborada-Rede von Moni Egger zu den Feierlichkeiten bei.
Katalog mit Zusätzen
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Neben den in der Ausstellung präsentierten Handschriften enthält er zusätzlich eine Einführung von Henrike Lähnemann, Professorin für Medieval German Literature and Linguistics an der Universität Oxford und Co-Autorin des beliebten Sachbuchs «Unerhörte Frauen. Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter», und einen Essay von Franziska Schnoor zu Gyburc, einer der Hauptfiguren im Epos «Willehalm» Wolframs von Eschenbach, bekannt unter anderem für ihre «Toleranzrede»
sbsg
Kontakt:
https://stiftsbezirk.ch/de/stiftsbibliothek/

Bild: Dienerinnen – Die Federzeichnung der Inklusin von St.Georgen zeigt eine Frau in einer Zelle mit ihren beiden Dienerinnen. Die Bildbeischrift nennt die Namen: Clara und Agnes. – Stiftsbibliothek St.Gallen, Cod. Sang. 54, hinteres Spiegelblatt.
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Kommentare von Daniel Leutenegger