Ausstellung HEK (Haus der Elektronischen Künste), Münchenstein / Basel, vom 14. Februar bis am 19. April 2026

Bild: © Lukas Truniger, Lost in rasterized Translation, 2025, Hamcus showroom, Paris (F) – Courtesy of the artist
Die Ausstellung zeigt neue Werke der Gewinner:innen der Pax Art Awards 2025 in drei parallel laufenden Einzelausstellungen. Den Hauptpreis erhielt Lukas Truniger. Zwei weitere Preise gingen an Isabell Bullerschen und Rhona Mühlebach.
Die in den Arbeiten behandelten Themen reichen von der menschlichen Hybris, die bei Lukas Truniger in digitalen Infrastrukturen steckt, über biologisch metabolisierte Bildarchive bei Isabell Bullerschen bis zur Selbsterhaltungsfantasie einer Schnecke, die es in der neuen Arbeit von Rhona Mühlebach zu entdecken gibt. Das Publikum erwartet ein breites Spektrum an sehr spezifischen Fragen an die heutige, von Technologie durchdrungene Gegenwart.
Lukas Truniger
Trunigers künstlerische Praxis basiert auf seiner Ausbildung in Musik und Klangkunst sowie auf den Traditionen der Generativen Kunst wie auch der Medienkunst. Er entwirft Systeme mit klar definierten Regeln, um sich dann zurückzuziehen und deren autonome Entfaltung zuzulassen – die Prozesse dürfen sich selbst ausführen und weiterentwickeln.
In dieser Ausstellung zeigt Truniger eine dreiteilige neue Werkserie, die uns mit gnadenloser Ehrlichkeit den Spiegel vorhält. Es sind Arbeiten, die eine spekulative Infrastruktur imitieren, die aus den Artefakten digitaler Überfülle und Obsoleszenz entsteht. Sie verweisen auf die menschliche Hybris, dem Verlangen nach Berechnung, Beherrschung und Vorhersage der heutigen Zeit. Truniger spricht vom «programmierten Selbst» – ein Selbstverständnis, das durch kontinuierliche Interaktion mit Algorithmen geformt und geleitet wird.
Die Pax-Art-Awards-Jury war «tief beeindruckt von Trunigers konsequenter und nuancierter Vermittlung der Poetik und Politik, die in seiner Arbeit eingeschrieben ist. Seine Erkundung der verflochtenen Bereiche von Künstlichem und Natürlichem spricht unmittelbar die Komplexitäten des zeitgenössischen Lebens an», schreibt die Jury. Mit dieser Auszeichnung werde nicht nur die Stärke und Kohärenz seiner bisherigen künstlerischen Praxis gewürdigt, sondern auch die zentrale Rolle, die Medienkunst dabei spielt, die komplexen Systeme, die unsere Welt formen, zu navigieren und verstehbar zu machen.
Lukas Truniger (*1986) wurde in Zürich geboren und lebt in Paris. Er erwarb einen Musikabschluss an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik und Medien in Düsseldorf (2013) sowie ein Postgraduierten-Diplom in Bildender Kunst am Le Fresnoy – Studio national des arts contemporains in Tourcoing (2015). Seine Arbeiten werden seit 2016 international an Institutionen und Festivals gezeigt, unter anderem Sónar+D (Barcelona, 2025), Nuit Blanche (Paris, 2024), West Kowloon Cultural District (Hong Kong, 2023), HEK (Basel, 2023), Ars Electronica (Linz, 2020), Burning Man (Nevada, 2018), Fondation Vasarely (Aix-en-Provence, 2017), International Digital Arts Biennial / BIAN (Montreal, 2016) und ISEA / International Symposium for Electronic Arts (Paris and Hong Kong, 2023 und 2016). Er wurde mit dem Lumen Price 2024 sowie Werkbeiträgen von European Media Art Platform (EMAP), DRAC Haut-de-France, Pro Helvetia und Dispositif pour la Création Artistique Multimédia et Numérique (DICRéAM/CNC) und Residenzaufenthalten in Gijón, Rotterdam, Quebec und Paris ausgezeichnet.
Lukas Truniger erhielt den mit CHF 30’000 dotierten Hauptpreis der Pax Art Awards 2025.
Webseite: https://lukastruniger.net/

Bild: © Isabell Bullerschen, ipseria (cave still, 2022) – Courtesy of the artist
Isabell Bullerschen
Isabell Bullerschen beschäftigt sich mit fluiden Konzepten von posthumaner Körperlichkeit, Intelligenz und Identität. Sie löst Denk-Kategorien auf oder macht sie durchlässig und verlässt so die anthropozentrische Perspektive zugunsten spekulativer Narration. Dabei sind ihre immersiven Mixed-Media-Installationen gleichzeitig im physischen und im digitalen Raum angelegt.
Schleim zieht sich als Motiv seit einiger Zeit durch Bullerschens Werk. Als Hauptdarsteller ist er nicht nur biologische Substanz, sondern auch eine vieldeutige Metapher für die Konnektivität zwischen den grossen existenziellen Themen. Die neu entstandene Serie von Wandinstallationen mit dem Titel Metabolic Portals (2026) untersucht Stoffwechselprozesse und natürliche Stoffkreisläufe. Ausgangspunkt sind Collagen aus Bullerschens Bildarchiv, die mithilfe einer transformierenden KI technologisch «metabolisiert» werden: Digitale Bilder werden analysiert, zerlegt und unter Energieaufwand neu synthetisiert, ohne ihre grundlegende Komposition zu verlieren. Diese hybride Ästhetik zwischen Fotografie und Rendering spiegelt das Gesetz der Erhaltung der Masse wider: Nichts kann sich in Nichts auflösen; jedes Atom ist Teil eines Milliarden Jahre alten, zyklischen Kreislaufs, die sie als «phlegmal form of existence» begreift. Bullerschen zieht dadurch eine kritische Parallele zwischen biologischen Ökosystemen und technologischen Datenströmen.
Präsentiert werden die Arbeiten als hinter Acrylglas oder auf Alu-Dibond gedruckte, teils hinterleuchtete oder mit Leuchtstoffröhren versehene Objekte, in denen sich Fragen nach Autor:innenschaft und der «Seele» technischer Bilder verdichten. Der visuelle Eindruck bewegt sich an der Grenze zwischen Ekel und Faszination, Schönheit und Abscheu – so ambivalent wie Bullerschens Verhältnis zur KI.
Isabell Bullerschen überzeugte die Jury «mit der Art, wie sie ihre posthumanistischen Gedanken zu opulenten Displays umsetzt, die uns die Überlagerung von Digitalem und Körpernahem nicht nur nachvollziehen, sondernsinnlich erfahren lässt.»
Isabell Bullerschen (*1985) lebt und arbeitet in Zürich. Nach ihrem Bachelor-Abschluss in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin (2014) absolvierte sie von 2014 bis 2017 den Master Fine Arts an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Ihre Werke wurden in bedeutenden Ausstellungen in der Schweiz und international gezeigt, unter anderem in der Galerie We Are AIA in Zürich (2023), in der Stiftung Binz39 in Zürich (2021) und im Rahmen der Ausstellung «Night Pieces: A Foreign Body Within» im Three Shadows Xiamen Photography Art Centre in China (2024). 2023 und 2022 erhielt sie den Werkbeitrag des Kantons Zürich, 2022 den Förderpreis der UBS-Kulturstiftung und 2021 den Werkbeitrag der Pro Helvetia.
Isabell Bullerschen erhielt einen der Pax Art Awards 2025 für junge aufstrebende Künstler:innen im Wert von CHF 15’000.
Webseite: https://www.isabellbullerschen.com/

Bild: © Rhona Mühlebach, Ditch Me, 2023, video still
Rhona Mühlebach
Rhona Mühlebachs Installationen beinhalten eigensinnige Realitäten, in denen Erinnerung und Imagination nicht voneinander zu unterscheiden sind. Ihre Welten sind bevölkert von Figuren wie etwa Neandertaler:innen, Wildschweinen oder Schleimpilzen, die die Zivilisation kommentieren oder aber als Schöpferwesen auftreten. Realität wird biegsam, Sprache formbar, und das Scheitern – menschlich wie erzählerisch – treibt Erkenntnis an.
Mühlebach lebt die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fiktion in jedem Bild. Diese Perspektivverschiebungen ziehen sich durch das gesamte Werk der im Thurgau geborenen und in Wien lebenden Künstlerin. Geschichte wird zur zeitlosen Materie, Tiere werden zu Protagonist:innen, Humor wird zur Methode der Erkenntnisgewinnung.
Mühlebachs Erzählungen verweigern sich linearer Zeit und entfalten poetische Bahnen, in denen Sprache, Musik und Technologie eng verwoben sind. Für die neuste Arbeit lautet das Narrativ wie folgt: Eine Schnecke will sich versteinern lassen, um bessere Zeiten abzuwarten – jedoch ohne zum Fossil zu werden. Zwischen Grössenwahn und Vermeidung entfaltet sich eine Fantasie der Selbsterhaltung, die in vielstimmige Fragmente zerfällt.
Im Ausstellungsraum entfaltet sich diese Arbeit als medial erfahrbarer Schneckenschleim, von welchem die Besuchenden diese sonderbare Geschichte erhören können.
Die Jury zeichnete Rhona Mühlebach aus «für ihre eigenständige, reflektierte und experimentelle Praxis, die audiovisuelle Innovation mit erzählerischer Kühnheit verbindet.»
Rhona Mühlebach (*1990) wurde im Thurgau geboren und arbeitet in Wien. Sie studierte Film an der Ecole Cantonale d’Art de Lausanne und Bildende Kunst an der Glasgow School of Art. Ihre Arbeiten wurden u.a. im Museo Municipal de Guayaquil (2026), im Kunsthaus Glarus (2024), im CCA Glasgow (2023), im Kunstraum Kreuzlingen (2021) und an den Swiss Art Awards (2024, 2021) ausgestellt. Ihre Videos werden an internationalen Filmfestivals gezeigt, darunter am Glasgow Short Film Festival (2023), Locarno Festival del Film (2014), Indie Lisboa und Busan International Film Festival (2015). Mühlebach erhielt den Adolf Dietrich Förderpreis (2021) und personenbezogene Förderbeiträge des Kanton Thurgaus (2025, 2020).
Rhona Mühlebach erhielt einen der Pax Art Awards 2025 für junge aufstrebende Künstler:innen im Wert von CHF 15’000.
Webseite: https://rhonamuehlebach.com/
Pax Art Awards | Art Foundation Pax
Die Pax Art Awards werden seit 2018 jährlich vergeben. Diese Preise für digitale Kunst, die von der Stiftung Art Foundation Pax in Zusammenarbeit mit dem HEK verliehen werden, würdigen und fördern medienspezifische Praktiken von Schweizer Künstler:innen, die in ihren Werken Medientechnologien einsetzen oder deren Auswirkungen reflektieren. Die Hälfte des Preisgeldes wird für den Ankauf eines Werkes für die Sammlung der Art Foundation Pax eingesetzt, die andere Hälfte unterstützt die Künstler:innen bei der Entwicklung eines neuen Werkes, das in einer gemeinsamen Ausstellung im Folgejahr präsentiert wird.
Die Art Foundation Pax ist eine unabhängige Stiftung zur Förderung von digitaler und medienbasierter Kunst in der Schweiz. Sie ist ein Engagement der genossenschaftlich verankerten Vorsorgeversicherung Pax.
Webseite: https://www.artfoundationpax.ch
Kuratorin: Marlene Wenger
cp
Kontakt:
Auf ch-cultura.ch u.a. erschienen:
#PaxArtAwards2025 #SchweizerMedienkunst #HEK #HausderElektronischenKünste #MarleneWenger #LukasTruniger #IsabellBullerschen #RhonaMühlebach #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger