Ausstellung im Kunsthaus Biel / Exposition Centre d’art Bienne, bis am 29. September 2025 / jusqu’au 29 septembre 2025

Bild: © Annick und Anton Herbert, Documenta 5, 1972 (Ben Vautier, Kunst ist überflüssig), Archive Herbert Foundation, Ghent
Die Ausstellung «The Rude Museum» ist das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit zwischen dem Kunsthaus Biel und dem Masterstudiengang für Museumswissenschaften der Universität Neuenburg / Neuchâtel. Die von sechs Studentinnen aus den Sammlungen des Kunsthauses Biel und des MAMCO in Genf gewählten Werke und Dokumente zeigen, auf welche Weise Künstler:innen seit den 1930er-Jahren bis heute die Logik sowie die kulturellen, symbolischen und ökonomischen Faktoren des Kunstmuseums kritisieren und ad absurdum führen.
Das Institut für Kunstgeschichte und Museumswissenschaften der Universität Neuenburg
Das Institut für Kunstgeschichte und Museologie der Universität Neuchâtel bietet einen schweizweit einzigartigen Master in Museumswissenschaften, der nicht nur theoretische Lehrveranstaltungen, sondern auch praktische Übungen vorsieht. Eine dieser Übungen lautet «Museumsprojekt» (projet muséal). Sie soll den Studierenden erlauben, alle Etappen in der Entstehung einer Ausstellung von der Konzeption über die Realisierung, Vermittlung, Kommunikation bis zur Eröffnung zu verfolgen.
Die Kritik von Kunstschaffenden an der Institution Museum, ein Phänomen das kurz mit dem Begriff «Institutionskritik» bezeichnet wird, ist so alt wie das Museum selbst. So vergleicht beispielsweise der französische Kunsthistoriker Théophile Thoré 1861 das Museum mit einem Friedhof bzw. einer «Totenstadt», welche die Überreste vergangener Zeiten versammle. Die Futuristen bedienen sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts des gleichen Vokabulars, wenn sie Museen als «Friedhöfe», «Schlafsäle» oder Stätten eines «Totenkults» beschimpfen, der eine Fetischisierung der Vergangenheit betreibe.
Den Ausgangspunkt der Ausstellung bildet Marcel Duchamp (1887 – 1968), einer der wichtigsten Protagonisten der Institutionskritik, der mit seiner «Schachtel im Koffer» (Boîte-en-valise) sowie mit seinen Archivschachteln das Sammeln selbst zum künstlerischen Akt erhebt und seinem Werk ganz persönliche Museen in Miniaturform errichtet. Mehrere Werke in dieser Ausstellung beziehen sich entweder durch ihren Titel oder durch die Vorgehensweise der Kunstschaffenden direkt auf Duchamp.
Die Hinterfragung musealer Konventionen verleiht der Ausstellungspraxis Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre neue Impulse. Marcel Broodthaers (1924 – 1976) geht mit seinem Musée d’Art Moderne: Departement des Aigles einen wesentlichen Schritt über Duchamp hinaus, indem er auf subversive Weise die sozialen, politischen, wirtschaftlichen und historischen Grundlagen des Museums entlarvt. Claes Oldenburg (1929 – 2022) fordert eine Kunst, die zu mehr fähig sei, «als einfach nur auf ihrem Hintern im Museum zu sitzen». 1972 vereint der Schweizer Kurator Harald Szeemann (1933 – 2005) – selbst ein wichtiger Vertreter der Institutionskritik – auf der documenta 5 in Kassel «Museen von Künstlern». Neben den bereits erwähnten Beispielen von Duchamp und Broodthaers präsentiert diese Sektion Oldenburgs Maus-Museum, Ben Vautiers (1935 – 2024) Armoire d’Arman und Herbert Distels (1942 – 2019) Schubladenmuseum. Die Ausstellung zeigt Projekte von Michael Asher (1943 – 2012), Larry Bell (1939), Daniel Buren (1938), Bruce Nauman (1941), Maria Nordman (1943) und Jane Reynolds (? – ?) für raumfüllende Installationen bzw. Eingriffe in die Museumsarchitektur, um die Statik der Räume aufzuweichen und den Betrachtenden einen Einblick hinter die Kulissen zu vermitteln. Mit ihrem Video Museum Highlights: A Gallery Talk (1989) erhebt Andrea Fraser (1965) die Institutionskritik zu einem eigenen künstlerischen Genre. Indem die Künstlerin in die Rolle einer Museumsführerin schlüpft, untergräbt sie humorvoll das von Museen beanspruchte Monopol der Wissensvermittlung. Die Videokamera und der Desinfektionsmittelspender von Julia Scher erinnern die Besucher:innen der Ausstellung an die im Museum zu respektierenden Verhaltensregeln und an die Sterilität des Orts.
Mehrere Räume der Ausstellung sind Künstlerinnen wie den Guerilla Girls, Judy Chicago (1939) u. a., gewidmet, die mit ihrer Kunst die männliche Dominanz im Museums- und Kunstbetrieb anprangern. Die Institutionskritik ermöglicht Künstlerinnen, ihre Forderungen nach Anerkennung in der Kunstwelt wirkungsvoll zur vermitteln. Louise Lawler (1947) zeigt, wie das Museum durch tradierte Präsentationsformen Geschlechterstereotype perpetuiert. In ihrer Fotografie The Rude Museum, das eine Ansicht des dem französischen Bildhauer François Rude (1784 – 1855) gewidmeten Museums in Dijon wiedergibt, visualisiert sie den dem Publikum durch die Szenografie aufgedrängten Blickwickel. Als Motiv wählt sie ein Hauptwerk des Künstlers, Der Auszug der Freiwilligen im Jahr 1792, als Symbol männlichen Heldentums und französischen Patriotismus´. Lawler überrascht jedoch durch den gewählten Ausschnitt, der auf die untere Körperhälfte der «Helden» fokussiert ist und deren nackte Geschlechtsteile hervorhebt. Die Fotografin zeigt auf diese Weise, dass das Museum durch seine Präsentationsformen die patriarchalische Macht weiterhin verherrlicht. Sie kritisiert damit die aus feministischer Sicht rüde, mit anderen Worten grobe und unflätige Seite der Museumsrealität. Dieser Fotografie verdankt die Ausstellung ihren Titel.
Mehrere für die Ausstellung ausgewählte Werke stammen aus einer Schenkung des kalifornischen Kurators Hal Glicksman (1937), der seine Karriere im Pasadena Art Museum begann, wo er 1963 an einer Retrospektive von Duchamps Werk mitarbeitete. Die bereits erwähnten Installationen von Asher, Bell und Nordman sind auf Grundrisse von Institutionen gezeichnet, die zu unterschiedlichen Zeiten von Glicksman geleitet wurden.
Für Studentinnen der Museumswissenschaften ist das Thema der Ausstellung eine ideale Gelegenheit, sich mit der Geschichte, den Mechanismen und Ansprüchen der Institution Museum auseinanderzusetzen, die Künstler:innen durch ihr Schaffen entlarven. Die 2022 vom International Council of Museums verabschiedete Definition des Museums läutet eine neue Ära der Institution ein, die barrierefrei, inklusiv, partizipativ sein sowie Diversität und Nachhaltigkeit fördern soll. Das Museum bleibt ein Ort zeitkritischer Debatten und ein Spiegel gesellschaftlichen Wandels.
Kuratorinnen:
Kenza Brand, Juline Demolis, Chiara Ferrari Braun, Hye Young Kim, Cora Python, Julie Scarinzi, unter der Leitung von Paul Bernard, Régine Bonnefoit, Lisa Cornali und Jenna Paratte
Herausgeberinnen der Begleitpublikation:
Régine Bonnefoit und Lisa Cornali
FR:
https://kbcb.ch/fr/expositions/the-rude-museum
Kontakt:
https://kbcb.ch/de/ausstellungen/the-rude-museum

Bild: © Jane Reynolds, Ausstellungsansicht Otis Art Institute, 1976, Kunsthaus-Sammlung KBCB
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Kommentare von Daniel Leutenegger