Die am 4. Juli 1949 in Rijeka geborene jugoslawische bzw. kroatische Schriftstellerin und Journalistin Slavenka Drakulic (Bild) ist am 20. Juni 2026 gestorben. Slavenka Drakulic studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Soziologie an der Universität Zagreb. In den 1980er-Jahren war sie als Journalistin für verschiedene politische Zeitschriften (u. a. «NIN») tätig und veröffentlichte ihre ersten Bücher, die in ganz Jugoslawien erfolgreich waren. Mit ihren Texten trug sie zur öffentlichen Wahrnehmung feministischer Themen in Jugoslawien bei. In einem 1992 in der kroatischen Wochenzeitung «Globus» erschienenen Artikel wurden Slavenka Drakulic sowie vier weitere kroatische Schriftstellerinnen (Rada Ivekovic, Vesna Kesic, Jelena Lovric und Dubravka Ugrešic) wegen ihrer feministischen und gegenüber dem autoritären Regierungsstil des damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudman kritischen Haltung als Landesverräterinnen verunglimpft. Ab den 1990er-Jahren schrieb Drakulic als Journalistin auch für internationale Tageszeitungen und Zeitschriften, darunter für die «Süddeutsche Zeitung», sowie regelmässig für die kroatische Zeitung «Jutarnji list». Slavenka Drakulic war eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Kroatiens; ihre Romane und Sachbücher wurden in viele Sprachen übersetzt, acht davon bisher ins Deutsche. (*)

Bild: Slavenka Drakulic, 2016 – Foto: De Balie, https://www.youtube.com/watch?v=v1TsgWaornQ – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en – Date: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Slavenka_Drakuli%C4%87_(2016).jpg
Slavenka Drakulic, Croatian writer, dies aged 76
Slavenka Drakulic, the Croatian writer and journalist whose essays illuminated women’s lives under communism, the banality of war criminals in the former Yugoslavia and the resurgence of nationalism in Europe, has died aged 76.
An astute observer of life behind the Iron Curtain, Drakulic made her name with work that joined political analysis to the intimate texture of daily existence. She wrote about ideology not as abstraction but as something felt in kitchens, wardrobes and courtrooms.
Born on July 4 1949 in Rijeka, Croatia, then part of socialist Yugoslavia, Drakulic became one of central and eastern Europe’s most widely read essayists. Her work moved between journalism, fiction and memoir, but was united by a persistent interest in the ways large systems — communism, nationalism, patriarchy, war — entered private life.
Valentina Pop
https://www.ft.com/content/3cb0d8a2-8cc8-4131-b7da-0f6551f2d413?syn-25a6b1a6=1
Dear Slavenka, all quiet on the Western Front!
In memoriam: Remembering Slavenka Drakulic, the author who taught us to recognise politics, patriarchy, and truth in everyday life
I know people are constantly leaving, but there are some losses I never quite manage to come to terms with. It is a strange thing. Often, these are not people I knew personally, nor even people I was especially close to. They are people I encountered for years through their books, interviews, articles, and public appearances, building a kind of imagined intimacy with them. Slavenka Drakulić has died, and she was certainly one of those people. Just like Dubravka Ugrešic. Or Mira Furlan. Sometimes I think this is the only way one can truly connect with the world: through someone’s views, ideas, thoughts, an inner world you do not know at all, yet one that resembles your own, giving you a spark of hope that you are not alone after all. That someone else thinks in a similar way and struggles to make this world we live in appear, at least for a moment, different. Better. More contemporary. More truthful.
Jordan Cvetanovic
https://vogueadria.com/in-memoriam-slavenka-drakulic
Muere Slavenka Drakulic, la escritora que convirtió la experiencia íntima en una forma de entender la historia
La autora y periodista fue pionera del feminismo en Europa del Este y deja un legado fundamental para entender los Balcanes en su época más traumática en la época moderna
Miguel Roán
L’écrivaine Slavenka Drakulic est morte à 76 ans
Pionnière du combat féministe dans la Yougoslavie communiste, la romancière et essayiste croate s’est éteinte samedi. Son œuvre, traduite en plus de 20 langues, explorait le destin des femmes et les cicatrices de la guerre.
https://www.24heures.ch/slavenka-drakulic-lecrivaine-croate-est-morte-a-76-ans-494224382312
Zu gut, um ignoriert zu werden
Die Kroatin Slavenka Drakulic war eine der bekanntesten Autorinnen Südosteuropas und gehörte zu den führenden weiblichen Intellektuellen der Region.
Sie hatte Erfolg, und sie hat nie so getan, als ob ihr das nicht wichtig wäre: gelesen, gehört, zur Kenntnis genommen zu werden. Eine junge Leserin schickte ihr einmal ein Foto vom Schaufenster einer Buchhandlung in Prag, in dem eines ihrer Bücher neben Werken von Milan Kundera, Václav Havel und Franz Kafka stand. Natürlich freute sie sich darüber.
Über einen Mangel an Aufmerksamkeit konnte sich die 1949 geborene Slavenka Drakulic schon seit Jahrzehnten nicht mehr beklagen, sie flog ihr zu. Weil sie etwas zu sagen hatte. „Sie war einfach zu gut, um ignoriert werden zu können“, heißt es in einem der vielen Nachrufe, die dieser Tage in kroatischen Medien erschienen. „Slavenka war für uns, die Kinder der Sechzigerjahre, die erste weibliche intellektuelle Figur im öffentlichen Leben dieser Region, die sich nicht zwischen Ernsthaftigkeit und Körperlichkeit entscheiden musste. Zwischen Intellekt und Verletzlichkeit. Zwischen Theorie und autobiografischem Bekenntnis“, ist in einem Text zu lesen, in dem auch etwas von der Selbstverständlichkeit anklingt, mit der Slavenka Drakulic den öffentlichen Raum für sich in Anspruch nahm.
Michael Martens
Die intellektuell Mitfühlende
Es war die Zeit, als Slavenka Drakulic in Kroatien als Landesverräterin beschimpft wurde, weil sie immer wieder als Feministin öffentlich hervortrat, zum Beispiel mit dem Buch „Die Todsünden des Feminismus“, mit dem sie bekannt wurde, und weil sie den autoritären Regierungsstil des damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudman kritisierte; aber eben auch die Zeit, als die jugoslawischen Kriege schon ein Jahr im Gange waren.
Slavenka Drakulic schrieb da im Februar 1992 im amerikanischen „Time Magazine“ einen Artikel darüber, wie wenig sie als Kroatin damit anfangen konnte, nach der Unabhängigkeitserklärung Kroatiens und dem Krieg mit der jugoslawischen Volksarmee auf ihre nationale Zugehörigkeit reduziert zu werden. Zumal sie immer auch die historischen Untaten der Kroaten an den Serben im Blick hatte.
Gerrit Bartels
Blick durch die Glasscheibe – Slavenka Drakulic hatte die Kraft und das Können, das Böse auszuloten, das sich im Jugoslawien-Krieg entfaltete
Slavenka Drakulic besass in den neunziger Jahren den Mut, sich gegen den aufgepeitschten Nationalismus zu stellen, der Kroatien erfasst hatte. Ihre Reportagen über die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag sind eminent bedeutsam.
Als Verfasserin halb fiktionaler Romane über das Schicksal von ebenso begnadeten wie geschundenen Frauen im Reich der Kunst und der Wissenschaft (wie Frida Kahlo, Dora Maar und Mileva Einstein) hat sich die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulić weltweit einen Namen gemacht.
In die Literaturgeschichte indes wird sie eingehen als unerbittliche Aufklärerin über die Abgründe des Kommunismus und hellsichtige Zeugin jenes Grauens, welches das 1989 neu geborene und von den Geistern der Vergangenheit scheinbar erlöste Europa als atavistische Erinnerung an die unbändige Macht des Bösen in den Kriegen um das Erbe des sozialistischen Vielvölkerstaates Jugoslawien heimsuchte.
Am vergangenen Samstag ist Slavenka Drakulic in Sovinjak im Alter von 76 Jahren gestorben.
Andreas Breitenstein
Videos:
Slavenka Drakulic on freedom during Re Creating Europe
Croatian Author Slavenka Drakulic Reflects on Balkan War Crimes
Мислити з Україною: відкрита лекція Славенки Дракуліч
Mehr:
https://openlibrary.org/authors/OL32985A/Slavenka_Drakuli%C4%87
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=115770674
https://www.imdb.com/de/name/nm5363783/
https://en.wikipedia.org/wiki/Slavenka_Drakuli%C4%87
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/Slavenka_Drakuli%C4%87
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Kommentare von Daniel Leutenegger