11. Mai 2025
«THE LURE OF THE IMAGE – WIE BILDER IM NETZ VERLOCKEN»
Ausstellung im wiedereröffneten Fotomuseum Winterthur, vom 17. Mai bis am 12. Oktober 2025

Bild: Viktoria Binschtok, Digital Semiotics (Minecraft Melon), 2024 © Viktoria Binschtok
Die Ausstellung «The Lure of the Image – Wie Bilder im Netz verlocken» beleuchtet die zeitgenössischen Formen der Fotografie als digitale Verführungskünstlerin: Wie locken oder betören uns Bilder, die online zirkulieren? Wie fesseln, steuern oder täuschen sie uns?
Die 14 künstlerischen Positionen in der Ausstellung setzen sich mit visuellen Phänomenen auseinander, die online als Vehikel für Kommunikation, Kritik oder Komik dienen. Sie veranschaulichen, welch zentrale Rolle Bilder in der Gestaltung unserer sozialen, kulturellen und politischen Umgebung spielen.
Die Schau lädt dazu ein, die visuellen Welten von Social-Media-Feeds, Dating-App-Profilen, Beauty-Filtern, Memes, ASMR-Videos, cute (niedlichen) oder cursed (verfluchten) images, Emoji, computergenerierten Bildern oder pixeligen Screenshots zu erkunden, die als Verschwörungstheorien oder als Protestmittel gleichermassen zum Einsatz kommen können.
Dabei legen die künstlerischen Arbeiten die komplexen Mechanismen der Verführung im digitalen Raum offen und beleuchten, wie Bilder und die ihnen zugrunde liegenden Strukturen – von Algorithmen bis zu Datensätzen – unsere Aufmerksamkeit lenken, Gefühle provozieren und Meinungen beeinflussen.
Vernetzte Bilder zeigen sich als prägende Elemente einer aufmerksamkeitsgesteuerten Ökonomie, die unsere Affekte und Begehren entfachen und uns dabei nicht selten auf Um- oder Abwege führen.
Mit Arbeiten von:
Zoé Aubry, Sara Bezovšek, Viktoria Binschtok, Sara Cwynar, Éamonn Freel x Lynski, Dina Kelberman, Michael Mandiberg, Joiri Minaya, Simone C Niquille, Jon Rafman, Jenny Rova, Hito Steyerl, Noura Tafeche und Ellie Wyatt

Bild: Zoé Aubry, aus #Ingrid, 2022 © Zoé Aubry – Foto: Daniel Müller
Ausgewählte Arbeiten
Mit ihrer Arbeit #Ingrid (2022) setzt sich Zoé Aubry (1993) mit systemischer Gewalt gegen Frauen auseinander. Der Titel des Werks spielt auf Ingrid Escamilla Vargas an, eine junge mexikanische Frau, die 2020 von ihrem Ehemann brutal ermordet wurde. Als korrupte Behörden Fotos des verstümmelten Körpers des Opfers an die örtliche Presse weitergaben, die dann auf deren Titelseiten veröffentlicht wurden, gingen Aktivist:innen auf die Strasse, um gegen diese voyeuristische und sensationsheischende Berichterstattung zu protestieren. Die Welle der Solidarität setzte sich in den sozialen Medien fort, unter anderem mit der Hashtag-Initiative #IngridEscamillaVargas, die es sich zum Ziel machte, die illegal an die Öffentlichkeit gespielten Fotos im Internet zu überschreiben. Der Hashtag verknüpfte Online-Suchen nach Ingrid mit schönen Bildern, die an sie erinnern sollten – anstelle der entwürdigenden Opferfotografien.
Wie eine Archivarin hat Aubry diesen flüchtigen Moment des Online-Widerstands – Bilder unberührter Landschaften und lavendelfarbener Sonnenuntergänge – gesammelt und konserviert. Eine herzzerreissende Hommage, die zugleich als kraftvoller, kollektiv geäusserter Weckruf dient, dem Thema Femizid in der Gesellschaft endlich grössere Beachtung zu schenken.

Bild: Dina Kelberman, Still aus The Wave, 2025 © Dina Kelberman
Die Künstlerin Dina Kelberman (1979) widmet sich mit dem Werk The Wave (2025) dem Phänomen von ASMR-Videos. ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) lässt sich am besten als ein kribbelndes, entspannendes Gefühl beschreiben, das durch dezente Geräusche, sanfte Berührungen oder beruhigende Bilder ausgelöst wird. Für ihre Arbeit sammelte Kelberman Tausende Videos von Schwämmen, die Hände mit Gummihandschuhen zeigen, die innig mit seifigen Schwämmen spielen, sie zusammendrücken, aufschäumen und auseinanderzupfen.
Kelbermans immersive Videoinstallation, welche die Videos von «beruhigend» bis «grob» anordnet und stark vergrössert auf einander gegenüberliegende Wände projiziert, resultiert in einer Kakophonie aus Klängen und Bildern.
Mit dieser Präsentation legt die Künstlerin die komplexen Spannungen offen, die unter der Oberfläche dieses audiovisuellen Phänomens schlummern, das unsere Sinne durch seine ästhetischen Reize, seine Klanglandschaften und seine hypnotischen Wiederholungen fesselt.

Bild: Joiri Minaya, aus #dominicanwomengooglesearch, 2016 © Joiri Minaya – Foto: Maxime Boisvert
Die Arbeit #dominicanwomengooglesearch (2016) der Künstlerin Joiri Minaya (*1990) zeigt ausgeschnittene Bildfragmente weiblich gelesener Körperteile, die auf der einen Seite mit stilisierten tropischen Stoffen collagiert sind. Die Bilder, die aus einer Google-Suche nach «dominikanischen Frauen» stammen, zeigen klischeehafte Abbildungen – fortgeschrieben und verstärkt durch die Algorithmen von Online-Suchmaschinen.
In ihrer Wiederaneignung «tropischer» Muster zeigt Minaya, wie solche Motive auf westliche Kolonialfantasien zugeschnitten werden, die karibische Frauen exotisieren und objektifizieren. Die Künstlerin legt sich mit dem kolonialen Erbe an, das in unseren Blicken und unseren technischen Systemen weiterlebt – und das bis heute den Schwarzen weiblichen Körper stigmatisiert.

Bild: Jenny Rova, aus der Serie A MILF DREAM – My Matches on Tinder, 2024 © Jenny Rova
Die Künstlerin Jenny Rova (*1972) macht ihre persönlichen Erfahrungen, die sie beim Online-Dating sammelte, zum Thema ihrer Arbeit A MILF DREAM – My Matches on Tinder (2024). Nachdem sie sich bei Tinder anmeldete, merkte sie, dass ihr Status innerhalb der Online-Dating-Community derjenige einer «MILF» war – was ein vulgärer Slangausdruck zur Bezeichnung älterer Frauen ist, die von jüngeren Männern begehrt werden.
Sie fertigte Collagen an mit fotografischen Elementen aus den Profilen ihrer Tinder-Matches und lotet damit Schnittstellen von Intimität, Selbstdarstellung und dem fotografischen Blick aus. Die neu entstandenen Bilder verraten – auf meist humorvolle Weise – die Spannung zwischen den persönlichen Vorlieben der Künstlerin und den zunehmend standardisierten Formen, die beim Kuratieren der eigenen Selbstinszenierung zum Einsatz kommen.

Bild: Noura Tafeche, aus Annihilation Core, Inherited Lore ٩(͡๏̯͡๏)۶, 2023– © Noura Tafeche – Foto: Tze Long
Mit der Arbeit Annihilation Core Inherited Lore ٩)͡๏̯͡๏)۶ (2023–) untersucht Noura Tafeche (*1987), wie eine Ästhetik der Niedlichkeit online als Waffe eingesetzt wird, um militärische Propaganda und Gewalt zu verbreiten. Ausgehend von einem Archiv mit über 30’000 Dateien zeigt Tafeche, wie pastellfarbene Plüschtiere, Manga-Fan-Art und Rehaugen dazu genutzt werden können, um kriegerische Botschaften, sexualisierte Gewalt, die Fetischisierung von Waffen und Alt-Right-Ideologien zu verbreiten.
Tafeche setzt sich mit Ästhetiken aus den verschiedensten Bereichen auseinander, von «kawaii» (einem kulturellen Phänomen aus Japan, das Niedlichkeit und Unschuld in den Vordergrund stellt) über Gaming und TikTok bis hin zu Fan Art. Dabei macht sie sichtbar, wie virale Inhalte – etwa Memes oder Online-Tanz-Challenges – Frauenfeindlichkeit, Überlegenheitsdiskurse und Rassismus befördern können.

Bild. Ellie Wyatt, Still aus cherrypicker, 2021 © Ellie Wyatt
Informationen zum Museum
«Die Fotografie prägt wie kaum ein anderes Medium unseren Blick auf uns und die Welt und beeinflusst unser Denken und Handeln. Das Fotomuseum Winterthur untersucht deshalb die kulturelle, soziale und politische Rolle der Fotografie und ihre Wirkung auf uns Menschen und unseren Alltag.», schreibt das Haus auf seiner Webseite.
Das Fotomuseum Winterthur widmet sich seit der Gründung 1993 der zeitgenössischen Fotografie und visuellen Kultur. Die Institution präsentiert jährlich drei bis fünf Ausstellungen, welche die Fotografie aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Es werden Arbeiten junger wie auch etablierter internationaler Fotograf:innen und Kunstschaffender gezeigt. Begleitet werden die Ausstellungen von einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm sowie variierenden Workshops. Auch auf seinen digitalen Plattformen setzt sich das Museum mit dem Fotografischen auseinander; im Rahmen von Online-Events und diversen multimedialen Beiträgen. Die Sammlung umfasst rund 9’000 Werke aus den 1960er-Jahren bis heute.
fmw
Kontakt:
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Kommentare von Daniel Leutenegger