Mit diesen Auszeichnungen macht die Art Foundation Pax auf die digitale Kunst in der Schweiz aufmerksam. Die Preise, die sie in Zusammenarbeit mit dem HEK vergibt, sollen der Förderung von etablierten und aufstrebenden Schweizer Medienkunstschaffenden dienen. Neben dem Hauptpreis (CHF 30‘000) und zwei Förderpreisen (je CHF 15‘000) werden seit 2024 zusätzlich jeweils zwei junge Talente von Schweizer Kunsthochschulen mit einem Talentförderpreis (je CHF 1‘000) unterstützt. 2025 waren die Kunsthochschulen EDHEA (Schule für Gestaltung und Hochschule für Kunst) in Siders im Wallis und die ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste) Partner. Die Pax Art Awards wurden am 11. September 2025 im HEK (Haus der Elektronischen Künste) Münchenstein / Basel zum achten Mal verliehen.

Bild: Lukas Truniger, Lost in rasterized Translation, 2025, courtesy of the artist

Bild: Lukas Truniger, An automated Self, 2023, courtesy of the artist
Lukas Truniger
Der Künstler erschafft Umgebungen: Er arbeitet mit Systemen und stellt Prozesse in den Vordergrund, indem er Räume baut, die bewohnt werden können. In seinen Welten modellieren und imitieren künstliche und technologische Ansätze natürliche Zustände. Indem er in seiner Installation «Ethereal Fleeting» (2018) Wolken reproduziert oder in «Latent Realities» (2019) ein Netzwerk von Lichtstrahlen aus einem virtuellen Raum in den physischen überträgt, macht Truniger verborgene Infrastrukturen sichtbar und erforscht die komplexe Verflechtung von synthetischen und natürlichen Umgebungen.
Seine Installationen laden die Betrachtenden ein, diese Systeme zu betreten, und regen dazu an, darüber nachzudenken, wie wir komplexe Prozesse wahrnehmen, darstellen und übersetzen. Seine poetischen Räume entstehen durch eine kritische Auseinandersetzung und Dekonstruktion von Musik, Klang, Bild und Repräsentation.
Trunigers künstlerische Praxis basiert auf seiner Ausbildung in Musik und Klangkunst sowie auf den Traditionen der Generativen Kunst wie auch der Medienkunst. Er entwirft Systeme mit klar definierten Regeln, um sich dann zurückzuziehen und deren autonome Entfaltung zuzulassen – die Prozesse dürfen sich selbst ausführen und weiterentwickeln. Am eindrücklichsten zeigt sich dies vielleicht in «Overgrown» (2023), wo Truniger veraltete Hardware aus der Krypto-Mining-Industrie zurückgewinnt und deren Rechenleistung für freiwillige wissenschaftliche Projekte einsetzt. Das Projekt kommentiert nicht nur die gewaltigen Infrastrukturen, die den Energieverbrauch und die Rechenbedarfe von Kryptowährungen und maschinellem Lernen antreiben, sondern trägt – wenn auch im Kleinen –aktiv zur Reduzierung existenzieller Risiken unseres Planeten bei.

Bild: Lukas Truniger, Distributive intelligence | A group mind, 2021, courtesy of the artist
Die Jury war tief beeindruckt von «Trunigers konsequenter und nuancierter Vermittlung der Poetik und Politik, die in seiner Arbeit eingeschrieben ist. Seine Erkundung der verflochtenen Bereiche von Künstlichem und Natürlichem spricht unmittelbar die Komplexitäten des zeitgenössischen Lebens an».
Mit dieser Auszeichnung werde nicht nur die Stärke und Kohärenz seiner bisherigen künstlerischen Praxis gewürdigt, «sondern auch die zentrale Rolle, die Medienkunst dabei spielt, die komplexen Systeme, die unsere Welt formen, zu navigieren und verstehbar zu machen», schreibt die Jury.

Bild: Isabell Bullerschen – Foto: Philip Frowein
Isabell Bullerschen
Isabell Bullerschen beschäftigt sich mit fluiden Konzepten von posthumaner Körperlichkeit, Intelligenz und Identität. Sie löst Denk-Kategorien auf oder macht sie durchlässig und verlässt so die anthropozentrische Perspektive zugunsten spekulativer Narration. Dabei sind ihre immersiven Mixed-Media-Installationen gleichzeitig im physischen und im digitalen Raum angelegt.
Schleim zieht sich als Motiv seit einiger Zeit durch Bullerschens Werk. Als Hauptdarsteller ist er nicht nur biologische Substanz, sondern auch eine vieldeutige Metapher für die Konnektivität zwischen den grossen existenziellen Themen: In der dreiteiligen Installation «Phlegm» (2024) visualisiert Schleim die Verbindung zwischen Geburt und Tod, Stoffwechsel und Transformation. Er manifestiert sich in zwei Portalen, bei der sie u. a. Fotografien von Plazenten und Pilzen zu Collagen zusammenstellt und diese dann mit einer bildtransformierenden KI weiterbearbeitet. Daneben stellt sie einen über QR-Code zugänglichen Text, der über den wichtigen Anteil von Schleim beim Entstehen und Vergehen von Leben, aber auch die ambivalenten Gefühle spricht, die damit verbunden sind: «Alles ist Stoffwechsel und das wirkliche Leben ist vor allem schleimig. Das Material der Liminalität. Das Material der Ambivalenz.»

Bild: Isabell Bullerschen, Ipseria Cave, 2024, courtesy of the artist
Schon im weit angelegten Projekt «ipseria» (2022–heute) propagiert sie eine erfundene Entität: Es ist eine fluide, sich ständig weiterentwickelnde Lebensform, angelehnt an Wirbellose und Eukaryoten. Diese fiktive nicht-menschliche Intelligenz ist ein Organismus, der ohne Gehirn lernt, erinnert und Entscheidungen trifft und ihr letztlich als Folie für ihre Gedanken zu künstlerischen Formen von Wissensvermittlung dient.
Bullerschen bedient sich für ihre mehrteilig wachsenden und hybriden Installationen einer eigenen Technik. Sie benutzt dabei zunächst nicht digitale Werkzeuge, sondern modelliert mit Ton, Latex, Pigment, Agar-Agar oder Glycerin und kombiniert diese Formen mit gefundenen und gezüchteten Materialien. Erst danach werden diese Elemente mittels 3D-Scans digitalisiert. Dieses Verfahren zeigt, wie wichtig für sie das Verbinden von manuell hergestellter Körperhaftigkeit mit digital konstruierter Darstellung ist – gerade im Zusammenfliessen dieser beiden Pole. Je nach Situation entwickeln sich daraus immersive, multisensorische Installationen aus wandfüllenden Bildern, VR-Umsetzungen, voluminösen Stoffformen, Aromen und Soundspuren.
«Isabell Bullerschen überzeugt mit der Art, wie sie ihre posthumanistischen Gedanken zu opulenten Displays umsetzt, die uns die Überlagerung von Digitalem und Körpernahem nicht nur nachvollziehen, sondern sinnlich erfahren lässt», heisst es im Text der Jury.

Bild: Rhona Mühlebach – Foto: Ralph Ribi
Rhona Mühlebach
Die Installationen von Rhona Mühlebach beinhalten eigensinnige Realitäten, in denen Erinnerung und Imagination nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ihre Welten sind bevölkert von Figuren wie etwa Neandertalerinnen und Neandertalern, Wildschweinen oder Schleimpilzen, die die Zivilisation kommentieren oder aber als Schöpferwesen auftreten. Realität wird biegsam, Sprache formbar, und das Scheitern – menschlich wie erzählerisch – treibt Erkenntnis an.
Mühlebach lebt die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion in jedem Bild. Diese Perspektivverschiebungen ziehen sich durch das gesamte Werk der im Thurgau geborenen und in Wien lebenden Künstlerin. Geschichte wird zur zeitlosen Materie, Tiere werden zu Protagonistinnen und Protagonisten, Humor wird zur Methode der Erkenntnisgewinnung. Ihre Erzählungen verweigern sich linearer Zeit und entfalten poetische Bahnen, in denen Sprache, Musik und Technologie eng verwoben sind.
In «Ditch Me» (2023) wird ein unscheinbarer Graben – einst römische Grenzlinie – zur Bühne einer vielschichtigen Versammlung: Soldaten, Schleimpilze, Avatare und Parasiten durchqueren Zeiten. Auch in «Excitement is not part of my feeling repertoire» (2021) begegnen sich Tiere, Neandertalerinnen und Neandertaler und moderne Menschen in einer Welt, die langsam jenseits des Trosts von Empathie zerfällt.
In ihren jüngsten Arbeiten nutzt Mühlebach verstärkt CGI-Technologie (Computer Generated Imagery) und untersucht deren Bruchstellen. Besonders im Transfer realer Gesichter auf Avatare entstehen irritierende Momente, die mediale Bildproduktion als fragil entlarven. Diese bewusste Verflechtung von Sci-Fi und Geschichte prägt die Handschrift der Künstlerin. Ihre Filme sind keine Konsumgüter, sondern offene Erzählräume: Digitale und reale Körper treten in Beziehung, Stimmen widersprechen einander, das Humane wird zur offenen Frage. Mit Humor, Ernsthaftigkeit und experimenteller Bildsprache schafft sie Welten, die Denken und Mitfühlen gleichermassen herausfordern.
Die Jury zeichnet Rhona Mühlebach aus «für ihre eigenständige, reflektierte und experimentelle Praxis, die audiovisuelle Innovation mit erzählerischer Kühnheit verbindet».

Bild: Rhona Mühlebach, Antechamber for Supporting Characters, 2024, courtesy of the artist
Talentförderpreise
Die Talentförderpreise gehen dieses Jahr an Kim da Motta von der Hochschule Luzern (HSLU) und Chloé Niederberger von der édhéa im Wallis.
Quellen / Kontakt:
https://hek.ch/programm/veranstaltungen/pax-art-awards-2025
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Kommentare von Daniel Leutenegger