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14. Juni 2025

«JULIAN CHARRIÈRE. MIDNIGHT ZONE»

Ausstellung im Museum Tinguely Basel, bis am 2. November 2025

Porträt Julian Charrière - Copyright the Artist - Fotocredit: Nora Heinisch

Bild: Porträt Julian Charrière – Copyright the Artist – Fotocredit: Nora Heinisch

Ein zentrales Anliegen des französisch-schweizerischen Künstlers Julian Charrière ist es aufzuzeigen, wie stark der Mensch und seine Umwelt miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. In einer umfassenden Einzelausstellung im Museum Tinguely zeigt er Fotografien, Skulpturen, Installationen und neue Videoarbeiten, die sich mit unserer Beziehung zur Erde als einer Welt des Wassers auseinandersetzen – einem Element, das in Form von Meeren, Seen und Eis den grössten Teil unseres Planeten bedeckt. Es bietet für unzählige Organismen einen Lebensraum, in dem sich zirkuläre Ökosysteme ausgebildet haben, die für die Stabilität des Klimas von entscheidender Bedeutung sind.



Im Mittelpunkt der Ausstellung «Midnight Zone», die sich über drei Stockwerke erstreckt, stehen submarine Ökosysteme – vom lokal präsenten und einflussreichen Rhein bis hin zu fernen Ozeanen –, anhand derer sich die Komplexität des Elements Wassers erschliesst, das durch menschliche Einwirkungen erheblich beeinträchtigt wird. Die Einzelausstellung untersucht den Kreislauf des Wassers und dessen Materialität, seine Tiefen und die mit ihm verknüpften politischen Aspekte, seine alltäglichen und sakralen Dimensionen. Vor den Besuchenden entfaltet sich ein Kaleidoskop, das dazu einlädt, tief einzutauchen.

In der Ausstellung «Midnight Zone» lädt Julian Charrière das Museumspublikum ein, mit dem Wasser zu denken und zu fühlen – als Vermittler von Stimmungen und Erinnerungen, Bewegung und Verwandtschaft. Zwischen dem Abtauchen in die Tiefsee und dem Schwebezustand der Kryosphäre entfaltet sich der Parcours wie eine immersive Reflexion über fluide Welten – das Meer tritt hier nicht als Oberfläche auf, sondern als Substanz, in der sich Grenzen auflösen. Für den Künstler ist die Ausstellung nicht nur ein betretbarer Raum, sondern eine Welt, in die die Besuchenden eintauchen und sich darin bewegen können, um den Druck, die Tiefen und die damit verbundenen Träume zu erleben. 

Die Ausstellung versammelt eine Reihe grundlegender Werke – frühere wie auch wichtige neue Auftragsarbeiten, die Charrières langjährige Auseinandersetzung mit ökologischen Grenzbereichen abbilden. Dabei steht das Wasser nicht als Motiv im Mittelpunkt, sondern als Medium – als das Element, in dem sich Geschichten ablagern, Krisen entwickeln, Formen und Gestalten ihren Zustand verändern. Der Titel bezieht sich auf die Mitternachtszone der Tiefsee, in der das Sonnenlicht verblasst und die Sicht schwindet.

Im gleichnamigen Video «Midnight Zone» (2025) wird eine Fresnellinse – die Linse eines Leuchtturms, die aus der Ferne Orientierung bietet – verkehrt herum in den Abgrund des Meers hinabgelassen. Der durch die Kamera eines ferngesteuerten Tiefseefahrzeugs dokumentierte Tauchgang ist sowohl wörtlich als auch metaphysisch zu verstehen. Es ist eine Reise in einen Raum, der sich jeder Orientierung entzieht, wo polymetallische Knollen – Objekte der industriellen Begierde – inmitten uralter Ökosysteme ruhen. Das Licht enthüllt hier nicht, es bricht. Das Werk versetzt die Betrachter:innen in traumgleiche Schwebezustände und beleuchtet gleichzeitig die blinden Flecken in unserem Streben nach Fortschritt. 

Die Videoarbeit «Albedo» (2025), die unter der Meeresoberfläche des arktischen Ozeans zwischen Eisbergen gedreht wurde, bietet eine gänzlich andere Perspektive. Hier folgt das Publikum dem Wasser, dessen Aggregatszustand zwischen fest, flüssig und gasförmig wechselt – eine Choreografie in Echtzeit. Der Film stellt das Schmelzen des Eises nicht als Katastrophe dar, es verweigert sich vielmehr jeder erhabenen Perspektive und eröffnet ein Verständnis für die ständige Bewegung des Wasser, für seine klimatische Bedeutung und menschliche Versäumnisse. Er präsentiert das Meer als eine Art Gedankenwelt: grenzenlos, destabilisierend und unmöglich zu bändigen. Die Kamera schwebt, rahmt ein, lässt los. Es gibt keine festen Perspektiven – nur Drift, Aufhebung, Zerstreuung.

Diese beiden Filmarbeiten bilden den Anker der Ausstellung, die sich wie ein Wasserkreislauf entfaltet und sich zwischen unterschiedlichen Materialitäten, räumlichen Wahrnehmungen und emotionalen Zuständen bewegt. In der Stadt Basel und vor dem Hintergrund ihrer Lage am Wasser, beschäftigt sich die Show mit der politischen und infrastrukturellen Präsenz des Wassers. Als Bindeglied zwischen Gletschern und Ozeanen fliesst der Rhein unermüdlich entlang des Museums – sowohl ein Handelsweg als auch eine klimatisch sensible Ader.



Auch der Klang zieht sich – subtil und eindringlich – wie eine Unterwasserströmung durch die Ausstellung und ermöglicht eine synästhetische Erfahrung, die die Besucher:innen nicht nur zum Hinsehen einlädt, sondern auch zum Zuhören, zum Fühlen und zur Einstimmung auf eine andere Art der Wahrnehmung: eine, die dem Ruhen, dem Schweben, dem Unterwasser-Sein nahekommen will.

Charrières multidisziplinäres Schaffen, das sich über die Bereiche Film, Skulptur, Fotografie und Installation erstreckt, ist von immersiven Projekten geprägt, denen Feldforschungen an ökologisch und symbolisch aufgeladenen Orten zu Grunde liegen – an Gletschern, Vulkanen, in Atomtestgebieten und Tiefsee-Ökosystemen. Durch seine tiefgehende Auseinandersetzung mit diesen fragilen Umgebungen erforscht er, wie sich menschliche Aktivitäten in die Struktur des Planeten einschreiben und seine Oberflächen, Atmosphären und Zukünfte subtil verändern.

Seine Werke verbinden wissenschaftliche Beobachtung mit spekulativer Poesie, im Vordergrund stehen Landschaften als physische Prozesse, Speicher von Erinnerungen und Assoziationsräume kultureller Vorstellungskraft. Anstatt Umweltkrisen eins zu eins abzubilden, schafft Charrière Räume, in denen das Staunen wie auch die Sorge um die Zukunft des Planeten evoziert werden und die Widersprüche und Spannungen unserer heutigen Situation direkt erfahrbar machen. In seinen Arbeiten untersucht er das koloniale und extraktivistische Erbe, das in Forschungstätigkeiten, Landschaftsdarstellungen und den Technologien des Sehens eingeschrieben ist.

In der Ausstellung vermitteln die Werke Wissen auf sinnliche Art und Weise. Dort wird das Wasser nicht als Bühne für das menschliche Drama betrachtet, sondern als Protagonist, als Archiv und Spiegel, als verdünnendes Lösungsmittel und messbares Medium, das die Erinnerung an die Gletscher und die Mineralien von morgen birgt. Charrière will zeigen, wie das Wasser unseren Atem mit der Biosphäre verbindet und wie es die Zerbrechlichkeit einer Welt offenbart, die durch Verdunstung, Schmelze und Sedimentation geformt wurde.

Die Ausstellung erinnert die Besucher:innen daran, dass das Meer nicht das Gegenteil von Land ist, sondern dessen Voraussetzung. Der Mensch ist in seinen Strömungen aufgehoben – biologisch, historisch und imaginär. In den in Basel gezeigten Werken will Julian Charrière uns das Meer nicht zeigen. Vielmehr will er es sprechen, pulsieren und atmen lassen durch eine elementare Choreografie aus Ton und Bild. Das Ergebnis ist nicht Repräsentation, sondern Resonanz: ein Zustand atmosphärischer Intimität, eine Einladung, seine Strömungen nachzuvollziehen.

Julian Charrière (geb. 1987) ist ein in Berlin lebender, schweizerisch-französischer Künstler, der sich mit der in Naturlandschaften eingebetteten Kultur- und Umweltgeschichte auseinandersetzt. In seinen Arbeiten kontrastiert er geologische mit menschlichen Zeithorizonten und legt so die langsamen und oft unsichtbaren Kräfte offen, die Landschaften und Geländeformationen wie auch unsere historischen Vorstellungen formen und umgestalten.

Charrière studierte an der Universität der Künste Berlin (UdK) und an Olafur Eliassons Berliner Institut für Raumexperimente. Seine Kunstwerke wurden weltweit ausgestellt, darunter in Einzelausstellungen im ARKEN Museum of Contemporary Art, Dänemark (2024), im Palais de Tokyo, Frankreich (2024), im San Francisco Museum of Modern Art, USA (2022/23), im Dallas Museum of Art, USA (2021), in der Langen Foundation, Deutschland (2022/23), im Museo dʼArte Moderna di Bologna (MAMbo), Italien (2019), im Aargauer Kunsthaus, Schweiz (2020), in der Berlinische Galerie, Deutschland (2018/19) und in der Parasol Unit Foundation for Contemporary Art, England (2016). Des Weiteren wurden seine Arbeiten im Centre Pompidou, Frankreich (2021/22), im Parcours-Sektor der Art Basel (2023) und in der Fondation Beyeler, Schweiz (2024), im Mori Art Museum, Japan (2023/24) sowie wiederholt im Rahmen der Biennale in Venedig präsentiert. Julian Charrière ist der erste Preisträger des Eric and Wendy Schmidt Environment and Art Prize, der 2024 vom Museum of Contemporary Art (MOCA) in Los Angeles verliehen wurde.

Die begleitende Publikation «Julian Charrière. Midnight Zone» wird vom Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König in Zusammenarbeit mit dem Museum Tinguely und dem Kunstmuseum Wolfsburg herausgegeben. Sie versammelt unterschiedliche Beiträge von Wissenschaftler:innen, Sachbuchautor:innen und Kunsthistoriker:innen, die das Thema Wasser umkreisen und dazu anregen, herkömmliche Assoziationen und traditionell geprägte Vorstellungen zu hinterfragen. Der Katalog, der neue Essays mit historischen Textauszügen kombiniert, bietet nicht nur einen umfassenden Überblick über die Ausstellung, sondern erweitert sie unter anderem durch die Vertiefung ökologischer und politischer Fragestellungen

Kurator: Roland Wetzel, Assistenzkuratorin: Tabea Panizzi

Kontakt:

https://www.tinguely.ch/de/ausstellungen/aktuell-vorschau.html

Bilder von Werken von Julian Charrière:

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Kostenlos können Werke von Julian Charrière u.a. hier betrachtet werden:

https://julian-charriere.net/

https://julian-charriere.net/information

https://www.tinguely.ch/de/ausstellungen/ausstellungen/2025/julian-charriere.html

https://aargauerkunsthaus.ch/de/ausstellung/julian-charriere-de/

Video:

Künstler Julian Charrière: Ich möchte, dass du dich verloren fühlst | Louisiana Channel

Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:

«NOT TO GET LOST» VON JU­LI­AN CHAR­RIÈ­RE: FIND­LIN­GE FÜR DEN FOR­SCHUNGS­CAM­PUS

DER MO­BI­LI­AR-FÖR­DER­PREIS FÜR JUN­GE SCHWEI­ZER KUNST GEHT 2018 AN JU­LI­AN CHAR­RIÈ­RE

#JulianCharrière #MidnightZone #MuseumTinguelyBasel #RolandWetzel #TabeaPanizzi #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+

  • Beitrags Information
  • Author
  • Daniel Leutenegger
  • 14. Juni 2025
  • Bildende Kunst, Fotografie, Grafik, Architektur, Design, Film, Video, Audiovisuelles, Multimedia und Internet, Museum, Ausstellung, Galerie, Umwelt / Mitwelt

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