21. Februar 2025
ERÖFFNUNGSAUSSTELLUNG ZUM 25. JUBILÄUMSJAHR DES CDN: «LOTTI & FRIEDRICH DÜRRENMATT – MUSIK»
Ausstellung im Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN), vom 21. Februar bis am 22. Juni 2025: Die Ausstellung bildet den Auftakt der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen des Centre Dürrenmatt Neuchâtel (CDN). Sie enthüllt eine noch wenig bekannte Facette von Friedrich Dürrenmatts Werk und ist eine Hommage an Lotti Geissler, seine erste Ehefrau, auf deren Flügel mehrere Konzerte zu hören sein werden. In der Ausstellung wird auch zum ersten Mal die über 550 Titel umfassende Schallplattensammlung von Lotti und Friedrich Dürrenmatt gezeigt.

Bild: Friedrich Dürrenmatt, Das Loch im Alphorn III, 1975, Kugelschreiber auf Papier, 21 × 14 cm, Sammlung Beatrice Liechti © Centre Dürrenmatt Neuchâtel / Schweizerische Eidgenossenschaft
Wer sich seinen bildnerischen und literarischen Arbeiten über dieses Motiv nähert, trifft auf Musikerinnen und Musiker und sogar auf Opernkompositionen, an deren Realisierung er mitgewirkt hat. Ausgehend von diesen Motiven zieht die Ausstellung eine Verbindung zur umfangreichen Schallplattensammlung von Lotti und Friedrich Dürrenmatt. Sie offenbart eine Vorliebe für Bach, Brahms und Beethoven, beinhaltet aber auch Hörbücher zum Weltgeschehen, Chansons und einige Musikperlen.
Die an Hörbeispielen reichhaltige Ausstellung zeigt, dass sich nicht nur Dürrenmatt von der Musikwelt inspirieren liess, sondern sich diese ebenso von ihm, hat sie sein Werk doch auf ganz unterschiedliche Weise adaptiert.
Im Rahmen der Ausstellung finden verschiedene Veranstaltungen statt, im Besonderen eine Konzertserie in Partnerschaft mit der Haute école de musique Genf – Neuchâtel, dem Conservatoire de musique neuchâtelois und den Jardins Musicaux. Ausserdem wird die Ausstellung von einer Publikation in der Reihe Cahiers des CDN und einem Podcast begleitet.
2025 feiert das CDN seinen 25. Geburtstag
Anlässlich des 25. Geburtstags des CDN 2025 erfreut sich das Museum über Neuheiten und es finden das ganze Jahr hindurch Feierlichkeiten statt. Das Centre Dürrenmatt Neuchâtel ist ein Museum der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB), einer Institution des Bundesamtes für Kultur (BAK).
Musik als Leitmotiv
Musik taucht in Friedrich Dürrenmatts Werk auf vielfältige Weise auf: mal als Karikatur, in der hippiesk anmutende Musiker von geschniegelten Kritikern mit Speeren beworfen werden. Ob ihnen die Musik nicht gefallen hat? Mal scheinen die Zeichnungen der Musik auch eine verführerische Kraft einzuschreiben, so wenn Adolf Hitler als Flöte spielender Engel gezeigt wird. Motivgeschichtlich klingt hier die Sage vom Rattenfänger von Hameln an, der mit seinem Flötenspiel Ungeziefer anlockte.
Immer wieder übernimmt die Musik bei Dürrenmatt aber eine dramaturgische Funktion: Er selbst verglich den Aufbau seiner literarischen Werke mit den Kompositionen von Bach und Brahms. Mit «Frank der Fünfte» (1959) verfasste er sogar ein musikalisches Stück.
Seine Leidenschaft für die Musik zeigt sich in einem Brief, den er 1953 Ehefrau Lotti schrieb. Darin bekennt er reumütig, dass er das wenige Geld, das die Familie besass, nicht für den Garten ausgab, sondern für eine Schallplatte: Bachs Matthäuspassion…
Lotti Dürrenmatt Geissler
1946 lernte Friedrich Dürrenmatt die Schwester eines Studienkollegen kennen, die als Schauspielerin bekannt war. Bald heirateten die beiden. Die Rede ist von der 1919 geborenen Lotti Geissler, die zugleich Pianistin war. 1959 kaufte die Familie einen Steinway, auf dem sie zunächst in der Bibliothek und ab 1977 in einem eigens gebauten Atelier unter der zweiten Villa spielte.
Lotti war aber auch Dürrenmatts engste Lektorin und Kritikerin: Sie hielt ihn über Neuerscheinungen auf dem Laufenden, besprach mit ihm seine Stückentwürfe und begleitete ihn zu den Proben. Als der Komponist Gottfried von Einem eine Opernfassung von «Der Besuch der alten Dame» (1956) erarbeiten wollte, war es Lotti, die dem Vorhaben zustimmte und so den Grundstein für die Vertonung des Stücks legte.
Nach ihrem überraschenden Tod 1983 gab Dürrenmatt bei von Einem eine Komposition in Auftrag, die an seine erste Ehefrau und ihre Leidenschaft für die Musik erinnern sollte: «Vermutungen über Lotti. Zehn Capricen für Klavier».
Die Schallplattensammlung
Die Schallplattensammlung von Lotti und Friedrich Dürrenmatt umfasst mehr als 550 Titel, wobei ein Drittel auf die «Drei grossen B» entfällt, wie Dürrenmatt seine Lieblingskomponisten nannte: Bach, Brahms und Beethoven. Daneben gibt es eine Vielzahl von Einzelplatten, die ihn als Musikkenner ausweisen. Einige haben den Charakter von Hörbüchern und beziehen sich auf historische Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg. Andere sind dem Kabarett und dem Chanson zuzuordnen, wobei sich in der Sammlung einige berühmte Künstlerinnen finden.
Dürrenmatt entdeckte diese Platten wohl durch seine Freundschaft mit dem österreichischen Kabarettisten Helmut Qualtinger (1928–1986). Daneben finden sich Trouvaillen aus den Bereichen Jazz, Rock oder Electro und mit einigen berühmten Aufnahmen auch musikalische Perlen. Nicht zuletzt lassen sich von mehreren Platten, die auf die griechische Mythologie, die Bibel oder Figuren wie Don Quijote verweisen, Bezüge herstellen zum bildnerischen und literarischen Werk.
Antoinette Vischer
Die 1909 in Basel geborene Musikerin und Mäzenin beauftragte die bedeutendsten Komponisten ihrer Zeit, darunter Hans Werner Henze, György Ligeti und John Cage, Werke für das Cembalo zu schreiben. 1946 lernte sie den damals noch unbekannten jungen Künstler Friedrich Dürrenmatt kennen. Schon früh glaubte sie an sein Talent, organisierte Lesungen für ihn und unterstützte ihn finanziell in den mageren Anfangsjahren. Aus der Begegnung wurde eine Freundschaft. Bei Dürrenmatt und seiner Ehefrau Lotti fand Vischer auch in schwierigen Lebensphasen Unterstützung und Verständnis, wie sie 1965 in einem Brief schrieb. Gemeinsam machten sie Urlaub in Südfrankreich, wo Vischer ein Ferienhaus besass, und als sie 1966 ihre erste Schallplatte herausbrachte, schrieb Dürrenmatt den Begleittext. Ihre Platten sind Teil seiner Sammlung.
Nach ihrem plötzlichen Tod 1973 geriet die talentierte und in viele Kreise vernetzte Vischer in Vergessenheit. Ihr Nachlass befindet sich in der Paul Sacher Stiftung in Basel.
Adaptionen und Kollaborationen
Friedrich Dürrenmatt interessierte sich für Musik, aber auch die Musikwelt interessierte sich für ihn. Gemeinsam mit dem Komponisten Gottfried von Einem (1918–1996) erarbeitete er eine Opernfassung von «Der Besuch der alten Dame», die 1971 uraufgeführt wurde. Sechs Jahre später brachte er mit dem Komponisten Rudolf Kelterborn (1931–2021) seine Komödie «Ein Engel kommt nach Babylon» ebenfalls als Oper auf die Bühne.
Neben diesen Kollaborationen wurden Dürrenmatts Werke unzählige Male musikalisch adaptiert. Der preisgekrönte Komponist John Kander (*1927) veröffentlichte 2001 das Musical «The Visit», die Musiklegende George Gruntz spielte 2002 ein Jazzstück über Dürrenmatts Rede für Václav Havel ein und die Berner Band Züri West vertonte 2015 mit «Lied für Lotti» eines der wenigen Gedichte Dürrenmatts. Die Adaptionen sind so zahlreich, dass jeder Überblick kursorisch bleiben muss. Sie alle zeigen jedoch, dass Dürrenmatts Werk zur lebendigen Auseinandersetzung anregt und nach wie vor präsent ist.
Kuratiert von Julia Röthinger
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Kontakt:
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Bild: Friedrich Dürrenmatt, Der Mozartspieler, o.D., Kugelschreiber auf Papier, 21 × 29.7 cm, Sammlung Centre Dürrenmatt Neuchâtel © CDN / Schweizerische Eidgenossenschaft
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Kommentare von Daniel Leutenegger