9. Mai 2026
«NEUE WILDNIS»
Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, bis am 23. August 2026

Bild: «Towards a Vital Milieu», 2025, © Johanna Just
Im urbanen Umfeld macht sich zunehmend eine Spontanvegetation breit, die jede verfügbare ökologische Nische nutzt, um ein ungezähmtes Leben zu führen: Kräuter zwischen Pflastersteinen, seltene Pflanzen auf Brachen, wilde Gewächse und nicht heimische Arten entlang von Bahngleisen oder Autobahnen.
Das Gewerbemuseum Winterthur rückt die einzigartigen Qualitäten dieser besonderen Art von Natur in den Fokus und zeigt das Potenzial solcher Stadtlandschaften auf.

Bilder: Ausstellungsansichten «Neue Wildnis», Gewerbemuseum Winterthur – Fotos: © Michael Lio, 2026

Überraschende Kräuter, die zwischen Pflastersteinen wachsen, Pionierbäume auf brachliegenden Grundstücken, seltene Pflanzenarten auf ungenutztem Ödland, wilde Gewächse entlang der Bahngleise, nicht heimische Arten, die sich an den Rändern der Autobahnen ausbreiten: Die Menschen sind in ihrem urbanen Umfeld von einer Spontanvegetation umgeben. Diese besondere Art von Natur verdient es heute, nicht nur für ihre einzigartigen Qualitäten gewürdigt, sondern auch gefördert zu werden. Sie bietet das Potenzial, einen hoffnungsvollen Ansatz für die heutigen Stadtlandschaften und Lebenswelten zu entwickeln, der sowohl ökologisch bewusst als auch frei von Nostalgie ist.
Die Ausstellung «Neue Wildnis» präsentiert ausgewählte Projekte aus Landschaftsarchitektur, Forschung und Ökologie, die mit innovativen Perspektiven eine neue Wildnis fördern und ein zukunftsweisendes Verständnis von Stadtnatur teilen.
Unkraut oder wilde Stadtlandschaft?
Diese neue Wildnis wird in der Regel ignoriert oder dann als Unkraut betrachtet. In ihrem Projekt «Cohabitat» porträtiert Franziska Klose städtische Pflanzen und ihre vielfältigen Lebensräume. Sie erkundet die Natur als vernetzten Organismus und die Stadt als Habitat für vielfältige Arten. Auf Verkehrsinseln, Baustellen und Dächern, aber auch in Blumenbeeten und Gemeinschaftsgärten findet sich eine überraschend hohe Artenvielfalt, die sogar grösser ist als in ländlichen Kulturlandschaften.
Dass eine solche wilde Vegetation auch aktiv gefördert werden kann, zeigt die Abteilung Ökologie und Freiraumplanung der Stadt Winterthur mit dem Projekt «Stadtwildnis». Dieses leistet einen Beitrag zu einer grösseren Vielfalt von Biotopstrukturen, die sich dem städtischen Klima anpassen und die Biodiversität fördern. Neben ihren visuellen Qualitäten verströmen diese Pflanzen auch überraschende Düfte. Die Landschaftsarchitektin Fanny Brandauer lädt mit «Scent Lab» dazu ein, diese zu entdecken.

Bild: «Insektenautobahn», Überlandpark Zürich, 2025, Krebs und Herde Landschaftsarchitekten © Amt für Städtebau Zürich – Foto: Juliet Haller
Autobahnen und andere antropogene Landschaften
Die «Autobahn für Insekten» im Überlandpark in Zürich-Schwamendingen der Landschaftsarchitekten Krebs und Herde zeigt, wie selbst die künstlichste Umgebung einer Autobahnüberdachung in eine ökologische Infrastruktur für Wildbienen, Spinnen und Käfer verwandelt werden kann.
Die Architektin und Postdoktorandin Johanna Just untersucht in ihrer Doktorarbeit «Towards a Vital Milieu», wie die hochgradig technisierte Landschaft der Oberrheinischen Tiefebene im Laufe der Zeit eine dynamische Umgebung geschaffen hat, in der neue Formen der Wildnis entstehen können.

Bild: Aufnahmen Wildtierkamera im Miyawaki-Wald in Rapperswil, 2025 © ILF Institut für Landschaft und Freiraum, Team ÖPfl Ökologie und Pflanzenverwendung Rapperswil
Einheimische und nicht heimische Pflanzen und Bäume
Auf dem Campus der Landschaftsarchitekturschule in Rapperswil-Jona pflanzen und pflegen Studierende einen Miyawaki-Wald. Dieses didaktische Experiment soll natürliche Prozesse beschleunigen, indem es einen winzigen Wald von Grund auf neu anlegt. Damit werden gängige Vorurteile über die Pflege und die Mischung einheimischer und nicht heimischer Baumarten hinterfragt. Unsere ambivalente Beziehung zu nicht heimischen Pflanzen wird auch von der Landschaftsarchitektin Céline Baumann thematisiert, die mit der Collage «Trial of Invasives» unsere Beziehung zur fremden Natur hinterfragt und den Begriff des Eingreifens selbst in Frage stellt.
Stadtökologie-Bewegung
In der Dokumentation «Natura Urbana» untersucht der Geograf Matthew Gandy die «andere Natur», die in brachliegenden städtischen Räumen gedeiht. Im Kontext West-Berlins nimmt deren Bedeutung die Rolle des Vorreiters für die Entwicklung des Fachgebiets der urbanen Ökologie ein. West-Berlin ist dabei aufgrund seiner aussergewöhnlichen Geschichte der vergangenen achtzig Jahre ein Wegbereiter für die Etablierung der urbanen Ökologie als neues Fachgebiet.
In der Schweiz übernahm die Naturgartenbewegung der Nachkriegszeit eine Vorreiterrolle innerhalb der Stadtökologie und der pionierhaften Erforschung urbaner Lebensräume.

Bild: Biotopstruktur im Stadtgarten Winterthur, 2025, Stadtwildnis Winterthur © Michael Wiesner, Stadtgrün Winterthur
Die Ausstellung erlaubt mit bisher unveröffentlichten Originalplänen und Archivdokumenten aus dem Schweizerischen Archiv für Landschaftsarchitektur einzigartige Einblicke in diese Bewegungen.
Abgerundet wird «Neue Wildnis» mit der Präsentation von Präparaten aus Fauna und Flora aus der Sammlung des Naturmuseums Winterthur: von Rosskastanien-Keimlingen über Wildbienen bis zum Alpensegler.
Mit Projekten und Leihgaben von:
- Archiv für Schweizer Landschaftsarchitektur, Rapperswil, CH
- Céline Baumann, Landschaftsarchitektin, CH
- Fanny Brandauer, Landschaftsarchitektin und Gastprofessorin Universität Kassel, DE
- Matthew Gandy, Geograf und Urbanist, UK
- Johanna Just, Architektin CH
- Franziska Klose, Künstlerin und Fotografin, Leipzig, DE
- Krebs und Herde Landschaftsarchitekten, Winterthur, CH
- Naturmuseum Winterthur
- OST – Ostschweizer Fachhochschule ILF Institut f. Landschaft u. Freiraum, Rapperswil, CH
- Stadtgrün Winterthur, Stadtwildnis, CH
«Neue Wildnis» wurde vom Studio Céline Baumann in Zusammenarbeit mit dem Gewerbemuseum Winterthur konzipiert.
gmw
Kontakt:
https://gewerbemuseum.ch/de/ausstellungen/neue-wildnis

Bild: «Trial of Invasives», Collage, 2025 Céline Baumann, © Studio Céline Baumann
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Kommentare von Daniel Leutenegger