14. März 2026
DER DEUTSCHE PHILOSOPH UND SOZIOLOGE JÜRGEN HABERMAS IST GESTORBEN
Der am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geborene deutsche Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas (Bild) ist am 14. März 2026 in Starnberg gestorben. Er zählte zur zweiten Generation der Frankfurter Schule und war zuletzt Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main. Habermas ist einer der weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart. In der akademischen Fachwelt wurde er durch Arbeiten zur Sozialphilosophie mit diskurs-, handlungs- und rationalitätstheoretischen Beiträgen bekannt, mit denen er die Kritische Theorie auf einer neuen Basis weiterführte. Neben den fachspezifischen Diskursen engagierte sich Habermas öffentlich in aktuellen politischen Debatten z.B. über die Eugenik, die Religion, die Verfassung Europas, die Pandemie-Massnahmen und die Waffenlieferungen an die überfallene Ukraine. (*) Habermas hat mehr als 50 Bücher veröffentlicht.

Bild: Jürgen Habermas, 2008 – Foto: Wolfram Huke, http://wolframhuke.de – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JuergenHabermas_crop1.jpg?uselang=de#/media/File:JuergenHabermas.jpg
Niemand verstand die Bundesrepublik wie er
Jürgen Habermas war der einflussreichste deutsche Denker seit 1945, bis zuletzt stürzte er sich mit Leidenschaft in jede Debatte. Erinnerungen an einen, der immer schlauer war als seine schlauesten Kritiker.
Tobias Rapp
Er galt als einer der einflussreichsten Denker der Gegenwart
Mit seinen Arbeiten zur Theorie der Öffentlichkeit und zum kommunikativen Handeln prägte er die politische Philosophie und Demokratietheorie weltweit. Seine Texte wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und international breit rezipiert.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz würdigten Habermas. Steinmeier schrieb: «Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat.» Merz sagte: «Deutschland und Europa haben einen der bedeutendsten Denker der Gegenwart verloren. Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs.»
DIE ZEIT, voi , vha
https://www.zeit.de/feuilleton/2026-03/juergen-habermas-ist-tot
Philosoph Habermas – streitbar, meinungsstark, wirkmächtig
Als Person blieb er (…) beinahe unsichtbar, er hat die Bild- und Tonmedien stets gemieden. Er sei ein „bedauernswert seriöser“ Mensch, erklärte Hans Magnus Enzensberger einmal. Und der Kulturwissenschaftler Philipp Felsch sieht in „seiner unpersönlichen Diktion und seinem paraphrasierenden Schreibstil“ den postmodernen „Tod des Autors“ verwirklicht. Jürgen Habermas wäre wohl nicht der über alles nachdenkende Theoretiker gewesen, hätte er sich nicht auch dazu eine Antwort überlegt: „Der Denker als Lebensform, als Vision, als expressive Selbstdarstellung, das geht nicht mehr.“
dpa/epd/säd/doli
Er verteidigte die Vernunft – auch, als es vergeblich schien
Als scharfsinniger Denker, glänzender Essayist und begnadeter Polemiker hat Jürgen Habermas die gesamte Geschichte der Bundesrepublik begleitet und in Atem gehalten.
Der Maulwurf hat in der Ideengeschichte eine erstaunliche Präsenz. Kant argwöhnte noch, er würde blindlings und vergebens nach den Schätzen der Vernunft graben. Bei Hegel hingegen fördert er den Fortschritt, bei Marx die Revolution zutage. Und bei Jürgen Habermas schließlich ist er das „nützliche“ Tier, das „den schönen Rasen zerstört“.
Auch wenn Habermas, als er diese humorvolle Wendung der Maulwurf-Metapher schrieb, den Intellektuellen und Filmemacher Alexander Kluge adressierte, so passt diese Zuschreibung auch auf ihn selbst und sein enormes, allein 43 Monografien und Essaybände umfassendes Werk.
Kaum ein philosophisches und sozialwissenschaftliches Theoriegebiet, das er nicht bearbeitete, zu dem er nicht eine eigene Theorie entwickelte, kaum ein gesellschaftlich relevantes Thema, zu dem er sich nicht streitbar, aber stets diskursiv äußerte, bis – um im Bild zu bleiben – keine Rasenfläche unversehrt blieb.
Regina Kreide
Öffentlichkeit als Lebenselixier
Dass die Öffentlichkeit für die Demokratie das Lebenselixier ist, lernte man in den 1960ern. Zum antifaschistischen Credo suchte Habermas fortan die demokratietheoretische Fundierung: Wir müssen öffentlich miteinander diskutieren, streiten und aufpassen, dass dieser Raum nicht zerstört wird – weder durch wirtschaftliche Interessen und kapitalistische Sachzwänge noch durch staatliche Übergriffe oder dezisionistische Politiken. „Reden, was sonst?“ war fortan seine Antwort auf die Frage: „Was tun?“
Jörg Später
https://taz.de/Nachruf-auf-Juergen-Habermas/!6088782
Der Mann einer ganzen Epoche
In seinen letzten Wortmeldungen fand er zu den pessimistischen Tönen zurück, die seine ersten Publikationen geprägt hatten. 1929 in eine typisch bürgerliche Familie hineingeboren – der Vater Geschäftsführer der Kölner Industrie- und Handelskammer, der Großvater Theologe –, erlebte Jürgen Habermas die Herrschaft der Nationalsozialisten und die Gräuel des Krieges im Kindesalter. Beinahe wäre er noch selbst zur Wehrmacht eingezogen worden. Von dieser Bundesrepublik, die in gesellschaftlicher Kontinuität zu den Jahren 1933-1945 stand, war zu befürchten, dass sie nicht davor gefeit war, die Verbrechen zu wiederholen, die von den Verantwortlichen nur langsam und zurückhaltend aufgearbeitet wurden.
Oliver Weber
Der Sturmvogel
Bis zum Schluss konnte sich Jürgen Habermas über „verzwergte politische Eliten“ aufregen, auch wenn der Philosoph da längst Weltruhm hatte. Nachruf auf einen großen Aufklärer.
Willi Winkler
Liberale Soziologe und streitbare Gesellschaftstheoretiker
Am Ende ist sein dem Denken der Demokratie gewidmetes Leben selbst so etwas wie eine Sinnressource geworden: ein Exempel eines gelungenen Lebens in Freiheit und unter dem Anspruch einer Vernunft, die in seinen späten Jahren durch die Weltereignisse geradezu epochal dementiert wurde. Vor den Grausamkeiten eines Wladimir Putin zeigte sich Habermas weitgehend ratlos. Das sich dabei suchende Europa aber hat in seinem Werk mehr denn je eine herausragende Quelle.
Bert Rebhandl
https://www.derstandard.at/story/3000000312494/juergen-habermas-im-alter-von-96-jahren-gestorben
Was bleibt vom vielleicht letzten öffentlichen Intellektuellen?
Was dürfen wir uns von einem großen Philosophen erwarten? Journalisten haben oft eine besonders schlichte Vorstellung davon: Sie wollen zum Telefon greifen und eine Stimme der Vernunft vernehmen, die zu jedem aktuellen Debattenthema etwas Fundiertes zu sagen hat und in allen Wirrnissen unserer Zeit souverän den Überblick bewahrt. Oft wird geklagt, dass es sie kaum noch gäbe, die engagierten öffentlichen Intellektuellen, die sich verlässlich zu Wort melden und weise den Weg weisen, statt in einem akademischen Paralleluniversum über neuscholastische Spitzfindigkeiten zu grübeln. Und heute klagen wir besonders laut, dass mit Jürgen Habermas der letzte dieser medial verwertbaren Meisterdenker von uns gegangen ist, mit 96 Jahren in seinem Alterssitz Starnberg bei München. Aber das ist ein Missverständnis.
Karl Gaulhofer
https://www.diepresse.com/20677789/zum-tod-von-juergen-habermas-er-wollte-nur-ein-mitstreiter-sein
Von der Freiheit, die Vernunft zu gebrauchen
Habermas steht für ein Denken, das die Moderne als konsequentes Weiterführen einer nicht vollendeten Aufklärung versteht.
Jürgen Habermas gehört zum erlesenen Kreis von Philosophen, die als Weltautoren gelten dürfen. Besonders aussergewöhnlich ist, dass er diesen Ehrentitel bereits zu Lebzeiten erworben hat. Worauf ist diese Ausnahmestellung zurückzuführen? Sie erklärt sich aus der Formulierungskraft seiner Essays, ihrer den Stundenschlag treffenden Stichworte zum Zeitgeschehen, aber mehr noch hat der herausragende Status seinen Grund darin, dass sein Denken von einer Idée fixe in Bewegung gehalten wird: der Idee der vernünftigen Freiheit und der öffentlichen Vernunft.
Stefan Müller-Doohm
Er war ein Philosoph von Weltformat
Bis ins hohe Alter war Jürgen Habermas produktiv. In seinen Werken wandte er sich gegen postmoderne Beliebigkeit ebenso wie gegen Dogmen.
Zum 80. Geburtstag im Jahr 2009 stand auf der Titelseite der «Zeit» in übergrossen Lettern «Weltmacht Habermas». Um Weltmacht ging es dem grossen Philosophen aber nicht. Seine weltweite Anerkennung mit Macht zu verwechseln, zeugt von einem Missverständnis seines Werks. Dieses stand von Anfang an zwei Anfeindungen gegenüber. Einer politisch motivierten von rechts und einer philosophischen von links. Konservative Autoren charakterisierten Habermas während vieler Jahre als Opportunisten und Meister des «Dabeiseins beim Dagegensein».
Von linker Seite bezichtigten ihn Erbschaftsverwalter der Kritischen Theorie des Verrats an Adornos Erbe, weil Habermas sein eigenes Denken nicht sterilisierte und in die Sackgasse der «Negativen Dialektik» mit ihrem «rabenschwarzen Totalitätsdenken» (Habermas) steuerte, sondern offen hielt. Jürgen Habermas verabschiedete sich von Adornos assoziationsreichen und spekulativ aufgeladenen Metaphern, mit denen dieser für die Philosophie einen Rest von privilegiertem Status behauptete.
Rudolf Walther
https://www.tagesanzeiger.ch/juergen-habermas-ist-tot-philosoph-starb-mit-96-jahren-954348338946
Sein Ruf nach Verständigung bleibt
Habermas war kein Philosoph aus dem Elfenbeinturm. Er mischte sich zeitlebens in öffentliche Debatten ein. Ob Kriegseinsätze, Bioethik oder Europapolitik, was immer auf der politischen Weltbühne geschah: Habermas nahm Stellung, kommentierte, kritisierte. Mit diesem Engagement lebte er vor, was er in seiner Theorie fordert: eine lebendige, öffentliche Debatte. Ein Ringen um die besten Argumente. Eine Verständigung über Gräben hinweg.
Yves Bossart

Bild: Jürgen Habermas – Foto: Európa Pont, https://www.flickr.com/people/57277449@N07 – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en – Datei: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Habermas10_(14298469242).jpg
Jürgen Habermas Dies at 96; One of Postwar Germany’s Most Influential Thinkers
For over half a century and in dozens of books, Mr. Habermas bucked the prevailing trend of postmodern cynicism about truth and reason, offering a staunch defense of Enlightenment ideals and the possibility of individual and societal freedom.
Gal Beckerman
https://www.nytimes.com/2026/03/14/books/jurgen-habermas-dead.html
Habermas’s political consensus-building theory argued formation of public opinion vital for democracies to survive
Habermas, a towering figure in the intellectual history of postwar Germany, is best known for his theory of political consensus-building. Widely considered one of most influential philosophers of the 20th century, he also helped to shape the discourse around European integration and the formation of the EU.
In spite of his background in the neo-Marxist Frankfurt school and his reputation as a court philosopher of the Social Democratic party, his influence cut across party lines. German chancellor, Friedrich Merz, of the conservative Christian Democratic Union, described him as “one of the most significant thinkers of our time”. “His analytical acuity shaped democratic discourse far beyond our country’s borders and served as a beacon in a stormy sea,” Merz said in a statement. “His voice will be missed”.
Donna Ferguson and Philip Oltermann
Muere a los 96 años Jürgen Habermas, el gran filósofo de la Europa democrática
Era la conciencia de la Alemania contemporánea, el “sismógrafo moral de la República Federal”, el último de los filósofos alemanes de un siglo de catástrofes y esperanzas. Jürgen Habermas, que en vida recibió todos estos calificativos, ha muerto este sábado en el municipio bávaro de Starnberg. Tenía 96 años. Con el autor de Teoría de la acción comunicativa y difusor del concepto del patriotismo constitucional, desaparece una figura capital en los debates que han atravesado su país y Europa desde la posguerra mundial. Habermas, marcado como tantos de su generación por su infancia y juventud bajo el nazismo, fue un intelectual público en una era de descrédito de los intelectuales, un europeísta pesimista en sus últimos días sobre el proyecto europeo.
Marc Bassets
https://elpais.com/cultura/2026-03-14/muere-el-filosofo-aleman-jurgen-habermas-a-los-96-anos.html
Jürgen Habermas è morto, il filosofo tedesco aveva 96 anni
Esponente di spicco della Scuola di Francoforte, Jürgen Habermas è stato l’intellettuale tedesco più influente della sua generazione, coinvolto in tutti i grandi dibattiti del dopoguerra: è stato il grande profeta dell’unità dell’Europa, in cui vedeva un modello da contrapporre all’ascesa dei nazionalismi. Ha dedicato i suoi ultimi anni alla promozione di un progetto federale europeo, per evitare che il Vecchio Continente ricadesse, come nel XX secolo, nelle rivalità nazionaliste.
Habermas è stato, insieme a Gunter Grass e Hans Magnus Enzensberger, uno dei tre membri più eminenti di una generazione di intellettuali che hanno alimentato numerosi dibattiti nel corso della storia della Repubblica Federale Tedesca.
Ilaria Zaffino
https://www.repubblica.it/cultura/2026/03/14/news/jurgen_habermas_morto_filosofo_tedesco-425221556
Mort du philosophe allemand Jürgen Habermas, la voie de la raison
Avec Jürgen Habermas disparaît l’un des plus importants philosophes du XXe siècle, mais également un intellectuel actif, intervenant, comme Bertrand Russell, Sartre, Pasolini, Foucault ou Bourdieu, sur toutes les questions politiques, sociales, morales, bioéthiques, qui forgent ou déchirent l’opinion publique, et représentant une sorte de «conscience de gauche» de l’Allemagne, hier confrontée à un passé qui «ne passait pas» et devenue aujourd’hui puissance maîtresse de l’Europe.
Robert Maggiori
Jürgen Habermas, philosophe allemand, intellectuel combatif et esprit encyclopédique, est mort à l’âge de 96 ans
Ce théoricien, qui n’hésitait pas à intervenir dans le débat public, fut un des premiers à harmoniser la tradition analytique anglo-saxonne, axée sur la logique et la langue, et la tradition continentale, centrée sur les idées.
Avec le décès de Jürgen Habermas disparaît un des rares contemporains que l’on pouvait, sans hésiter ni galvauder le terme, qualifier de philosophe. Il cultivait une conception qu’il appelait «faillibiliste» de sa discipline, dans une ère estimée par lui comme «post-métaphysique» où la philosophie devait viser une vérité non systématique, accepter ses erreurs et se soumettre à de constantes révisions.
Nicolas Weill
Décès de Jürgen Habermas, philosophe engagé de la démocratie
Tout au long de sa vie, Habermas a lié philosophie et politique, pensée et action. Après avoir été le porte-voix de la contestation étudiante allemande dans les années 60, il en devient la cible trente ans plus tard, ayant dénoncé les risques d’un supposé «fascisme de gauche» pour l’Etat de droit. En 1989, il critique les modalités de la réunification allemande, essentiellement guidée par les exigences du marché, et qui fait «du Deutsche Mark son étendard».
cab avec ats
Audios / Videos:
Fernsehen SRF, «Sternstunde Philosophie», 23.06.2019
Jürgen Habermas: Wie geht Demokratie?
Jürgen Habermas Interview, 2007
Jürgen Habermas: «Zum Verhältnis von Philosophie und Politik“, 2014
«Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit» – Vortrag von Jürgen Habermas, 2019
Deutschlandfunk: Zum Tod von Jürgen Habermas – Ein Leben für den Diskurs
Mehr:
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/person/gnd/118544209
https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=118544209
https://www.perlentaucher.de/autor/juergen-habermas.html
https://www.imdb.com/de/name/nm7601685
https://www.habermasforum.dk/online-texts/articles-by-jurgen-habermas-
https://plato.stanford.edu/entries/habermas
https://en.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Habermas
(*) https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Habermas
#JürgenHabermas #CHcultura @CHculturaCH ∆cultura cultura+
Kommentare von Daniel Leutenegger