10. November 2025
ZUR ABSETZUNG DER SENDUNG «MUSIK UNSERER ZEIT» VON RADIO SRF 2 KULTUR
Offenbar ist es beschlossene Sache, dass SRF die langjährige regelmässige Sendung «Musik unserer Zeit» auf Radio SRF 2 Kultur streichen wird. In sogenannten sozialen Medien löst der Entscheid grosse Betroffenheit aus. Die Schweizer Pianistin Simone Keller schrieb dazu auf «Facebook» einen fundierten und engagierten Kommentar. SRF hat auf eine schriftliche Bitte von ch-cultura.ch um Bestätigung oder Dementierung der Sendungs-Absetzung bis jetzt nicht reagiert (*); SRF antwortet Simone Keller auf «Facebook» aber wie folgt: «Der Entscheid, die Sendung ‹Musik unserer Zeit» einzustellen, ist (uns) nicht leicht gefallen. Doch sind solche Massnahmen unumgänglich. Das Budget von SRF ist seit 2023 um 24 Millionen Franken gesunken und wird 2026 um weitere 20 Millionen Franken zurückgehen.» SRF werde weiterhin über zeitgenössische Musik berichten. In Zukunft vermehrt auch in «publikumsstärkeren» Sendungen auf SRF 2 Kultur.

Bild: © SRF
Über «Musik unserer Zeit»
Auf der SRF-Webseite heisst es zur Sendung:
«‹Musik unserer Zeit› bringt die Gegenwart und Zukunft ins Haus mit zeitgenössischer klassischer Musik, mit elektronischen, experimentellen und improvisierten Klängen. Wir porträtieren Komponistinnen und Interpreten, spüren Trends auf, zeigen, was aktuelle Musik alles sein kann und diskutieren am runden Tisch über aktuelle Neuerscheinungen.»
Die Sendung wird jeweils am Mittwoch von 20.03 Uhr bis 22 Uhr auf SRF 2 Kultur ausgestrahlt, in Teilen wird sie am darauffolgenden Samstag ab 21.03 Uhr wiederholt.
Als Mitglieder der Redaktion nennt die SRF-Webseite aktuell Annelis Berger, Theresa Beyer, Florian Hauser (Fachführung), Benjamin Herzog, Cécile Olshausen und Moritz Weber.
Links:
https://www.srf.ch/radio-srf-2-kultur/musik-unserer-zeit-sendungsportraet
https://www.srf.ch/audio/musik-unserer-zeit

Bild: Simone Keller – Foto: © Palma Fiacco, http://www.simonekeller.ch/fotos.html
Die renommierte und vielfach preisgekrönte Schweizer Pianistin Simone Keller schreibt auf «Facebook»:
«Als Musikerin trifft mich die Abschaffung der Sendung ‹Musik unserer Zeit› tief. Dieses Sendegefäss von SRF Schweizer Radio und Fernsehen war über Jahrzehnte hinweg eines der ganz wenigen Foren, in denen die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts in all ihrer Vielfalt, Komplexität und Widersprüchlichkeit Platz hatte. Hier wurde gehört, was sonst kaum gehört wird: Werke, die sich dem schnellen Konsum verweigern, die irritieren, verstören, berühren, fordern und manchmal erst nach längerem Hinhören verstanden werden.
‹Musik unserer Zeit› war mehr als eine Radiosendung. Es war ein Resonanzraum für künstlerisches Denken, ein Ort, an dem sich Klang und Reflexion begegneten, an dem Diskurse geführt wurden, die über die Musik hinauswiesen – zu Fragen von Gesellschaft, Technik, Körper, Identität, Erinnerung, Zukunft. Für die zeitgenössische Musikszene der Schweiz bedeutete die Sendung Sichtbarkeit, Kontext, Anerkennung, kulturelle Zugehörigkeit.
Dass dieses Gefäss nun mit dem Hinweis gestrichen wird, das Publikum habe sich zurückgezogen, empfinde ich als zutiefst beunruhigend. Wenn Kulturangebote zunehmend nach ihrer Quote bewertet werden und danach, wie viele Menschen sie in einem bestimmten Moment erreichen, verschiebt sich der Massstab von Qualität zu Quantität. Doch künstlerische Relevanz lässt sich nicht in Zahlen messen. Musik, die sich dem schnellen Konsum verweigert, die reibt, irritiert und neue Wahrnehmungsräume eröffnet, ist kein Massenprodukt und darf es auch nicht sein. Wenn solche Stimmen aus dem Programm verschwinden, verarmt der öffentliche Raum. Mit ihnen geht die Fähigkeit verloren, andere Perspektiven wahrzunehmen, Widersprüche auszuhalten und Fragen zu stellen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Gerade die Friedensforschung lehrt uns, dass Vielfalt, Reibung und das Aushalten unterschiedlicher Sichtweisen Voraussetzungen für eine offene, friedliche Gesellschaft sind. Wenn Medien beginnen, nur noch das zu fördern, was sofort verstanden, konsumiert oder ‹geklickt› wird, verlieren wir diese Erfahrungsräume der Differenz. Dann wird das Gemeinsame arm, weil es das Andere nicht mehr kennt und weil jene Reibungsflächen verschwinden, an denen Wahrnehmung, Verständnis und Empathie überhaupt erst wachsen können.
Ich empfinde Ohnmacht gegenüber diesem schleichenden Abbau. Es fühlt sich an, als würde ein wichtiger Atemraum enger geschnürt. Als würde eine Stimme verstummen, die nicht laut war, aber notwendig, gerade weil sie nicht auf Beifall schielte. Ratlos macht mich, dass ausgerechnet in einem öffentlich-rechtlichen Sender, der den Auftrag hätte, kulturelle Vielfalt zu bewahren, der letzte Ort für die nicht mehrheitsfähige Musik verschwindet.
Mit der Abschaffung verschwindet nun ein seltener Reflexionsraum, in dem zeitgenössische Musik nicht nur gehört, sondern verstanden, hinterfragt und in Kontext gesetzt werden konnte. Damit geht nicht nur ein Raum für Musik verloren, sondern ein Ort des Denkens und Lernens, dessen Fehlen die Entwicklung neuer Ideen und Stimmen in der zeitgenössischen Musik langfristig erschwert.»
Quelle:
https://www.facebook.com/simone.keller1
RADIO-TIPP:
«Im Reinen» – Ein Wortkonzert von BrueckerMeisterTrauffer
Radio SRF 2 Kultur, «Musik unserer Zeit», Mittwoch, 12. November 2025, 20.03 Uhr
In diesem Spezialabend von «Musik unserer Zeit» seziert das Trio BrueckerMeisterTrauffer den Hype um Selbstoptimierung und Entgiftung. «Im Reinen» ist ein radiophones Juwel zwischen Musik und Hörspiel, das moralische Imperative hinterfragt und zum Chillen ohne Reue einlädt.
In einem kunstvollen Strudel aus Wort und Musik reist das Trio BrueckerMeisterTrauffer in die Untiefen von Körper und Seele und kreist assoziativ, verspielt und philosophisch um die Themen Selbstoptimierung und Entgiftung. Es geht um die Angst vor Schadstoffen im Hahnenwasser. Und das schlechte Gewissen, wenn eine Mango – wegen des weiten Importweges eh schon mit schlechter Klimabilanz – unbeachtet im Kühlschrank verfault. Und die Selbstvorwürfe, wenn man mal wieder antriebslos auf dem Sofa verhängt.
Die beiden Musikerinnen Anna Trauffer und Franziska Bruecker sowie der Spoken-Word-Künstler Gerhard Meister haben das Format der Wortkonzerte entwickelt, in dem Text und Musik organisch aufeinander reagieren. Die Rollen im Trio sind dabei nicht festgeschrieben: der Autor spielt mal Posaune und die Musikerinnen erzählen ebenso wortgewandt. Solche Experimente sind willkommen im Format «Musik unserer Zeit».
«Im Reinen» ist eine Koproduktion von SRF Kultur, aufgenommen im Basler Hörspielstudio.
Redaktion und Moderation: Theresa Beyer
Radio-Link:

Bild: BrueckerMeisterTrauffer – Foto: © Dominik Zietlow, https://brueckermeistertrauffer.com/fotos-pressetext-techniker/
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(*) Nachtrag vom 11.11.2025
Jetzt eingetroffen: Offizielle Antwort von SRF
«
Wie bereits im Februar kommuniziert, ist auch die Musik bei SRF Kultur von Sparmassnahmen betroffen (vgl. Medienmitteilung: «SRF 4.0»: Einsparungen in Angebot und Technologie – Medienportal – SRF). Die Details wurden in den vergangenen Monaten von Projektgruppen sorgfältig ausgearbeitet.
Der Entscheid, die Sendung «Musik unserer Zeit» per Januar 2026 einzustellen, ist nicht leichtgefallen. Doch sind solche Massnahmen unumgänglich. Unsere Analysen haben aufgezeigt, dass die Sendung «Musik unserer Zeit» beim Publikum immer auf weniger Resonanz stösst – sowohl die journalistische erste Stunde als auch das Konzert. Dazu kommt: Das Budget von SRF ist seit 2023 um 24 Millionen Franken gesunken und wird 2026 um weitere 20 Millionen Franken zurückgehen. Gründe sind insbesondere die sinkenden kommerziellen Einnahmen und die deutliche Reduktion des Teuerungsausgleichs auf der Medienabgabe – bei gleichzeitig steigenden Preisen beispielsweise für IT oder Technologie. Einsparungen in diesem Umfang können leider nicht mehr ohne Verzicht im Angebot vollzogen werden.
Wichtig: SRF wird weiterhin über zeitgenössische Musik berichten – in Zukunft vermehrt auch in publikumsstärkeren Sendungen auf SRF 2 Kultur wie etwa dem «Musikmagazin», in der Primetime am Morgen, im «Kulturplatz Talk» oder in der «Diskothek». Auch in der Sendung «Im Konzertsaal» und in der Sommer-Konzertreihe «Weltklasse» werden wir weiterhin Konzerte und Uraufführungen aus der Welt der zeitgenössischen Musik übertragen. Diese Inhalte werden ausserdem ab nächstem Jahr auf NeoMx3.ch gebündelt, um der Schweizer zeitgenössischen Musik so auch digital Sichtbarkeit zu geben.
Auch jetzt berichten wir bereits in anderen Formaten über zeitgenössische Musik und senden Konzerte, einige Beispiele aus den letzten zwei Monaten:
- Zum 100. von Luciano Berio: Diskothek und Im Konzertsaal.
- Der Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini im Musikmagazin
- Das neue Klavierkonzert von Beat Furrer, als Konzert zu hören Im Konzertsaal und Interview mit Francesco Piemontesi im Kulturplatz Talk.
- Ein Themenpaket zur Wiederentdeckung des Schweizer Komponisten Robert Oboussier: Wir haben im Kulturplatz Talk, im Musikmagazin, in einem Aktuellbeitrag zur Primetime und in der SRF NewsApp aus verschiedenen Perspektiven über dieses Thema berichtet und so wesentlich mehr Menschen (und andere Menschen, über die NewsApp insbesondere auch jüngere Zielgruppen) erreicht, als das mit «Musik unserer Zeit» möglich gewesen wäre. Das ist unser Anspruch als Service Public-Unternehmen, solche Themen zu einem grösseren Publikum zu bringen.
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(Bei ch-cultura.ch eingegangen am 11.11.2025, 10.15 Uhr)
Kommentare von Daniel Leutenegger