Ausstellung im Haus für Kunst Uri, Altdorf, vom 12. September bis am 22. November 2026

Bild: Marwa Arsanios – Foto: © Mariam Mekawi
Mit «The Land Shall Not Be Owned» wird in Altdorf die erste institutionelle Einzelausstellung von Marwa Arsanios in der Schweiz gezeigt. Die international renommierte Künstlerin und Filmemacherin lebt zwischen Beirut und Berlin. Ausgehend von der Geschichte von gemeinschaftlich genutztem Land (Commons oder Allmende) in der Levante, liegt der Fokus ihrer künstlerischen Arbeit in den letzten zehn Jahren auf verschiedenen Bewegungen, die für die Rückeroberung ihres Landes kämpfen. Die Fragen, wer Zugang zu Land hat und dieses nutzen kann, sind dabei gerade in Zeiten der rasanten Veränderung von Landschaft – etwa durch den Klimawandel, Kriege, Infrastrukturprojekte oder landwirtschaftliche Monokulturen von Grosskonzernen – mehr denn je aktuell.
Die Ausstellung zeugt von Marwa Arsanios’ Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Die Künstlerin arbeitet oft kollaborativ und entwickelt Filme, Zeichnungen, Textilarbeiten oder Installationen. Eine Auswahl von ihren Werken, die seit 2017 entstanden sind, sind nun im Haus für Kunst Uri zu sehen. Der Ausstellungstitel lässt sich auf Deutsch mit «Das Land darf nicht besessen werden» übersetzen. Er liest sich nicht zufällig wie ein Manifest. Die Verbindung zum Kanton Uri liegt auf der Hand: Die Mehrheit der Weiden, Wälder, Alpen und Wege gehört der Korporation Uri und der Korporation Ursern, die die kollektive Landnutzung regeln und verwalten. Der Zugang zu den Korporationen ist an das Bürgerrecht gekoppelt, der Bürger war lange Zeit ausschliesslich ein männlicher Bürger. Mit «The Land Shall Not Be Owned» öffnet Marwa Arsanios den Horizont. «Wenn wir an Land als Eigentum denken», schreibt sie, «dann kommen mir als Erstes die unsichtbaren Lebewesen in den Sinn, die im Boden und unter der Erde leben, zum Beispiel die Bakterien.» (*)
In der Ausstellung zeigt Arsanios, wie alternative Formen der Landnutzung in der Gegenwart funktionieren können und wie das Verhältnis zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und Land anders imaginiert werden könnte.
Das Herzstück von «The Land Shall Not Be Owned» bilden die fünf Filme von «Who Is Afraid of Ideology?» Die Filme sind das Resultat von zeitintensiven Recherchen und Reisen, die Marwa Arsanios in den kurdischen Gebieten im Irak und in Syrien, im Libanon und in Kolumbien unternommen hat. In den Bergen der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak zeigt sie Aktivistinnen und Kämpferinnen der kurdischen Frauenbewegung, deren Selbstverteidigung, ihr Kampf für (auch ein kulturelles) Überleben immer auch im Kontext insbesondere der Berge passiert. Im Dorf Jinwar (‘Ort’ oder ‘Land der Frauen’) in Rojava filmt die Künstlerin den Alltag der kurdischen Frauen: ihre Arbeit für ökologische Selbstverwaltung und basisdemokratische Entscheidungsprozesse. In Kolumbien portraitiert sie indigene Bäuerinnen, die sich gegen die Landbewirtschaftung von Grossgrundbesitzer:innen und Konzernen wehren. Im Libanon verortet Marwa Arsanios den Versuch einer landwirtschaftlichen Genossenschaft, einen privaten Steinbruch in kollektiv genutztes Land umzufunktionieren in den juristischen und historischen Konditionen der Region. Im fünften und phantastischen Teil der Filmserie dehnt die Künstlerin ihre Überlegungen auf das Wegerecht für Tiere aus: durch unsere Träume und durch Grundstücke.
Der Begriff der Ideologie ist in diesem Kontext positiv gedeutet, birgt aber auch Provokation in sich. Wer fürchtet sich vor Weltanschauungen, die sich gegen ausbeuterischen Umgang mit Land und Ressourcen und gegen auf Profit ausgerichtete landwirtschaftliche Monokulturen richten? Wer fürchtet sich vor Wertvorstellungen, die auf einem nachhaltigen Zusammenleben in fragilen Ökosystemen, auf Sensibilität gegenüber dem Wissen indigener Menschen oder auf der Prämisse beruhen, dass Land nicht Eigentum sein kann?
Marwa Arsanios befragt mit «Who Is Afraid of Ideology?» auch das Medium Film an sich. Die Filme sind durchaus dokumentarisch (ausser dem fünften Teil), haben aber keinen umfassenden Wahrheitsanspruch. Sie stehen in der Tradition der kritischen Auseinandersetzung mit Fotografie und Film, deren Entstehung und Verbreitung eng mit dem westlichen Anspruch, die Welt ‘objektiv’ zu dokumentieren und zu kategorisieren, verbunden ist.
Zeichnungen und Textilarbeiten ergänzen und erweitern die fünf Kapitel von «Who Is Afraid of Ideology?» Als Ganzes öffnet die Ausstellung einen Raum für Möglichkeiten, Ideen, Utopien oder Ideologien, mit denen an den oftmals westlichen oder imperialen Vorstellungen von Land gerüttelt wird. Marwa Arsanios zeigt den Besuchenden gelebte Versuche, Land und seine Nutzung radikal basisdemokratisch zu verwalten, von den widerstandsfähigen Pflanzen zu lernen oder altes ökologisches Wissen zu verteidigen.
Im Vermittlungsraum (Dachstock) schafft das Gemälde «Göscheneralp» (1922) von Heinrich Danioth einen Bezug zur historischen Landschaft des Kantons Uri und zu einem massiven Eingriff in diese Landschaft: Durch ein Infrastrukturprojekt für die Stromproduktion wurden 1962 die damaligen 60 Bewohner:innen der Göscheneralp mit ihren Tieren zwangsumgesiedelt. Das Ölgemälde von Danioth und die ergänzenden Fotografien aus dem Bildarchiv der ETH zeigen eine Landschaft, die es so heute nicht mehr gibt.
Die Ausstellung ist kuratiert von Agustin Pérez Rubio (freier Kurator und Kunsthistoriker, Madrid) und Gioia Dal Molin (Direktorin Haus für Kunst Uri).
hfk
(*) «If one thinks of land as the object of ownership, then the first thing that comes to mind is the invisible creatures that live in the soil and underground, such as bacteria.» In: Marwa Arsanios, «Who’s Afraid of Ideology?», in: War-torn Ecologies, An-Archic Fragments. Reflections from the Middle East. Hrsg. von Umut Yildrim. Berlin 2023. S. 67.
Kontakt:
https://www.hausfuerkunsturi.ch/ausstellungen/aktuell/
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Kommentare von Daniel Leutenegger